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Er bleibt unbequem: Leichtathlet Jürgen May wird 75

DDR-Sportidol Er bleibt unbequem: Leichtathlet Jürgen May wird 75

Er wurde gefeiert. Als Sportidol in und von der DDR. 1966 geriet Jürgen May aber in einen Ausrüsterstreit. Der Anfang vom Ende seiner erfolgreichen Leichtathletik-Karriere. Jetzt wird der Läufer 65 Jahre alt.

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Der ehemalige Leichtathlet Jürgen May

Quelle: dpa

Dresden. Jürgen May hat als Läufer seiner Zeit fast alles erlebt. Gefeiert als DDR-Sportidol für Titel und Rekorde auf den Mittelstrecken. Verstoßen vom selben System, mit Berufsverbot belegt und letztlich zur Flucht genötigt. Heute sitzt May bei einer Tasse Espresso in einem Café im hessischen Hanau und blickt zurück - ohne Zorn. Es sei schon gut so, wie die Dinge liefen, sagt er. An diesem Sonntag (18. Juni) wird der gebürtige Nordhäuser 75 Jahre alt.

„So ein Riesentalent bin ich gar nicht gewesen.“ Die Sportklassen in der Schule wurden seinerzeit gerade eingeführt. „Es waren noch Plätze frei. Ich war ein bisschen frech. Da hab ich mich einfach gemeldet.“ Später ging es weiter zum Training nach Erfurt. Je dreimal wurde er DDR-Meister über 1500 Meter und im Crosslauf. In der Halle holte er zwei Mal den DDR-Titel über 1500 Meter. Bei den Olympischen Spielen in Tokio war 1964 im Halbfinale Schluss. Ein Jahr später lief er in Erfurt Weltrekord über die 1000 Meter.

Es hätte noch weitergehen können mit den Erfolgen. Doch mit der Europameisterschaft 1966 in Budapest kam alles anders. May geriet in den Ausrüsterstreit zweier Sportfirmen und zwischen die politischen Systeme. May überredete einen jungen Kollegen, im Finale die Schuhe der Konkurrenz anzuziehen. 100 Mark Handgeld gab es dafür. Doch beide flogen auf. May wurde zunächst lebenslang gesperrt. Einen von der SED-Spitze inszenierten Rücktritt „aus gesundheitlichen Gründen“ lehnte er ab. Er verlor seine Stelle bei der Zeitung, arbeitete fortan als Hilfslehrer, bis er sich zur Flucht in den Westen entschloss.

May erinnert sich noch heute an jedes Detail. Im amerikanischen Straßenkreuzer ging es mit der Freundin von Ungarn nach Österreich über die Grenze. Versteckt hinterm Armaturenbrett. Die Schulden stotterte er noch lange von diversen Studentenjobs ab. 20 000 Mark kostete damals die Flucht – Geld, das er als Sportler im Osten nicht hatte. „Das Größte war ja, reisen zu können“, sagt er. „Finanziell gesehen hat sich Spitzensport schon damals außer im Fußball nicht gelohnt.“

Nach der Flucht studierte May in Mainz Sport und Politik. Als Aktiver konnte er nicht mehr an alte Zeiten anknüpfen. Bei den Olympischen Spielen 1972 in München reichte es nur zu den Vorläufen. Er beendete seine Sportlerlaufbahn im selben Jahr. Danach half er bis zur Rente als Sportpolitiker und Stiftungsmitgründer im Main-Kinzig-Kreis, junge Talente zu fördern.

May wäre damals in der DDR lieber Journalist geworden. Doch zum Studium nach Leipzig durfte er nicht. May galt als politisch vorbelastet. Die Eltern waren früh gestorben, der Bruder schon in den Westen geflohen. Die Stasi-Akte füllte später vier Ordner. May nahm den Umweg über die Schriftsetzerlehre. Das Volontariat in Erfurt verlor er dann aber nach der EM. Warum ging es im Westen nicht weiter? „Es ergab sich einfach nicht.“

Zumindest Zeitung liest er noch immer. „Die großen Blätter. Wegen der Sportpolitik.“ Debatten um systematisches Doping, die Machtspiele im olympischen Sport verfolgt er mit Argwohn. „Sebastian Coe kenne ich noch von früher. Aber Thomas Bach hat in meinen Augen keine Haltung“, sagt er über den IOC-Präsidenten. May ist unbequem geblieben. Sport im Fernsehen schaut er nur noch selten. „Es macht keinen Spaß mehr. Er hat zu sehr an Glaubwürdigkeit verloren.“

May nutzt seine Zeit lieber aktiv. Heute fährt er im Sommer Rad und im Winter Ski, geht mehrmals die Woche ins Fitnessstudio. „Ein bisschen Golf spiele ich inzwischen auch.“ Und zum Geburtstag? „Nichts Großes.“ May wird in den Dolomiten auf seiner Lieblingsstrecke radeln – von Toblach bis Cortina d’Ampezzo. „Und abends dann ein Gläschen Rotwein mit meiner Frau vorm Alpenpanorama“, dazu Schüttelbrot, „mehr brauch ich nicht“.

dpa

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