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Fußball Uli Hoeneß: Der Patriarch kehrt zurück
Sportbuzzer Fußball Uli Hoeneß: Der Patriarch kehrt zurück
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09:20 25.11.2016
Uli Hoeneß. Quelle: imago
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München

Zuerst war Martin Taucher ganz still. Dann musste er dreimal nachfragen, ob das jetzt wirklich stimmt, was er da gerade gehört hat. Weil es stimmt, schnaufte der 37-Jährige dreimal durch. „Und dann ging das Zittern los“, erinnert er sich gut zwei Wochen später an den Anruf, der ihm einen sehr prominenten Besucher avisierte.

Taucher ist Vorsitzender des FC-Bayern-München-Fanklubs Röslau e. V. und in diesen Tagen furchtbar nervös. Denn wie jedes Jahr schickt der Rekordmeister seine Mitarbeiter und Stars an einem Adventssonntag auf Tour an die Basis. Wenn man Pech hat, kommt ein Ersatztorwart zu Besuch. Taucher und die übrigen 350 Mitglieder des Röslau e. V. haben Glück gehabt. Sie dürfen am Sonntag den höchsten Repräsentanten ihres geliebten Fußballklubs empfangen, Uli Hoeneß wird die Bayern-Fans aus der 2158-Einwohner-Gemeinde im Fichtelgebirge beglücken. Dafür haben sie eine Halle im benachbarten Wunsiedel angemietet und eine Tombola zugunsten der örtlichen Nachbarschaftshilfe organisiert. 450 Leute passen in die Halle, 450 Leute werden da sein. „Dass wir den Uli Hoeneß bekommen haben, toppt einfach alles“, sagt Taucher.

„Er ist der FC Bayern“

Hoeneß wird am Sonntag seit zwei Tagen wieder Präsident des FC Bayern München sein. Auch den Vorsitz des Aufsichtsrats wird er übernehmen. Niemand zweifelt daran, dass der 64-Jährige bei der Mitgliederversammlung am Freitag im Münchner Audi Dome von bis zu 8500 erwarteten Fans mit überwältigender Mehrheit gewählt wird. Er ist der einzige Kandidat, der aktuelle Amtsinhaber Karl Hopfner hat sich zurückgezogen, er war eh nicht viel mehr als ein Platzhalter für den alten und neuen Chef. Die Macht lag in der Zwischenzeit bei Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, Zimmerkollege von Hoeneß in der aktiven Fußballerzeit.

Rummenigge wird viel von dieser Macht wieder abgeben müssen. Denn Hoeneß wird verehrt von den Anhängern, als Mensch, als Macher, als Patriarch. Fanklub-Chef Taucher sagt: „Er ist der FC Bayern.“ Und der FC Bayern ist mit seinen 277.000 Mitgliedern der mit Abstand größte Sportverein der Welt. Ihm gehören damit fast doppelt so viele Menschen an wie der CSU. Entsprechend wirkt der Einfluss der Münchner über den Fußball hinaus. Wenn zum Beispiel Peer Steinbrück (SPD) als Bundesfinanzminister Rat suchte, fragte er unter anderem: Hoeneß.

Verurteilter Steuersünder

Aber Uli Hoeneß ist auch ein verurteilter Steuersünder. Öffentlich predigte er Moral, abseits der großen Bühne entglitt ihm der Überblick über seine Zockerei mit Devisentermingeschäften. 21 Monate war er in Haft, 14 davon im offenen Vollzug. Als er wegen Steuerhinterziehung in Höhe von 28,5 Millionen Euro am 13. März 2014 verurteilt wurde, hatte er seine Ämter als Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender des FC Bayern niedergelegt. Bis zu 49 Millionen Euro an Steuerschuld und Zinsen hat er getilgt. Im Januar 2016 wurde er vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen.

Hoeneß ist noch immer auf Bewährung draußen, seine Rückkehr ins Präsidentenamt außerhalb der FC-Bayern-Welt umstritten. Laut einer Emnid-Umfrage sind 53 Prozent der Deutschen dagegen. Es geht ihnen zu schnell, dass da einer seinen alten Platz einnimmt.

In der Bayern-Welt wird es dagegen am Freitagabend wohl nicht mal Worte des Zweifels geben. „Dieser Klub tickt ein wenig anders“, sagte Rummenigge dem „Handelsblatt“. Sind Strafgesetze und Compliance-Regeln hier vielleicht ein bisschen weniger wichtig?

„Ich bin demütiger geworden“

Hoeneß selbst gibt sich reuevoll. „Ja, ich habe mich verändert. Ich bin nachdenklicher und auch demütiger geworden“, sagte er der Münchner „Abendzeitung“. „Soziale Themen waren mir früher wichtig, aber sie sind mir noch wichtiger geworden. Was ich alles an Schicksalen erlebt habe, hat mich geprägt, und das wird auch in meine Arbeit einfließen.“

Demütig? Hoeneß? Der Mann, von dem in seiner Anfangszeit als Manager des FC Bayern Ende der Siebziger-, Anfang der Achtzigerjahre gesagt wurde, er würde „sogar seine Großmutter verkaufen“? Die Anzeichen sind da. Als Freigänger kümmerte er sich klaglos um die Jugendarbeit des Klubs, trieb zuletzt leidenschaftlich das Basketball-Projekt des Vereins voran. Wenn er bei den Bundesliga-Heimspielen der Bayern-Korbjäger auf der Tribüne sitzt, glänzen seine Augen. Dort springt er auf, klatscht rhythmisch mit, neben ihm Ehefrau Susi, mit der er seit 1973 verheiratet ist.

