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Scharfer Start für den e-Golf aus Dresden

Anfang April rollen die ersten Kundenautos vom Band Scharfer Start für den e-Golf aus Dresden

Die Automobilschmiede in der Gläsernen Manufaktur am Großen Garten in Dresden erwacht aus ihrem Dornröschenschlaf. 20 Millionen Euro hat VW investiert, um dort, wo bis vor Jahresfrist der Phaeton entstand, nun den Elektro-Golf zu montieren. Die ersten Probeläufe zeigen jetzt, wo es noch klemmt.

Tino Pribyl, der seit 15 Jahren bei VW arbeitet und nach dem Auslaufen des Phaeton nach Zwickau ausgeliehen war, bei der Montage am neuen e-Golf.
 

Quelle: Anja Schneider

Dresden. Jens Schlender ist aufgeregt. Ein bisschen zumindest. „Wir fahren zum ersten Mal scharf – drei Fahrzeuge en bloc “, sagt der Fertigungsleiter der Gläsernen Manufaktur Mitte der Woche mit Blick auf die große Parkettfläche, auf der sich das Montageband leise voranschiebt.

Seit über 16 Jahren ist Schlender in der Fabrik am Großen Garten zuständig für die Abläufe. Die für den Phaeton kannte er im Schlaf, nun ist er gespannt, ob seine Planungen für die e-Golf-Montage im Realitätstest bestehen. „Das ist das kritischste beim Autobau – die Anlaufphase.“ Seit Juli 2016 hat er mit Kollegen daran getüftelt, was sich in der Dresdner Event-Montage ändern muss, wenn künftig täglich 35 elektrische Autos der Marke Golf vom Band rollen sollen: Welche neuen Vorrichtungen und Maschinen müssen für den e-Golf angeschafft werden? Welche Teile müssen wann bereitstehen? Funktioniert die Logistik reibungslos? Wer muss welche Handgriffe in welcher Zeit ausführen? Wann und wie müssen die zunächst nötigen 130 Monteure qualifiziert werden? In welchem Maß müssen sich Arbeits- und Brandschutz verändern, wenn Experten künftig täglich mit Hochvoltbatterien hantieren? Immerhin: 20 Millionen Euro hat Volkswagen in die neue Produktion investiert.

Unterschiede zur Phaeton-Montage

Die Unterschiede zur Phaeton-Produktion sind durchaus gravierend. Waren bei der im März 2016 ausgelaufenen VW-Luxuskarosse etwa 2200 Teile zusammenzubringen, sind es beim e-Golf nur noch gut 600. Entsprechend verringern sich die Produktionstakte um rund ein Drittel. „Das Ganze ist jetzt weniger komplex“, sagt auch Montagewerker Jens Böhm, der seit 16 Jahren in der Gläsernen Manufaktur arbeitet. Was nicht heißt, dass er ohne die Edellimousine mit weniger Elan oder gar Sorgfalt bei der Sache wäre. „Im Gegenteil“, sagt der Monteur, „denn wir sind sehr froh, dass es hier für uns weitergeht“.

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Die Automobilschmiede in der Gläsernen Manufaktur am Großen Garten in Dresden erwacht aus ihrem Dornröschenschlaf. 20 Millionen Euro hat VW investiert, um dort, wo bis vor Jahresfrist der Phaeton entstand, nun den Elektro-Golf zu montieren.

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Wie fast alle seine Kollegen war Böhm seit dem Auslaufen der Phaeton-Produktion vor einem Jahr nach Zwickau ausgeliehen worden. „Dass sich quasi alle Monteure durch ihre Zeit im Zwickauer Werk schon mit dem Golf auskennen, arbeitet uns jetzt in die Hände“, meint Manufaktursprecher Carsten Krebs. Die Mitarbeiterschulungen für den speziellen Elektro-Antrieb sind überschaubar und gehen jetzt in die Zielgerade. 60 der künftig 130 Kollegen sind schon in Dresden am Start, der Rest folgt sukzessive bis zur vierten Märzwoche. Insgesamt 15 Fachleute kennen sich dann perfekt mit der Hochvoltbatterie aus, die künftig mit einer eigens konstruierten Vorrichtung in die Karosserien geschoben und dann verdrahtet wird.

