Volltextsuche über das Angebot:

28 ° / 14 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Vom Mauerblümchen zur Mutter der Kompanie - Kerstin Tzscherlich sagt tschüss

Vom Mauerblümchen zur Mutter der Kompanie - Kerstin Tzscherlich sagt tschüss

Einen Packen Taschentücher wird Kerstin Tzscherlich heute bestimmt dabei haben. Wenn die 35-jährige Dresdner Volleyball-Ikone bei ihrem Abschiedsspiel gegen die deutsche Nationalmannschaft zum letzten Mal das Trikot überstreift, werden die Tränen kullern.

Dresden.

Dass sie nah am Wasser gebaut hat, weiß sie selbst am besten und sie macht daraus auch keinen Hehl. "Ob Freude oder Trauer, ich weine nun einmal schnell", gibt das DSC-Urgestein offen zu. Ihre Fans lieben sie auch dafür besonders, denn ihre Emotionen und Gefühle waren immer echt.

Mit Ehrlichkeit, Bodenhaftung und Bescheidenheit hat sie die Herzen der Fans in all den Jahren im Sturm erobert. Sie war immer eine "Spielerin zum Anfassen", aber keine, die im Mittelpunkt stehen wollte. "Anfangs war sie ein Mauerblümchen, am Ende ihrer Laufbahn die Mutter der Kompanie. Diesen Reifeprozess zu beobachten war spannend und faszinierend zugleich", sagt ihr einstiger Entdecker und väterlicher Freund Klaus Kaiser, den sie bat, beim heutigen Abschiedsspiel noch einmal als Trainer ihres Teams auf die Bank zurückzukehren.

Der 60-Jährige erinnert sich noch heute daran, wie alles begann: "Da kam ein zehnjähriges Mädchen aus dem Tharandter Wald ins Trainingszentrum nach Freital. Weil sie damals mit 1,50 Metern für ihr Alter ziemlich groß war und unglaublich lange Arme und große Füße hatte, haben wir sie genommen." Als Kaiser gemeinsam mit Wolfgang Tronick kurz nach der Wende beim DSC eine Abteilung Volleyball aufbaute, wechselte die damalige Mittelblockerin mit in die Landeshauptstadt. Mit ihrem Talent gepaart mit fleißiger Arbeit ging es schnell aufwärts, zweimal (1993 und 1995) feierte sie mit DSC-Nachwuchsteams deutsche Meistertitel und wurde für die deutsche Juniorenauswahl nominiert.

Auch da hat Kaiser eine witzige Geschichte parat: "Als Kerstin bei ihrem ersten Auswahllehrgang bei den Junioren war, kam sie heulend zurück und wollte nie mehr dort hin. Der Grund war ganz simpel, sie hat kein Wort des damaligen Bundestrainers verstanden. Es war Rudi Sonnenbichler, ein Ur-Bayer." Doch die Berührungsängste legten sich mit der Zeit, selbst wenn Kerstin Tzscherlich zugibt: "Ich habe mit allem Fremden schon immer Probleme gehabt, bin ein echtes Gewohnheitstier." Sicher wohl auch ein Grund, warum sie trotz ihres außergewöhnlichen Könnens nie den Verlockungen aus Italien oder anderen Vereinen erlag. Ihre Familie, Freunde und das Umfeld beim DSC waren ihr wichtiger als das große Geld.

Für "Tzscherli" erwies sich vor allem die Einführung des Libero als geniale Fügung. Auch wenn sie ihr Erstliga-Debüt mit dem DSC im Oktober 1997 gegen Hamburg (3:1-Sieg) als Mittelblockerin gab, eine große internationale Karriere auf dieser Position wäre aufgrund der dafür eher mäßigen Größe von 1,80 Metern eher unwahrscheinlich gewesen. Doch als Annahme- und Abwehrspezialistin fand sie ihre Bestimmung. Kaiser glaubt: "Dort ist sie mit den Jahren zur Führungsspielerin gereift. Obwohl sie als Libero nie Kapitän sein konnte, wuchs ihre Ausstrahlung auf dem Feld von Jahr zu Jahr, im Verein und in der Nationalmannschaft."

Selbst den Umgang mit den Medien - eigentlich hasste sie es, interviewt zu werden -

be-

herrschte sie zuletzt immer besser. Wenn andere Spielerinnen nach einer Niederlage noch grübelten, brachte Kerstin Tzscherlich die Ursachen schnell auf den Punkt. Vermissen wird sie Auftritte im Rampenlicht aber trotzdem in Zukunft kaum.

Eigentlich befindet sich die Bierdeckelsammlerin ja schon mittendrin in diesem neuen Lebensabschnitt. Wenn sie heute noch einmal aufs Feld läuft, dann wird es jeder sehen - Kerstin ist schwanger. Sie freut sich mit ihrem Ehemann Gunnar, mit dem sie schon seit über zehn Jahren zusammen ist, auf das gemeinsame Baby. Auch sonst hat sie viele Ziele und Träume, die nichts mehr mit dem Sport zu tun haben: "Die Familie steht für mich erst einmal im Vordergrund. Ein eigenes Häuschen wäre mal ein Traum. Beruflich würde ich gern etwas in Richtung Biologie, Biochemie und Pharmazie machen. Aber auch eine Ausbildung zur Sport- und Fitnesskauffrau und die Arbeit in einem Wellnesshotel wären denkbar", so Tzscherlich, die in ihrer Volleyball-Karriere schon viel von der Welt gesehen hat, sich aber dennoch einige Wünsche diesbezüglich erfüllen möchte: "Nach Patagonien würde ich gern einmal reisen", verrät sie.

Heute aber wird "Tzscherli" noch einmal auf die Volleyball-Bühne zurückkehren und mit Freunden und Fans ein großes Abschiedsfest feiern. Gänsehautstimmung und Tränen sind dabei garantiert.

Los geht es um 19 Uhr, Karten zu 7 Euro sind noch an der Abendkasse zu haben.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.08.2013

Astrid Hofmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Regionalsport
  • Semperopernball
    Semperopernball

    Alle Infos, alle Highlights, die schönsten Bilder - der Semperopernball in Dresden. mehr

  • 13. Februar

    Ob Gedenken, Täterspuren oder Menschenkette: Alle Infos finden sie in unserem Special zum 13. Februar in Dresden mehr