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Sportmix Das beste Footballspiel aller Zeiten
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09:53 06.02.2017
Der alles entscheidende Touchdown beim 51. Super Bowl in Houston.  Quelle: Daniel Killy
Houston

 Es war ein Super Bowl der absoluten Superlative: Der größte Rückstand, der je aufgeholt wurde, die erste Verlängerung. Der erste Quarterback, der fünf Titel gewinnt, der erste Trainer, der fünf Titel gewinnt. Oder, einfacher gesagt: Die New England Patriots schlagen die Atlanta Falcons nach 3:28 Rückstand in der Verlängerung beim Super Bowl LI in Houston mit 34:28.

So dramatisch war noch kein Super Bowl: Star-Quarterback Tom Brady führte die New England Patriots in einer historischen Aufholjagd gegen die Atlanta Falcons mit 34:28 zum Sieg. In der Premieren-Verlängerung eines NFL-Finals holt sich der Favorit nicht nur die fünfte Meisterschaft, sondern auch weitere Rekorde.

Kaffeesatz-Leser hatten es schon mit der Trikotwahl der „Heimmannschaft“ gewusst. Das würde nichts werden mit den Atlanta Falcons und ihren roten Jerseys. In zehn der letzten elf Gipfeltreffen des American Football hatten die späteren Sieger weiße Trikots getragen. Farblich schien also alles klar für die Patriots, die zudem mit Trainer Bill Belichik einen Coach haben, der zum zehnten Mal im Super Bowl stand. Und mit Tom Brady, der sein siebtes Finale spielte. Ihm gegenüber stand sein acht Jahre jüngerer Rivale Matt Ryan, am Vorabend gerade zum besten Spieler der abgelaufenen Saison, zum MVP, gekürt. Auch das ein Omen für Statistik-Freaks. 1999 hatte der letzte Spieler einen Super Bowl gewonnen, der zuvor MVP geworden war – Kurt Warner 1999 mit den St. Louis Rams.

Brady hatte zudem noch emotionale Unterstützung im Stadion. Seine Eltern waren da, was deshalb ganz besonders war, das seine Mutter gerade erst eine schwere Erkrankung überwunden hatte. Und die Falcons samt ihrer großen Fangemeinde hofften ebenso leidenschaftlich, dass ihre überragende Saison mit dem Titel gekrönt werden würde. Es war also alles angerichtet für ein spannendes und ereignisreiches Spiel: die beste Abwehr gegen den besten Angriff.

Bush senior startete das Spiel

Großer Jubel brandete in Houston schon beim traditionellen Singen von „America the Beautiful“ auf. Phillipa Soo, Renee Elise Goldsberry und Jasmine Cephas Jones, Stars aus dem Musical „Hamilton“, sangen die heimliche Hymne – und fügten prompt das Wort „Schwesterlichkeit“ ein, als von Brüderlichkeit gesundeten wurde. Eine der kleinen, aber feinen musikalischen Anspielungen gegen die aktuellen politischen Ereignisse, auf die noch weitere folgen sollten. Die echte Hymne, das „Star Spangled Banner“, wurde dann von Country-Star Luke Bryan vorgetragen. Richtig zum Toben brachte aber jemand das Stadion, der schon beinahe totgesagt worden war: Altpräsident George Herbert Walker Bush, gerade noch schwer krank im Hospital gewesen. Er wurde mit seiner Ehefrau Barbara, auch sie eben frisch genesen, in die Mitte des Feldes gebracht, um den Münzwurf zu machen, der entscheidet, welches Team das Spiel beginnt. Atlanta gewann.

Das erste Viertel endete so, wie alle es erwartet hatten: 0:0. Zwei starke Quarterbacks warfen starke Pässe, die allerdings nie so weit kamen, dass sie wirklich Gefahr verursachten, weil auch die Abwehrreihen keine Fehler machten. So neutralisierten beide Teams einander, wobei die Patriots leicht im Vorteil waren, da sie Atlantas Offensivwalze aufhielten. Deren große Stärke war in dieser Saison eigentlich frühes Punkten. Für die Patriots hingegen schien alles wie gewohnt: Zum siebten Mal im Super Bowl, zum siebten Mal keine Punkte im ersten Abschnitt.