Hauptmarkt für den e-Golf: Norwegen

Jetzt, in der Anlaufphase, schaut den Monteuren noch Qualitätskontrolleur Falk Globig über die Schulter. Die Abläufe, die sie an den drei Prozessfahrzeugen jetzt im scharfen Start proben, müssen die Kollegen rasch verinnerlichen, denn schon Anfang April werden sie bei den ersten Kundenautos Hand anlegen. „Die ersten Käufer kommen aus Norwegen“, sagt Manufaktursprecher Krebs und zieht gleichsam einen roten Kreis um den vorerst wichtigsten Absatzmarkt für den 36 000 Euro teuren e-Golf von VW. Das Land im Norden hatte zu Wochenbeginn vermeldet, dass mittlerweile die Hälfte aller zugelassenen Neuwagen seit Jahresbeginn Elektro- oder Hybridfahrzeuge waren. Wer in Norwegen am Steuer eines Elektrowagens sitzt, ist nicht nur nahezu komplett von Steuern befreit, sondern profitiert von weiteren Begünstigungen wie der kostenlosen Nutzung von Mautstraßen, Fähren, Parkplätzen oder der Erlaubnis zum Fahren auf Busspuren.

Mit solch massiven Zuwendungen tut sich Deutschland bekanntlich schwer, aber allmählich bewegt sich wenigstens etwas bei Investitionen in die Infrastruktur der künftigen Mobilität und in moderne digitale Abrechensysteme.

Besucher direkt an der Montagelinie

Der Dieselgate-geschüttelte Volkswagenkonzern tut das ebenfalls – sich bewegen. Nicht nur die Imageplaner, auch die Kollegen vor Ort glauben, dass die Wende vom Autobau-Giganten hin zum Anbieter von Mobilitätsdienstleistungen gelingen kann. Beleg dafür sind nicht nur die Pläne, die sich in der Ausstellung zur mobilen Zukunft im Glaspalast am Großen Garten manifestieren, wo Gäste vom 1. April an – wohl weltweit einzigartig – neben dem Montageband herlaufen und den Monteuren bei der Arbeit zuschauen können. „Wir sind eine Event-Fabrik“, begründet der Manufaktursprecher die Entscheidung.

Bald bargeldfreies Parken in Dresden

Belege für den Wandel sind vor allem die kleinen Erfolge bei Software und Infrastruktur. Im April soll in Dresden eine neue Park-App namens TraviPay an den Start gehen, die künftig die kleingeldbestückten Parkautomaten überflüssig macht. Ein weiterer Schritt auf dem Weg zur europäischen Pilotstadt für Elektromobilität, wie sie sich OB Dirk Hilbert zum Ziel gesetzt hat. Dresden wäre die erste sächsische Stadt, in der bargeldfrei geparkt werden kann – vorausgesetzt, die Parker sind Besitzer eines Smartphones.

Ebenfalls im April soll die Elektrotankstelle neben der Gläsernen Manufaktur in Betrieb gehen – ein halbes Jahr später als geplant, dafür aber mit zu „hundert Prozent grünem Strom“ aus der nahen Solaranlage, wie Carsten Krebs erklärt. An der Tankstelle können fast alle Elektroautos – deutsche und amerikanische, japanische und Teslas – auf absehbare Zeit kostenfrei Strom ziehen.

Schon vorher – nämlich ab 24. März – wird die blaue Cargo-Tram wieder durch Dresden rollen – aufgepeppt mit neuer Werbung, bestückt mit neuen Golf-Teilen, aber natürlich auf der altbekannten Route.

Das alles liest sich ein wenig wie Vorgeplänkel – was es unzweifelhaft ist. Die Gläserne Manufaktur erfindet sich neu in dem Maße, wie dem Konzern die Wende zum Anbieter von Mobilitätskonzepten gelingt. Im nächsten Schritt werden in die Manufaktur parallel zur e-Golf-Montage Start Ups einziehen und den sogenannten Business Incubator zum Rauchen bringen. Um im Bild zu bleiben: Der Motor schnurrt.

https://www.glaesernemanufaktur.de/

Von Barbara Stock

Dresden gläserne Manufaktur 51.044989 13.75616
Dresden gläserne Manufaktur
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