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Zapfsäulen für Stromer

Infrastruktur Zapfsäulen für Stromer

Autobauer und Stromanbieter planen fieberhaft am Ladenetz für E-Autos. An hinreichend Ladesäulen, einheitlichen Standards – sowohl bei den Steckern und Säulen wie auch bei den Bezahlsystemen – und auch an der Leistung wird es wohl hängen, wie schnell sich Elektroautos auf den Straßen durchsetzen.

Tesla lässt seine Kunden europaweit noch kostenlos tanken. Für Neukunden wird sich das wohl schon 2018 ändern.
 

Quelle: dpa

Dresden.  Seit gut einem Jahr hat der Ausbau des Stromtankstellennetzes Fahrt aufgenommen. Der Bundesnetzagentur sind nach eigenem Bekunden seitdem gut 1900 neue öffentliche Ladepunkte gemeldet worden. Für Dresden stehen auf der Online-Plattform e-tankstellen-finder.com lediglich 20 öffentliche E-Tankstellen, mit firmeninternen und privaten Zapfstellen dürften es inzwischen um die 90 sein. Jüngstes Kind in der Dresdner E-Zapfsäulen-Famlie ist die im März eröffnete Ladestation an der Gläsernen Manufaktur von Volkswagen.

Bund fördert Aufbau von Ladesäulen

Um Stromern auch an deutschen Autobahnen das Nachladen zu ermöglichen, hat das Bundesverkehrsministerium ein 300-Millionen-Euro-Programm aufgelegt. Ein Drittel der Summe soll bis 2020 in Investitionen für Schnell-Ladesäulen fließen.

Die großen deutschen Autobauer haben sich für ein Extra-Programm entschieden, um den Verkauf der Elektro-Autos zu pushen. Gemeinsam mit Ford wollen sie entlang der großen Verkehrs-Trassen in Europa allein in diesem Jahr schon 400 Schnell-Ladesäulen mit einer Leistung von 350 Kilowatt (kw) errichten. Bis 2020 sollen es tausende sein.

Mit dem Plan hecheln die Marktgrößen dem Pionier Tesla hinterher, der in Europa bereits 700 Ladestationen mit fast 5000 Anschlüssen betreibt – allerdings nicht mit den hohen Leistungskennziffern. Tesla verschenkt den Strom bislang, um das E-Auto für mehr Kunden attraktiv zu machen. Schon im nächsten Jahr soll sich das für Neukunden ändern.

Die ultraschnellen Ladesäulen der deutschen Autobauer werden Schätzungen zufolge pro Stück um die 100 000 Euro kosten und damit je nach Leistung das Vier- bis Fünffache herkömmlicher Säulen. Die Blitzlader sollen Batterien in zehn bis 15 Minuten füllen können – allerdings sind die allermeisten E-Autos derzeit nicht in der Lage, rasch viel Leistung zu ziehen. Entsprechende Systeme, die das wenigstens schon ein Stück weit beherrschen, gibt’s bei fast allen Anbietern nur gegen stattliche Aufpreise.

Alternativer Anbieter von 350-kw-Säulen will der Windradbauer Enercon werden. Weil Windräder wegen mangelnder Netzkapazität oft stillstehen müssen, obwohl der Wind bläst, sollen sie künftig an Autobahnraststätten gekoppelt werden und die Energie über Kabel in Zwischenspeicher – Batterien oder Elektrotankstellen – leiten. Damit schlüge man zwei Fliegen mit einer Klappe, denn so ließen sich Produktionsspitzen bei Windenergie ausgleichen, und die Autos könnten nachladen.

Maßgebliches Kriterium: Zeit

Schnell-Lader mit 350 kw Leistung sind eine feine Sache. Wer sein Auto nämlich zu Hause an die Steckdose hängt, muss zum Beispiel beim E-Golf mehr als 17 Stunden warten, an einer Station mit 40 Kilowatt bräuchte man immer noch sechs Stunden. Zeit wird künftig ein maßgebliches Kriterium.

 Der Nationalen Plattform Elektromobilität (NPE) zufolge werden für das Aufstellen einer Ladesäule im Schnitt Investitionen von rund 24 000 Euro fällig, die jährlichen Kosten für Betrieb und Wartung veranschlagt sie mit rund 1500 Euro im Jahr. Bei so hohen Vorleistungen liegt die Idee nahe, die Refinanzierung über den Strompreis voranzutreiben.

