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Pfarrer David Hansen berichtet über die Erfahrungen eines US-Bomberpiloten

13. Februar Pfarrer David Hansen berichtet über die Erfahrungen eines US-Bomberpiloten

Ein amerikanischer Bomberpilot schwieg 50 Jahre, bis die Erinnerung an Dresden aus ihm herausbrach. Ein Pastor in Cincinatti stellte die richtigen Fragen und brachte den Weltkriegsveteranen dazu, Gott um Vergebung zu bitten. Wie es dazu kam, hat er aufgeschrieben.

Der Gedenkstein auf dem Heidefriedhof erinnert an die bis zu 25 000 Opfer, die bei dem Bombardement Dresdens ums Leben gekommen sind.
 

Quelle: picture alliance / dpa

Cincinnati, Ohio. Als meine Schwester und ich sehr klein waren, versuchte unsere Mutter, uns ein wenig Geschichte und Politik näherzubringen. Sie fand Gefallen daran, uns vom Zweiten Weltkrieg zu erzählen. Immer wieder beschrieb sie den Krieg ihrer Generation und zeigte leidenschaftlichen Patriotismus – mit einer Ausnahme: dem Bombenangriff auf Dresden. „In Dresden“, so sagte sie, „haben wir uns genauso verhalten wie unsere Feinde, und das war falsch“.

Ich wuchs heran, studierte Theologie. 1980 übernahm ich meine erste Gemeinde als Pfarrer. In einer kleinen Kirchgemeinde in Montana traf ich Vic. Obwohl wir zwei verschiedenen Generationen angehören, fischten wir leidenschaftlich gern und oft gemeinsam. Wir schätzten das Gefühl von tiefer Verbundenheit und vertrieben uns auf der langen Heimfahrt die Zeit oft mit Vics Kriegsgeschichten.

Mittendrin erwähnte er einmal, dass er beim Bombenangriff auf Dresden in einem der Flugzeuge saß. Es war nur ein einziger Satz, eingeflochten in eine Geschichte darüber, wie er sehr geschickt die Zerstörung einer Kirche vermieden hatte. Er beschrieb ausführlich und emotional, wie er Jahre später diese Kirche besuchen wollte. Weckten seine Erzählungen über das verschwundene Gotteshaus seine Erinnerungen an einen Einsatz, in dem er auf nichts anderes als auf Zivilbevölkerung Bomben abgeworfen hatte?

Zu diesem Zeitpunkt war Vic noch nicht bereit, über Dresden zu sprechen. Er ließ die Dresden-Nadel nur leise fallen, in dem Wissen, dass ich sie im Heuhaufen schon wiederfinden würde.

13. Februar 1995

Ich bin mir nicht sicher, ob ich Vic jemals auf Dresden angesprochen hätte, wenn nicht irgendjemand im Haus am Morgen des 13. Februar 1995 ferngesehen und auf den Wetterbericht gewartet hätte. Als ich vorbeilief, sprangen mir Kriegsbilder ins Auge. Als der Reporter verkündete, dass an jenem Tag der 50. Jahrestag des Bombenangriffs auf Dresden war, wusste ich, wo ich an diesem Nachmittag sein würde.

Ich rief Miles, unseren Jugendpastor, an und fragten ihn, ob er Lust hätte, mit mir zusammen Vic und Joan zu Hause zu besuchen: „Es ist der 50. Jahrestag von Dresden. Mal sehen, ob Vic etwas dazu zu sagen hat.“ Miles erklärte sich bereit. Ich rief Vic an und frage ihn, ob es möglich wäre, dass wir ihn besuchen kommen und gab auch den Grund an. Er schien sich darüber zu freuen.

Als wir ankamen, lagen Schwarzweißbilder mit Eselsohren, die ein Geschwader mit B-17-Bombern zeigen, verstreut auf dem Kaffetisch und den Sofakissen, zusammen mit einem spiralgebundenen Einsatztagebuch, allerlei offiziellen Dokumenten und einem kleinen Hochzeitsfoto. Vics wettergegerbtes Gesicht verschmolz mit seinen Händen. „Ich bereue zutiefst, bei diesem Einsatz über Dresden mitgemacht zu haben“, drangen die Worte aus ihm heraus. „Wir alle haben Hitler gehasst. Wir hatten einen Auftrag zu erfüllen, und wir haben es verdammt gut gemacht. Aber wir hätten nicht Dresden zerstören sollen. Es gab keinen Grund dafür. Es war einfach nur Rache – aber das war nicht das, wofür wir gekämpft haben. Es war falsch.“

Ich bot ihm an, für ihn zu beten, was er auch annahm. Nach meinem Amen und bevor wir unsere Köpfe hoben, fing Vic plötzlich an zu beten und bat Gott, ihm seinen Anteil an diesem Einsatz zu vergeben. Er war ein Leitbombenführer gewesen. Er hatte die Ziele ins Visier genommen und die Bomben abgeworfen.

Vics Frau Joan, spindeldürr und mit kurzen, weißen Haaren, saß still in einem dick gepolsterten Sessel in einer Ecke des Raums. Eine Stunde lang tropften Tränen von ihrem blassen, faltigen Gesicht, während eine Sauerstoffmaschine in regelmäßigen Abständen vor sich hinpustete, um die Luft für ihre kranke Lunge anzureichern.

