Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 0 ° Sprühregen

Navigation:
Google+
Dresdner Werbeprofi untersucht Plakate des Bundestags­wahlkampfs

Von Dr. Best bis Meister Proper Dresdner Werbeprofi untersucht Plakate des Bundestags­wahlkampfs

Am kommenden Sonntag sind Bundestagswahlen, und die Vorboten lassen sich längst nicht mehr übersehen. Nahezu an jeder zweiten Straßenecke hängen Plakate, mit denen die Parteien auch in Sachsen in den Wahlkampf ziehen. Der Dresdner Werbefachmann Olaf Schumann hat für uns Motive unter die Lupe genommen.

Der renommierte Dresdner Werbefachmann Olaf Schumann hat für uns die Motive der wichtigsten politischen Vertreter unter die Lupe genommen.

Quelle: Montage

Dresden. Am kommenden Sonntag sind Bundestagswahlen, und die Vorboten lassen sich längst nicht mehr übersehen. Nahezu an jeder zweiten Straßenecke hängen Plakate, mit denen die Parteien auch in Sachsen in den Wahlkampf ziehen. Der renommierte Dresdner Werbefachmann Olaf Schumann hat für uns die Motive der wichtigsten politischen Vertreter unter die Lupe genommen – und kam zu höchst unterschiedlichen Ergebnissen.

CDU:

Statt im üblichen CDU-Orange geht die Partei Schwarz-Rot-Gold in den Wahlkampf. Damit hat sich die CDU die deutschen Nationalfarben von den Montagsdemonstranten zurückerobert. Patriotismus ohne Nationalismus – geht doch. Das Erscheinungsbild der Kampagne ist modern, eigenständig und kommt gänzlich ohne antiquierte Flaggensymbolik aus (wie zuweilen bei der AfD). Die diagonalen Bahnen erzeugen eine dynamische Bildspannung, visuell ist das mal was Neues. Die Themen-Plakate mit Aussagen zu Familie, Arbeit und Innerer Sicherheit lenken ein wenig von der eigentlichen Botschaft ab: die Kanzlerin selbst. Angela Merkel ist die Versinnbildlichung von Vertrauenswürdigkeit und Klugheit. Sie wirkt wie ein weiblicher Dr. Best aus der Zahnbürsten-Werbung mit der Tomate: Die Klügere gibt nach – und bleibt dabei trotzdem effektiv und beständig.

SPD:

Das Erscheinungsbild der SPD-Kampagne ist modern, aber nicht so neu wie bei der CDU. Die Sozialdemokraten vertrauen Bewährtem. Die quadratische Form des Logos dient als Platzhalter für die Überschrift – ganz zeitgemäß mit einem Hauch Transparenz. Die Fotos sind sehr gelungen, mit geringer Tiefenschärfe und in einem einheitlich hellblauen Look, passend zum SPD-Rot. Eine Fotoserie zu produzieren, die natürlich aussieht und trotzdem einer einheitlichen Fotoauffassung folgt, ist extrem schwer und entsteht niemals spontan und zufällig. Den Aufwand sieht man den Motiven nicht an, das macht die Fotos so professionell. Die Kampagne ist perfekt aufeinander abgestimmt. Darin liegt aber auch ein Problem: Das Ganze ist von guter Markenwerbung – etwa für Waschmittel – kaum zu unterscheiden. Martin Schulz ist aber nicht Meister Proper.

AfD:

Interpretationsfähige Wahlplakate sind riskant. Wenn die Empfänger sich ihren Teil denken müssen, dann funktioniert das nicht immer im Sinne des Absenders. Populismus kann auch unpopulär sein. Das ist das Dilemma der AfD-Werbung: Spricht man Fremdwähler mit christlich-humanistischer Bildung an oder lieber Nichtwähler mit fremdenfeindlichen Beißreflexen? Die AfD versucht in ihrer Kampagne einfach beides. Dem zivilisierten Teil der Bevölkerung serviert sie bunte Trachten oder Frauke Petry mit Baby, dem daueraufgeregten Rest wüste Attacken auf die Kanzlerin höchstselbst. Das Problem dieser Strategie: In den Asozialen Netzwerken kann man sich ungeniert austoben, auf der Straße jedoch nicht. Die einheitliche, aber sehr konventionelle Machart der Plakate kann diesen generellen Zielkonflikt nicht lösen.