Matt Ryans perfekte Hälfte

Dafür schlugen die Falcons dann früh im 2. Quarter zu. Es waren noch 12:15 (von 15 Minuten je Viertel) zu spielen, als Quarterback Matt Ryan einen Ball an Running Back Devonta Freeman übergibt und der sich aus fünf Yards Entfernung in den Strafraum wirft. Der nächste Touchdown ließ gegen die mittlerweile fahrig wirkenden Patriots nicht lange auf sich warten. Matt Ryan’s 19-Yards-Pass auf Austin Hooper führte zum 14:0. Und es sollte noch schlimmer kommen. Einen Fehlpass von Brady schnappte sich Cornerback Robert Alford und rannte 82 Yards mit dem Ball zum dritten Touchdown. Mit einem Fieldgoal und den daraus resultierenden drei Punkten betrieben die Patriots vor der Pause noch etwas Ergebniskosmetik. Der 3:21-Rückstand zur Pause war für Brady und seine Patriots trotzdem eine Riesenkatastrophe. Zehn Minuten hatten genügt, um New Englands Hoffnungen auf den fünften Titel scheinbar zu pulverisieren. Denn noch nie hatte ein Team im Super Bowl mehr als zehn Punkte aufgeholt. Das war den Patriots selbst 2015 gegen Seattle gelungen. Der Rückstand hätte sogar noch höher ausfallen können, wenn Atlanta nicht durch mehrere Fouls weitere Chancen vergeben hätte. So schlichen die Favoriten wie geprügelte Hunde in die Halbzeit. Und Atlantas Matt Ryan konnte Lady Gagas Performance entspannt anschauen. Hatte der 31-Jährige zur Pause doch das perfekte Quarterback-Rating von 158,3. Das ist eine Statistik, die die Leistung eines Quarterbacks nach einem komplizierten Wertungssystem misst. Dessen theoretische Höchstzahl liegt bei eben jenen 158,3.

Feinsinnige politische Demonstration

Eine Höchstwertung hätte gewiss auch Lady Gaga verdient. Denn ihre Halbzeitshow war schlicht fantastisch und voller illusionistischer Elemente. Zunächst stand sie auf dem riesigen Klappdach der Arena – vor einem Sternenhimmel, der sich wie von Geisterhand gelenkt in ein Sternenbanner wandelte. Dann stürzte sich Gaga ins Stadionrund, um nach einem eleganten Abseilakt auf einer turmartigen Plattform zu Stehen zu kommen – und „Poker Face“ zu singen. Ihre von den einen ersehnte und von anderen befürchtete politische Botschaft gegen Donald Trump war elegant in einer musikalischen Botschaft versteckt. Als Prolog ihrer Show sang sie nämlich auf dem Dach ein Medley aus Irving Berlins „God Bless America“ und Woodie Guthries „This Land is Your Land“. Dieses Lied von 1944 war schon immer eine Hymne der Bürgerrechtsbewegung – und ist auch der Song, den die Anti-Trump-Demonstranten immer gemeinsam anstimmen. „Dieses Land gehört Dir und mir, dieses Land wurde für Dich und für mich gemacht“, heißt es da. Und zum Schluss zitierte Lady Gaga noch aus dem Fahneneid der Vereinigten Staaten: „Eine Nation unter Gott, unteilbar, voller Freiheit und Gerechtigkeit für alle.“ Eleganter und feinsinniger wurden schon lange nicht mehr schallende politische Ohrfeigen verteilt.

Spektakuläre Show

Einfach spektakulär war der Rest ihres 13-minütigen Auftritts. Massen von Tänzern, feuerspeiende Türme, eine unglaubliche Farbchoreographie und die Hits „Born This Way“, „Telephone“, „Just Dance“, „Million Reasons“ und schließlich „Bad Romance“. So wie die Show begann, endet sie auch: Mit einem spektakulären Sprung. Erst fängt sie einen Football auf, dann stürzt sie sich mit dem von der Showtreppe. Eine perfekte Mischung aus Entertainment, Illusion, Konzert, Kunst-Performance und politischer Botschaft. Ein intellektuelles wie optisches Feuerwerk.

