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Zur Erinnerungskultur des 13./14. Februar 1945: Zwischen Trauer und Instrumentalisierung

Terror oder was? Zur Erinnerungskultur des 13./14. Februar 1945: Zwischen Trauer und Instrumentalisierung

Der Umgang mit dem Schrecken von Dresden hat sich – auch wegen der zu Propagandazwecken auf 250.000 hochgeschriebenen Opferzahl – als anfällig für Instrumentalisierungsversuche erwiesen. Eine Betrachtung des Dresdner Historikers Prof. Reiner Pommerin.

Während der NS-Zeit kursierten Zahlen von 70 000 bis 100 000 beim Luftangriff auf Dresden ums Leben gekommener Opfer. Später wurde die Zahl zu Propagandazwecken auf 250 000 hochgeschrieben. Schon allein wegen dieser Zahlen erscheint die Bombardierung Dresdens schließlich als „einzigartig“.
 

Quelle: dpa/undatierte historische Aufnahme

Dresden.  Das Phänomen des jährlichen Begehens des Jahrestages des 13./14. Februar 1945 in Dresden macht eine Betrachtung der Geschichte seiner bis heute andauernden Instrumentalisierung für verschiedenste Interessen verständlicher. Zunächst instrumentalisiert das „Dritte Reich“ die Meldungen über die Bombardierung, um die eigene Bevölkerung zum „kämpfenden Widerstand“ gegen die Alliierten zu motivieren. Die NS-Propaganda bezeichnet den Angriff auf die „Kulturstadt Dresden“, die über keine kriegswichtige Industrie verfügt habe, als „sinnlos“. Weitere Termini, wie etwa „Kulturverbrechen“, „anglo-amerikanische Luftgangster“, oder „unschuldige Stadt“ finden selbst lange nach dem Ende des NS-Regimes bei Jahrestagen weiter Nutzung. Den, durch die historische Forschung erbrachten, Hinweis, dass die Stadt neben Kunstdenkmälern durchaus auch über Rüstungsbetriebe und militärische Einrichtungen verfügte, sehen einige Zeitgenossen selbst heute noch als Verleumdung an.

NS-Propaganda treibt Opferzahlen hoch

Die NS-Auslandspropaganda sucht mit Meldungen über den „militärisch sinnlosen anglo-amerikanischen Terrorangriff“ in der internationalen Öffentlichkeit Kritik am alliierten Luftkrieg zu wecken. Dies betreibt sie, geschmacklos, aber wirksam, mit dem Hinweis auf eine Zahl von 70 000 bis 100 000 beim Luftangriff ums Leben gekommener Opfer. Lange nach dem Ende der NS-Zeit steigern Publikationen in den fünfziger und sechziger Jahren, allerdings aus ganz unterschiedlichen Motiven, diese Zahl sogar noch. So erscheint allein schon wegen der kolportierten Opferzahlen von über 250 000 Toten die Bombardierung schließlich als „einzigartig“. Eine von der Stadtverwaltung eingesetzte Untersuchungskommission ermittelte 2010 eine Zahl von 25 000 Toten. Obgleich selbst diese furchtbare Zahl das menschliche Vorstellungsvermögen doch weit übersteigt, verhindert der Bericht keineswegs die weitere Nutzung überhöhter Opferzahlen, vom unzutreffenden und mehr als geschmacklosen Vergleich mit dem Atombombenabwurf auf Hiroshima einmal ganz zu schweigen.

Sowjets verweigern Dresden einen Trauertag

Gedenktafel in Tolkewitz (Ecke Knappe/Lewickistraße), die offenbar kurz nach dem Krieg die „Wohnungsbaugenossenschaft für Handwerk Handel und

Gedenktafel in Tolkewitz (Ecke Knappe/Lewickistraße), die offenbar kurz nach dem Krieg die „Wohnungsbaugenossenschaft für Handwerk Handel und Gewerbe in Dresden und Umgebung“ an einem ihrer Häuser anbringen ließ.