Üblicherweise werden an normalen E-Tanken etwa 30 Cent je Kilowattstunde fällig. Zum Vergleich: Haushaltsstrom kostet im Durchschnitt 23 bis 28 Cent pro Kilowattstunde. Bei bei den spärlichen Schnell-Ladern kostet die Kilowattstunde zuweilen schon 56 Cent. Und hier nun erwägt man einen Zuschlag von 1,50 bis 2,00 Euro je Ladevorgang, da der Nutzer Zeit spart. Fachleute haben ausgerechnet: Wer da als Premiumkunde Strom zieht, könnte am Ende mehr für 100 Kilometer Fahrleistung zahlen als bei einem dieselbetriebenen Golf.

Auch der Dresdner Energieversorger Drewag, der die Investitionen für seine inzwischen 16 Ladesäulen derzeit nicht auf die Kunden umlegt und seine Strompreise an den gängigen Ökostromtarifen orientiert, betont den Mehrwert von Schnell-Ladern. Frank Wustmann, Abteilungsleiter Unternehmensentwicklung bei der Drewag, kündigt deshalb an: „Langfristig werden wir die Nutzer an den Hardware-Kosten stärker beteiligen, um die Refinanzierung der Ladestationen sicherzustellen“. Als Schnell-Lader gelten bei der Drewag bereits Ladestationen mit einer Leistung ab 50 kW. Hier dauert ein Ladevorgang noch immer gut eine Stunde.

Stromer noch immer Ladenhüter

Derzeit sind in Deutschland etwa 35 000 E-Fahrzeuge unterwegs, in Dresden sind es nach Aussage der Stadtverwaltung mit Stand vom 28. März 2017 ganze 248. Von den insgesamt in der Stadt angemeldeten 241 793 Fahrzeugen (ohne Anhänger und Kräder) haben zudem 1556 Hybridantrieb. Die Zahlen machen deutlich: Das Ziel der Bundesregierung, bis 2020 eine Million Stromer auf der Straße zu haben, scheint damit illusorisch.

Die seit Juli 2016 abrufbare Kaufprämie ändert daran wenig. Dafür lagen dem zuständigen Bundesamt Bafa Ende März 2017 lediglich 15  348 Anträge vor – für 8655 reine Stromer, 6690 Plug-in-Hybride und drei Brennstoffzellenfahrzeuge. Die bis Juni 2019 abrufbaren 1,2 Milliarden Euro an Zuschüssen würden theoretisch für gut 300 000 Neuzulassungen reichen.

Sachsens Landeshauptstadt hält sich angesichts solcher Zahlen mit detaillierten Prognosen für den Ladesäulenbedarf zurück: „Gerade die privaten Angebote in der heimischen Tiefgarage, im Parkhaus, am Supermarkt oder auf dem Firmenparkplatz“ seien kaum zu beziffern, hieß es im Rathaus.

Im öffentlichen Straßenraum hält die Verwaltung in der Nähe von Hauptstraßen Schnellladesysteme in begrenzter Zahl für sinnvoll. Allerdings sei der Aufbau hunderter „normaler“ Ladesäulen am Straßenrand schon aus praktischer Sicht (Kabel liegen auf der Erde, Stolpergefahr, mangelnde Barrierefreiheit, Beschilderungsaufwand, Blockieren durch Fremdfahrzeuge) flächendeckend nicht möglich.

Strommanagement für Lastspitzen zwingend

Allgemeine Schätzungen zur künftigen Ladeinfrastruktur gehen davon aus, dass pro Fahrzeug 1,6 Ladepunkte notwendig sein werden. 80 Prozent davon, das besagen Studien, werden am lokalen Netzanschluss im privaten (zu Hause) und halböffentlichen (am Arbeitsplatz) errichtet. Also da, wo Autos auch heute am längsten stehen.

Um künftig Lastspitzen zu vermeiden – zum Beispiel dann, wenn die meisten Menschen nach Hause kommen, alle technischen Geräte hochfahren und dann noch die Autos ans Netz hängen – wird künftig ein intelligentes Strommanagement notwendig sein.

Von Barbara Stock

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