Dem sollte allerdings ein sportliches folgen, das sogar diese Show noch in den Schatten stellte. Zur Pause wies Brady ein jämmerliches Rating von 66,8 auf. Und Wide Receiver Julian Edelman hatte gerade einmal Bälle über eine Gesamtdistanz von 49 Yards gefangen. Die beiden Topstars des Topfavoriten waren also die klaren Sündenböcke. Ballverluste, Fehlpässe – das Unglück nahm seinen Lauf für die erfolgsverwöhnten Patriots. Es waren noch 8:36 Minuten im 3. Quarter zu spielen, da verwandelte Runningback Tevin Coleman einen Pass von Matt Ryan zum spielentscheidenden 28:3. „Write it down“, „schreibt das auf“, brüllte der besoffene Falcons-Fan direkt neben der Pressetribüne, wankte im Wortsinne siegestrunken auf die Medienplätze zu und war kaum zu bremsen.

Bradys unglaubliche Aufholjagd

Alles schien vorbei. Auch nachdem James White für New England auf 9:28 verkürzte. Doch im vierten Quarter passierte dann das Wunder von Houston. Brady fing sich und damit sein Team. Noch knapp zehn Minuten waren zu spielen, da gab’s das nächste Fieldgoal. Jetzt waren es „nur“ noch 16 Punkte. Die 70807 Zuschauer trauten ihren Augen nicht. Atlanta verlor den Ball, Touchdown Patriots. Noch sechs Minuten zu spielen – und plötzlich stand es 20:28. Denn New England hatte eine sogenannte Two-Point-Conversion gespielt. Statt eines Kicks zum Extrapunkt spielt man den Ball noch mal zu einem zweiten Touchdown, der dann zwei Punkte zählt. Dann kam der große Auftritt des Julian Edelman. Mit einer akrobatischen Leistung fing der einen 23-Yard-Pass von Brady zu einem erneuten First Down. So blieb 1:57 vor Schluss New England weiter in Ballbesitz. Bei Brady saß jetzt jeder Pass. Und eine Minute vor Schluss schaffte James White den Anschluss zum 26:28. Sekunden vor Schluss gelang dann erneut eine Two-Point-Conversion.

Triumph in der Verlängerung

Zum allerersten Mal in 50 Jahren Super Bowl gab es Verlängerung. Ein Touchdown reicht da zum Sieg. Diesmal gewinnen die Patriots den Münzwurf. Brady-, Brady-Rufe hallen durch die Arena. Die Patriots-Fans sind gänzlichen aus dem Häuschen. Brady wirft einenm Raumgewinn nach dem andern. Wieder fängt Edelman einen riskanten Wurf seines Chefs und plötzlich liegt der Ball nach knapp vier Minuten Verlängerung zwei Yards vor der Endzone der Falcons. Es ist schließlich wieder James White, der sich die letzten Zentimeter in die Endzone und damit ins Glück wirft. Für einen kurzen Augenblick der Ungläubigkeit friert die gesamte Szenerie ein. Dann ist nur noch Jubel und Konfetti-Regen. Und Brady hat noch einen Rekord. 466 Yards hat er an Pässen geworfen, so viel wie noch niemand zuvor. Und MVP des Super Bowl wird er natürlich auch.

Tapfere Verlierer, entrückte Sieger

Entsprechend bedient war natürlich der Verlierer Matt Ryan. Diese Niederlage tut weh. Alle sind total enttäuscht. Es ist nicht leicht, wenn man so weit gekommen ist und nicht das Ergebnis erzielt, das man haben will. Aber wider alles werden wir auch das hinter uns lassen uns zusammenraufen und uns hoffentlich wieder so präsentieren. Wir haben ein junges Team, ein gutes Football-Team – und werden hoffentlich wieder im nächsten Jahr gleich weit kommen.“ Brady war natürlich gänzlich entrückt. „Meine Eltern fühlen sich glaube ich sehr gut“, sagte er unmittelbar nach dem Spiel und fügte dann hinzu: „Es war ein unfassbares Footballspiel. Diese Falcons zu schlagen nach einem 3:28-Rückstand, das bedurfte einer Menge mentaler Stärke unsererseits. An dieses Spiel werden wir uns für den Rest unseres Lebens erinnern.“

Wir, die wir dabei sein durften, auch. Danke für einen phänomenalen Abend, sportlich wie künstlerisch. Und Danke, Houston für eine fabelhafte Super-Bowl-Woche. Auf ein Neues, 2018 in Minneapolis!

Von RND/Daniel Killy