Quelle: Dietrich Flechtner

Einen Trauertag darf Dresden am ersten Jahrestag auf Weisung der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) nicht begehen. Da die Kooperation der Alliierten zu diesem Zeitpunkt keineswegs in Frage steht, soll zudem alles vermieden werden, was sich tendenziell gegen die Westalliierten richten könne. So bezeichnet OB Walter Weidauer die Zerstörung der Stadt völlig wahrheitsgemäß als Folge des von den deutschen Faschisten begonnenen Krieges. Sein Hinweis, dieses Opfer sei doch so wenige Monate vor Kriegsende sinnlos gewesen, taucht bei künftigen Jahrestagen immer wieder auf, so als ob tatsächlich bereits im Frühjahr 1945 für die Alliierten ein nahes Kriegsende erkennbar gewesen wäre. Natürlich trauern die Dresdner am 13. Februar 1946 trotz gegenteiliger SMAD-Weisung, und auch weiterhin werden jedes Jahr Überlebende und persönlich Betroffene zur Erinnerung an ihre aus dem Leben gerissenen Verwandte und Freunde an diesem Tag Blumen oder Kränze niederlegen.

Die Jahrestage 1947 und 1948 erfahren durch die SED noch keine Nutzung, der Wiederaufbau fordert alle Kräfte, doch dann beginnen SED und Staatsführung der DDR, die Jahrestage zu instrumentalisieren, um die Bevölkerung auf den jeweiligen Kurs ihrer Außenpolitik einzustimmen. So findet am 13. Februar 1949 – die Sowjetunion hat den Alliierten Kontrollrat verlassen und blockiert gerade Berlin – eine erste größere Demonstration statt, die sich gegen die „amerikanischen Kriegshetzer“ richtet.

Kampftag gegen den westdeutschen Imperialismus

Am 10. Jahrestag benennt schon allein der Aufruf zur „machtvollen Demonstration des Volkskampfes“ gegen die „Ratifizierung der Pariser Verträge und die Remilitarisierung Westdeutschlands“ das neue Ziel der Instrumentalisierung. Künftig machen organisierte Massenkundgebungen den 13. Februar zum „Kampftag“ gegen den „westdeutschen Imperialismus“. 1965 lautet die Losung der Kundgebung für den Jahrestag sogar: „Der deutsche Imperialismus – Todfeind des deutschen Volkes“. In den sechziger Jahren wechselt dann angesichts des Vietnamkriegs wieder die Zielrichtung der Instrumentalisierung. Jetzt erfolgt in Reden und auf Plakaten eine Erneuerung der früheren verbalen Attacken auf die USA. Erst angesichts des Grundlagenvertrags mit der Bundesrepublik und der Aufnahme der DDR in die UN endet mit der Kundgebung am 25. Jahrestag 1970 für ein Jahrzehnt die Zeit der Großkundgebungen.

Etabliertes Gedenkritual

Längst hat sich inzwischen für den Ablauf des Jahrestages eine Art Ritual etabliert. Nach Kranzniederlegungen auf dem Heidefriedhof, auf dem Postplatz und an anderen Stellen der Stadt folgen politische Reden, Gottesdienste beider Religionsgemeinschaften sowie kulturelle Veranstaltungen. Mittags steht der Verkehr für eine Gedenkminute still, ab 21:45 Uhr läuten die Kirchenglocken. Neben den vorrangig an „runden“ Gedenktagen erbrachten regelmäßigen politischen Absichtserklärungen und Trauerbekundungen hoher SED-Funktionäre, stehen selbstverständlich auch weiterhin die Zeichen tiefer Trauer persönlich Betroffener. Für viele Dresdner gehört zum 13. Februar inzwischen auch die Anwesenheit bei dem vom Kreuzchor in der Kreuzkirche vorgetragenen Requiem, oder der Besuch der Gedenkkonzerte der Staatskapelle.

