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Heidefriedhof und Kulturhauptstadt? „Das gehört zusammen“

Dresdner Vereine wollen einen Lernort entwickeln Heidefriedhof und Kulturhauptstadt? „Das gehört zusammen“

Kulturhauptstadt Dresden? Das geht nur, wenn der Heidefriedhof mit im Konzept verankert ist, sind sich drei Vereinsvorsitzende einig. Sie bieten der Stadt die Expertise ihrer Vereine an, um den Heidefriedhof zu einem Lernort zu entwickeln.

Dresden hat sich als Opferstadt inszeniert.

Quelle: mh

Dresden. Wenn Dresden europäische Kulturhauptstadt 2025 werden wolle, dann müsse in den konzeptionellen Überlegungen auch der Heidefriedhof eine Rolle spielen. „Die Erinnerungskultur sollte ihren eigenen Stellenwert innerhalb der Bewerbung erhalten. Dresden muss mit Blick auf das Thema Kulturhauptstadt seine Vergangenheit hinterfragen“, fordert Justus Ulbricht, Vorsitzender des Dresdner Geschichtsvereins. Er hat mit den Vereinsvorsitzenden Matthias Neutzner (Memorare Pacem) und Holger Hase (Denk Mal Fort!) erste konzeptionelle Ideen erarbeitet und diese Umweltbürgermeisterin Eva Jähnigen (Bündnis 90/Die Grünen) und Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Die Linke) vorgestellt.

„Der politische Wille ist da, die Dinge voranzubringen“, stellte Hase fest. „Wir wollen unsere fachliche Expertise in diesen Prozess einbringen.“ Ziel sei es, den Heidefriedhof in einen Lernort zu verwandeln. „Wir haben in Dresden keine andere Denkmalinstallation, die die Komplexität des Themas so gut illustriert“, findet Neutzner. Das biete die Chance, den Heidefriedhof nicht nur als Ort der politischen Auseinandersetzung zu etablieren. „Wir müssen die unterschiedlichen Bedeutungsebenen des Ortes verstehen und thematisieren“, glaubt Neutzner.

Die Anlage müsse in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit erhalten bleiben. Sie lege auf 500 Metern Zeugnis ab über 70 Jahre Erinnerungskultur. „Das sollte nicht museal überschrieben werden. Wir sollten unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten anbieten“, erklärte Neutzner. „Wir wollen Nachdenklichkeit und Nachfragen erzeugen. Aber wie man das vermittelt, ist noch völlig offen.“

Das hohe Irritationspotenzial des Ortes müsse genutzt werden. „Der Heidefriedhof ist ein zutiefst irritierender Ort, der aus der Zeit gefallen ist mit seiner Symbolik“, so Neutzner. Was sage der Stelenkreis aus, in dem der Name Dresden in einer Reihe mit Auschwitz, Theresienstadt oder Sachsenhausen steht? „Nimmt die Stadt Dresden das Leid der anderen Orte wahr? Oder wird die eigene Verantwortung verdeckt?“ Dresden habe es erreicht, national und international als eine Opferstadt wahrgenommen zu werden, meint Ulbricht. „Diese Aufmerksamkeit von außen hat kaum eine andere Stadt.“

Die Anlage lasse vieles im Vagen, der Heidefriedhof sei eine Art Memorial-Kombinat aus DDR-Perspektive. Am Morgen sei zu DDR-Zeiten auf dem Friedhof der Opfer gedacht worden, eher zurückhaltend und nicht propagandistisch, so Neutzner. Später am Tag sei man in der Stadt in die Symbolik des städtischen Wiederaufbaus gewechselt. „Da ging es dann zur Sache.“

Ein 1969 geplanter Umbau des Friedhofs mit deutlicher ideologischer Akzentuierung sei nicht zustande gekommen. Das biete jetzt die Chance, den Ort verstehen zu lernen. „Wir müssen dieses Anliegen im vorpolitischen Raum klären und verhindern, dass sich politische Dilettanten des Themas bemächtigen“, fordert Hase. „Wenn wir uns nicht um den Heidefriedhof kümmern, werden dort Dinge geschehen, die wir nicht wollen.“ Er sei skeptisch, dass die Stadterwaltung mit ihren vielen Zuständigkeiten das Thema bewältigen könne. Für das Friedhofsgelände ist die Umweltbürgermeisterin verantwortlich, für die Konzepte wiederum die Kulturbürgermeisterin. „Interdisziplinäres Denken ist die Stärke der Verwaltung nicht“, so Hase.

Das ist eine Kompetenz, die in den drei Vereinen vorhanden ist. Im Frühsommer 2017 ist ein interdisziplinäres wissenschaftliches Kolloquium auf europäischer Ebene zum Konzept geplant. Daran soll sich ein Konsultationsprozess mit Akteuren und Institutionen aus Kultur und Tourismus anschließen, die als Partner für die Erschließung des Heidefriedhofs gewonnen werden könnten. „Wir wollen ein kluges Papier entwerfen, das die pädagogische Idee auf den Punkt bringt“, kündigt Ulbricht an. „Erst dann werden wir in den politischen Kampf ziehen.“ Als Vorbild für den Prozess könne die Arbeit am städtischen Konzept zur Erinnerungskultur dienen, für das der Stadtrat einen Ausschuss ins Leben gerufen und kompetente Bürger für die Mitarbeit gewonnen hatte, so Hase. 2014 wurde das erinnerungspolitische Konzept vorgestellt – 2019 sollte das Konzept für den Heidefriedhof in die Bewerbungsunterlagen für die Kulturhauptstadt mit einfließen. „Wir wollen die Bürgerschaft in den Diskussionsprozess einbeziehen. Gerade deshalb, weil die Erlebnisgeneration immer kleiner wird und sich die Erinnerungskultur deshalb massiv verändert“, so Ulbricht.

Von Thomas Baumann-Hartwig

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