Hoeneß, der Comeback-Profi

Legendär ist sein Satz, mit dem er sich 2014 vor seinem Haftantritt bei den Mitgliedern verabschiedete: „Das war’s noch nicht!“, rief er in die Mikrofone. Die Fans johlten. Jetzt macht der Patriarch seine Ankündigung wahr und kehrt zurück, weil er „mit 64 noch nicht aufs Altenteil wollte“.

Hoeneß, der Comeback-Profi, erster Teil: Schon mit 27 Jahren musste er seine Fußballerkarriere wegen eines Knorpelschadens beenden. Ein Tiefschlag für den Weltmeister – doch fast übergangslos wurde er 1979 zum jüngsten Manager der Bundesliga-Geschichte. Den FC Bayern machte er zur Weltmarke, die auf der ganzen Welt Trikots verkauft und trotzdem auf regionale Verbundenheit setzt. Sein Verein müsse darauf achten, dass „wir die Fans, die wir in Shanghai, in Buenos Aires oder in Charlotte gewinnen, nicht in Deggendorf oder in Waldkraiburg verlieren. Das wird die Kunst sein in den nächsten Jahren.“ Ihm, Hoeneß, werde das schon gelingen, soll das wohl heißen.

Hoeneß, der Comeback-Profi, zweiter Teil: Am 17. Februar 1982 überlebt der damals 30-jährige Bayern-Manager den Absturz einer sechssitzigen Piper-Seneca. Als einziger der vier Insassen. Hoeneß wollte seinen Kumpel Paul Breitner beim Länderspiel gegen Portugal in Hannover sehen. Doch der Pilot verliert etwa 15 Kilometer von der Landebahn entfernt die Kontrolle. Das Flugzeug kracht kurz vor Hannover auf eine Wiese im Heitlinger Moor. Hoeneß, der ein Nickerchen gehalten hatte und nicht angeschnallt war, entkommt dem Wrack schwer verletzt, kriecht auf allen Vieren und blutend durchs Gelände. Ein Jäger auf Kontrollfahrt findet ihn in der Dunkelheit. Hoeneß stammelt Unzusammenhängendes, klagt: „Ich friere!“ Der Jäger zerrt ihn in seinen Jeep und bringt ihn ins Krankenhaus.

Hoeneß erfährt später, dass es in der Maschine nur einen Platz gab, auf dem ein Überleben möglich war. Seinen. Bei nächster Gelegenheit sitzt er wieder im Flugzeug. In seinem Job muss er reisen.

„Konflikt um Daum war meine schwerste Zeit“

Hoeneß, der Comeback-Profi, Teil drei: Im Herbst 2000 schießt Hoeneß unvermittelt gegen den designierten Bundestrainer Christoph Daum. „Der DFB kann keine Aktion ‚Keine Macht den Drogen‘ starten und Herr Daum hat vielleicht damit etwas zu tun“, sagt er. Und weiter: „Wenn das alles Fakt ist, worüber geschrieben wurde, auch unwidersprochen über den verschnupften Daum, dann kann er nicht Bundestrainer werden.“

Das Echo ist verheerend. Hoeneß wird beleidigt, ausgepfiffen. Es gibt eine Bombendrohung. „Der Konflikt um Daum war meine schwerste Zeit in den 30 Jahren“, sagt er später über seine Arbeit als Manager. Doch er behält Recht. Daum überführt sich durch eine freiwillig abgegebene Haarprobe praktisch selbst des Kokainmissbrauchs und flüchtet aus Deutschland. Später versöhnen sie sich – genauso wie Hoeneß und Willi Lemke, früher Managerkollege bei Werder Bremen. Dabei hatte er mal gesagt: „Der einzige Mensch, den ich wirklich hasse, ist Willi Lemke!“

Münchener Fans sind gespannt auf seine Rede

Ist Hoeneß altersmilde ge­worden? Nein. Offenbar braucht er neue Gegner. Daraus zieht er einen Teil seiner Kraft. Zuletzt stichelte er gegen die Emporkömmlinge von RB  Leipzig, die seine Bayern an der Spitze der Bundesliga abgelöst haben: „Die haben natürlich den Vorteil, dass sie während der Woche ­immer auf der Couch liegen, wenn wir im Champions-League-Rhythmus sind.“ Hoeneß selbst kündigte unlängst an, in Zukunft nicht mehr jeden Tag in seinem Büro an der Säbener Straße verbringen zu wollen. Man wird sehen ...

Da macht sich einer warm. Und nicht nur die Fans der Münchner sind gespannt auf die Rede, die Uli ­Hoe­neß am Freitagabend halten wird. „Das deut­liche Wort wird weiter mein Mar­kenzeichen sein, das wird sich nicht ändern, ich werde sicher nicht ­herumeiern“, sagte er im „Kicker“.

Fanklub-Chef Martin Taucher schätzt diese direkte Art: „Der haut auch mal auf den Tisch“, sagt er über Hoeneß. Und weiter: „Über seine soziale Ader muss man nicht sprechen.“ Eine Charakterisierung in zwei Sätzen. Tauchers Hoffnung: Er möchte Hoeneß am Sonntag die Ehrenmitgliedschaft im Röslau e. V. anbieten. „Hoffentlich nimmt er an!“

Von Sebastian Harfst & Patrick Strasser

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