Grüne:

Die Farbkombination tut weh. Violette Magenta-Töne gehören jetzt zur FDP, liebe Grüne! Und in Kombination mit Grün geht das schon gar nicht. Ein Bär in Magenta ist kein Eisbär, bestenfalls ein großer Gummibär, und eine so angemalte Kugel ist keine Erde, sondern ein Luftballon. Abgesehen von der geschmacklichen Entgleisung bei der Farbwahl sind serifenbetonte Schriften in Großbuchstaben auch noch schwer zu lesen. Das macht wirklich keinen Spaß. Alle Aussagen sind pfiffig, aber so allumfassend richtig, dass sie auch von (fast) jeder anderen Partei stammen könnten. Da steckt keine Idee dahinter, es wirkt austauschbar. Aber vielleicht ist das sogar Absicht, und die Grünen wollen sich für mögliche Koalitionsverhandlungen alle Türen offenhalten. Wer hätte je gedacht, dass eine Kampagne der Grünen einmal spießiger daherkommt als von der CDU.

Linke:

Die Roten sind jetzt reklamig-bunt. Im Gegensatz zum Einheitslook der vergangenen Jahre hat ihre Hausagentur diesmal tief in die Spielzeugkiste ge­griffen. Die Kampagne zerfällt dabei allerdings in ihre Bestandteile: Viel Kleines ergibt eben kein Großes. Die La­ternen-Plakate sehen eher nach Bastelarbeit an einer Waldorfschule aus. Jeder durfte mitmachen – so gut es eben ging. Die Texte sind zwar kurz und klar, aber viel zu simpel. Heraus kommt eine billige Verschlagwortung der Sprache. Die Anhänger werden sich bestätigt fühlen, alle anderen sind so kaum zu überzeugen. Das ist ein bemerkenswert dilettantischer Ansatz. Ganz anders kommen dagegen manche Großflächenplakate mit dem Spitzenpersonal daher. Die sind deutlich professioneller – gute Fotos, knackige Slogans. Warum die Linke eine so große Differenz zulässt, bleibt ihr Ge­heimnis.

FDP:

Pech für Heidi Klum: Germany’s Next Topmodel steht jetzt schon fest und kommt von der FDP. Doch so cool die schicken Fotos von Christian Lindner auch sind, die Gestaltung vom Rest der Plakate passt nicht zum Frontmann der Liberalen. Die grelle Alles-muss-raus-Typografie verspricht eher Kindergeburtstag als liberale Politik. Aber das Problem hat sich die FDP mit ihrem neuen Design nach dem Wahldebakel 2013 selbst eingebrockt. Früher waren die Liberalen Gelb, jetzt sind sie kunterbunt. Schöne Schwarz-Weiß-Fotos wie auf einem Plattencover von Bob Dylan können das auch nicht retten. Interessant sind dagegen die langen Texte auf einigen Plakaten. Das ist ein gezielter Regelbruch und passt zum allgemeinen Motto „Denken wir neu“. Allein die Textmenge soll deutlich machen, dass die Partei etwas zu sagen hat.

Von Jürgen Kochinke

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Wahl in Dresden und Umgebung

Die Bundestagswahl 2013 war in Dresden eine eindeutige Angelegenheit. Mit rund 40 Prozent holte die CDU die mit Abstand meisten Stimmen, gefolgt von Linken und SPD. Wir zeigen ihnen noch einmal im Detail, wie die Dresdner damals abstimmten. mehr