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Deutscher Cricket-Bund zeichnet Dresdner Club als Verein des Jahres aus

Integration durch Sport Deutscher Cricket-Bund zeichnet Dresdner Club als Verein des Jahres aus

Beim Rugby Cricket Dresden e.V. wird Integration und Vielfalt großgeschrieben. Besonders die Cricket-Abteilung hat seit Herbst letzten Jahres viele Flüchtlinge betreut und aufgenommen. Dafür – und natürlich für die sportlichen Erfolge – hat der Deutsche Cricket-Bund die Dresdner zum Verein des Jahres 2016 erklärt.

Trainer Vignaesh Sankaran (l.) erklärt seinen Spielern, was er in der anstehenden Trainingseinheit vorhat.

Quelle: Jochen Leimert

Dresden. Die Freiluftsaison ist längst vorbei, doch die Cricket-Spieler vom RC Dresden verfallen deswegen noch lange nicht in einen tiefen Winterschlaf. Sie haben sich mit ihren Schlägern, den Fanghandschuhen, Korkbällen und Wicket-Stäben nur in die Ballspielhalle der Energieverbund-Arena zurückgezogen. Zu groß ist ihre Leidenschaft für die Sportart, die in Deutschland noch vielerorts als exotisch angesehen wird. Doch auch zwischen Sylt und Zugspitze wächst die Zahl derer, die dem aus England stammenden Spiel frönen. Der Fünf-Sparten-Verein Rugby Cricket Dresden e.V., zu dem auch noch die Sektionen Australian und Gaelic Football sowie Hurling gehören, verzeichnet vor allem seit der Flüchtlingswelle im Herbst 2015 großen Zulauf. Asylbewerber aus Afghanistan, Pakistan oder Syrien fanden sich beim Training und bei den Spielen des RC Dresden im Ostragehege ein – und der Verein, schon seit 2012 Integrationsstützpunkt des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), lud sie kurzentschlossen ein, selbst Ball und Schläger in die Hand zu nehmen.

„Wir sind ganz offen damit umgegangen und haben den Jungs gesagt: Ihr könnt gern mitmachen“, erinnert sich RC-Sportwart Stefan Uhlig, wohlwissend, wie populär Cricket in Asien ist. Die Trainer und die bereits hier spielenden Akteure hätten rasch Gruppen mit den Neulingen gebildet und das Training auf dem vom Verein genutzten Platz in der Sportspange so organisiert, dass trotz der Enge alle zum Zuge kamen. Bis zu 40 Flüchtlinge erschienen bei den Trainingseinheiten, viele sind geblieben und spielen nun in einem der vier Cricket-Teams des RC Dresden. Das hat sich herumgesprochen – immer wieder gibt es Anrufe aus Flüchtlingsheimen, ob noch neue Interessenten aufgenommen werden. Aktuell umfasst die Sektion 60 Mitglieder, insgesamt sind es im Multi-Kulti-Ensemble Rugby Cricket Dresden e.V. rund 200.

Die Neulinge unter ihnen, die keine Beiträge zahlen müssen, solange sie ohne dauerhaftes Bleiberecht und Einkommen sind, haben den Konkurrenzkampf bei den Cricket-Spielern spürbar angeheizt. Ein Grund dafür, dass das T20-Team Ende September Deutscher Meister wurde. Beim Bundesliga-Finale in Karlsruhe besiegte die zu 90 Prozent aus Indern bestehende Dresdner Mannschaft den Turk FC Hattersheim aus Frankfurt. Bester Spieler aber wurde ein Asylbewerber: Gulzar Rasool. Er stammt aus der ostafghanischen Provinz Laghman und kam bereits vor gut eineinhalb Jahren nach Deutschland. In Dresden nahm ihn ein Freund, der schon beim RCD spielte, mit zum Cricket. Rasool, ein guter Schlagmann und Bruder eines afghanischen U19-Nationalspielers, blieb hier hängen, obwohl er anfangs kein Wort Deutsch konnte. Doch mittlerweile spricht er die Sprache und hat viele neue Kontakte geknüpft: „Die Leute sind sehr nett hier, wir sind wie eine Familie.“ An der TU Dresden absolviert er ein Praktikum als Elektriker und hofft, dass sein Asylantrag bald bewilligt wird.

Rasool ist nur ein Beispiel von mehreren dafür, wie schnell die Integration von Zuwanderern beim RC Dresden gelingen kann. „Es gibt etliche Mitglieder, die ihnen Erfolgsgeschichten vorleben. Sie zeigen ihnen, dass man es in Deutschland schaffen kann“, sagt RCD-Präsident Frank Bösenberg, von Beruf Geschäftsführer der Silicon Saxony Management GmbH. Cricket-Trainer Vignaesh Sankaran, der zweimal wöchentlich mit den Mannschaften arbeitet, hat beispielsweise an der TU Dresden seinen Doktor in der Fachrichtung Textiltechnik gemacht. Kürzlich erhielt der 35-Jährige, der vor elf Jahren aus dem südindischen Chennai nach Dresden kam, mitsamt seiner TU-Forschungsgruppe den Deutschen Zukunftspreis für die Entwicklung von Karbon-Beton. Sankaran leitet die neuen Jungs aber nicht nur beim Sport an, wo die Umgangssprache Deutsch ist: „Wir passen auch auf, ob sie die Schule besuchen.“

Der Verein hilft zudem bei Behördengängen, vermittelt auch gelegentlich Praktika und überträgt den Neulingen kleine Aufgaben im Verein. „Integration fängt damit an, den Leuten Verantwortung zu übergeben“, glaubt Sportwart Uhlig. So helfen die Zuwanderer bei der Organisation von Grillfesten und Turnieren, selbst die Mannschaftskasse verwalten die Flüchtlinge in Eigenregie. Auf dem Platz lernen sie neue Leute kennen, die ihnen abseits der Pitch das Einleben erleichtern.

Ein Erfolgsmodell, das andere gern übernehmen. So gab es eine Anfrage aus Bautzen, wo sich im Frühjahr 2016 innerhalb von vier Wochen ein Cricket-Verein namens MSV Bautzen gründete. Die Dresdner halfen mit ihrem Know-how, hoben gemeinsam mit den Lausitzern und einer Chemnitzer Truppe eine sächsische Jugendliga und den Sachsenpokal aus der Taufe.

Soviel soziales Engagement, gepaart mit dem sportlichen Erfolg – die Dresdner wurden 2016 auch noch tschechischer Meister! –, honorierte der Deutsche Cricket Bund im November mit einer besonderen Auszeichnung: Er ehrte den Rugby Cricket Dresden e.V. als Verein des Jahres. Der freute sich riesig über die Anerkennung und sieht sie als Verpflichtung, mit Elan weiterzumachen. Allein ein Problem muss über kurz oder lang gelöst werden: Der von der Stadt sehr gut gepflegte Platz in der Sportspange reicht für den wachsenden Bedarf nicht mehr aus. Alle fünf RCD-Sektionen und die Baseballer spielen und trainieren hier, eine Lösung zwecks zusätzlicher Trainingsflächen ist noch nicht in Sicht.

Von Jochen Leimert

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