Joan hatte ein flottes Mundwerk und haute gerne knackige Sprüche raus, die noch klüger, hoffnungsvoller und treffender geworden waren, seitdem sie im Alter von 60 Jahren zum christlichen Glaubengefunden hatte und in diesem Zuge auch einer Selbsthilfegruppe für Alkoholiker beigetreten war. Im Anschluss an Vics Beichte wandte sie sich mir zu und sagte: „Das ist das erste Mal, dass Vic über Dresden gesprochen hat. Es ist sowieso das erste Mal in 50 Jahren, dass er über den Krieg gesprochen hat. Ich habe diese Bilder vor dem heutigen Tag noch nie zu Gesicht bekommen. Danke, dass Du an diesem besonderen Tag vorbeigekommen bist, um Vic die Gelegenheit zu geben, seine Gefühle mit jemandem zu teilen. Er hatte all das sehr lange für sich behalten.“

Ein Jahr nach Vics Geständnis wohnte unser Sohn Evan als Austauschstudent in Ostdeutschland. Er begriff schnell, dass Dresdens Feuer in den Herzen mancher Deutscher immer noch brannte und dass Amerikaner besser nicht in den Kohlen herumstochern. Gott segnete unseren Sohn mit rücksichtsvollen und fürsorglichen Gasteltern. Sie waren atheistisch, hatten keine schlechten Erinnerungen an die DDR und gehörten zu denen, die Dresden immer noch liebten. Als der 51. Jahrestag der Dresdner Bombennacht nahte, nahm Evan all seinen Mut zusammen und erzählte seinen Gasteltern, dass er zu Hause einen der Dresdner Bombenflieger kannte und dass dieser alte, ehrwürdige Mann diesen Einsatz zutiefst bedauerte. Das überraschte sie sehr, und es erfreute sie zugleich.

Vics Reaktion auf die Nachricht über diese positive Aufnahme seines Geständnisses war ein breites Grinsen. Dann kniff er die Augen zusammen, bis sich die Tränen ihren Weg gebahnt hatten. Seine Nase lief, und er schniefte, als er in Lachen ausbrach: „Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin zu hören, dass meine Geschichte jemandem geholfen hat. Ich hätte nie zu hoffen gewagt, dass das passiert. Ist Gott nicht großartig?“

Dass Krieg tiefe emotionale Wunden in den Kämpfern hinterlässt, steht außer Diskussion. Manche leben nicht lange genug, um sie aufbrechen zu lassen. Bei anderen bahnt sich die Infektion über viele Jahre ihren Weg ans Tageslicht, um dort dann nur als kleiner Pickel aufzutauchen – bis dieser durch eine Frage wie „Was kannst du uns über Dresden erzählen?“ aufplatzt. Dann geht alles ziemlich durcheinander, Splitter treten zu Tage, Geständnisse desinfizieren die Wunde, und die Gewissheit um Vergebung näht sie zu.

Vics Infektion enthielt mindestens zwei Splitter: das Überlebendensyndrom und die moralische Schuld. Er hatte in 90 Einsätzen nicht einen Kratzer abbekommen, obwohl Splitter von Artilleriegeschossen sein Flugzeug und seine Flugkameraden trafen. Sie auf den Flügen zurück nach England in ihren Qualen zu hören, brannte sich wie ein Schüreisen langsam, tief und anhaltend in sein Herz ein. Vic konnte nicht verstehen, warum er überlebt hatte, während andere starben. In ihm vermischten sich Gefühle der Dankbarkeit gegenüber Gott mit Fragen, von denen er wusste, dass Gott sie nie beantworten würde.

Die Angriffe auf Dresden hatten in Vic ein leichtes Fieber moralischer Schuld erzeugt, derer er sich kaum bewusst war. Wenn er darüber nachdachte, war er sich nicht sicher gewesen, ob er Gott um Vergebung bitten sollte oder nicht. Er war schließlich ein Soldat, der Befehlen gehorchen musste und der einen Feind bekämpft hatte, der fest vorgehabt hatte, die Welt zu versklaven. Er war es ja nicht gewesen, der die Luftangriffe angeordnet hatte, und er hätte sich nicht weigern können, zu fliegen. Andererseits hält man heute Kriegsgerichte über Soldaten ab, die absichtlich Zivilbevölkerung töten. Der Vergleich hinkt, aber spiegelt wider, wie die eine Frage in Vics Gedanken kam: Muss ich mich schuldig bekennen?

Das führt unweigerlich zu der allgemeineren, genauso wenig beliebten Frage, ob ein Soldat im Krieg moralische Schuld auf sich lädt. Auch wenn er dankbar ist, am Leben zu sein, so lebt er weiterhin im gleichen Körper und muss den Schmerz aushalten, den die Dinge erzeugen, die er getan und gesagt hat. 50 Jahre lang hat Vic damit gerungen, und der innere Kampf hat seinen Tribut gefordert. Vic hatte 50 Jahre gebraucht, um sich zu öffnen, Gott um Vergebung zu bitten und sich mit diesem schmerzhaften Teil seiner Vergangenheit zu versöhnen.

Es war ein großes Privileg für mich, dabei eine Rolle spielen zu dürfen, und es erfüllte mich mit Ehrfurcht. Ich hoffe sehr, dass Vics Geschichte anderen helfen mag, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, sich auch zu öffnen, Gott um Vergebung zu bitten und sich mit ihren eigenen schmerzhaften Erfahrungen zu versöhnen.

Von Pfarrer David Hansen, Ohio

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