Kerzen an der Frauenkirchen-Ruine

Ohne Kenntnis des Staates schlagen Dresdner Jugendliche subversiv mit einem Kettenbrief, der bis Berlin Verteilung findet, für den 13. Februar 1982 eine Gedenkfeier vor, um ihrem Wunsch nach Frieden Ausdruck zu verleihen. Vor der Ruine der Frauenkirche sollen Blumen niedergelegt, und das Protestlied der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung „We shall overcome“ angestimmt werden. Die Evangelische Landeskirche gelingt es, zum Schutz der schließlich zusammenkommenden 5000 Jugendlichen daraus ein Friedensforum in der Kreuzkirche zu machen. Nach Diskussion und Friedensgebet ziehen viele Teilnehmer zur Frauenkirche und legen dort still Blumen und angezündete Kerzen nieder. Für die Entwicklung einer gegenüber dem sozialistischen Staat kritischen kirchlichen Friedensbewegung, der Bürgerrechts- sowie der Menschenrechtsbewegung in der DDR setzt der 13. Februar 1982 ein wichtiges Zeichen. Das stille Gedenken und Platzieren brennender Kerzen ist künftig fester Bestandteil des Jahrestages.

Glasnost öffnet Tor zum Gedenktag

Am 40. Jahrestag, kommt es noch zu einer größeren Veranstaltung der SED in der Dresdner Innenstadt, aber die Zeit der Instrumentalisierung des 13. Februars durch die DDR läuft langsam ab. Mit der Bereitschaft zu Abrüstungsverhandlungen legt der neue Generalsekretär der KPdSU Michail Gorbatschow den Grundstein für die Beendigung des „Kalten Kriegs“. Die veränderte politische Großwetterlage ermöglicht nach der Annäherung von Sowjetunion und USA die geschickte Nutzung eines Zeitfensters zur Einigung Deutschlands. Damit ist der 13. Februar wieder ein Gedenktag allein der Stadt Dresden, dessen Begehen allerdings, schon durch den Wiederaufbau der Frauenkirche, stets ein internationales Echo hervorruft.

Rechtsextremisten missbrauchen 13. Februar

Ab 1998 suchen Rechtsextremisten den Jahrestag für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Schließlich kommt es am 13. Februar 2005 – die NPD sitzt bereits im Sächsischen Landtag – zum größten Aufmarsch von Neonazis in Europa. Ihr Schlagwort „Bombenholocaust“, setzt den Luftangriff auf Dresden völlig geschmacklos mit dem Holocaust gleich, weist allein den Westalliierten Kriegsschuld sowie Kriegsverbrechen zu und sucht somit aus Tätern Opfer zu machen.

Breites Bündnis gegen braune Flut

Die Absicht der Instrumentalisierung des Gedenk- und Trauertages von rechts führt in Dresden zu einem breiten Bündnis. So schließen sich u.a. politische Parteien, Kirchen, Gewerkschaften, jüdische Gemeinde, Zeitzeugenverband, Antifa und autonome Gruppen mit engagierten Bürgern gegen die braune Flut zusammen. Beständig werden an den Jahrestagen die Aufmärsche von Neonazis behindert und wenn möglich von der Innenstadt abgedrängt. Als Zeichen gegen menschenverachtende Ideologien werden weiße Rosen getragen, Kerzen angezündet und Menschenketten gebildet.

Es ist zu wünschen, dass der Jahrestag des 13. Februars 1945 künftig nicht weiterhin zu diversen Zwecken instrumentalisiert, sondern als ein Tag der Trauer und des Gedenkens an die Dresdner Toten und darüber hinaus an alle Opfer von Krieg und Gewalt begangen wird.

Lesen Sie auch Teil 1 der Betrachtungen von Prof. Pommerin zum 13. Februar.:  „Dresden ist jetzt als Ziel möglich“

Von Prof. Dr. Reiner Pommerin

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