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„Herkuleskeule“ zieht in den Kulturpalast

Gespielt wird im Untergrund „Herkuleskeule“ zieht in den Kulturpalast

Die Dresdner gehen ab sofort zum Lachen in den Keller: Das Kabarett „Herkuleskeule“ ist am Wochenende in das Untergeschoss des neu eröffneten Kulturpalastes gezogen. Zuvor wurde mit einem Abendspaziergang zum „Kulti“ gegen die Idiotisierung des Abendlandes demonstriert.

Ab sofort wird im Untergrund gespielt: Die Herkuleskeule ist in den Keller des Kulturpalastes gezogen.
 

Quelle: Anja Schneider

Dresden. An traurigen und Trauermärschen hat die Stadt allemal genug. Aber einen solchen letzten und zugleich ersten Gang wie am „Kulti“-Eröffnungswochenende könnte es getrost jeden Sonnabend geben. Zumal Oberbürgermeister Dirk Hilbert selbst den Spruch zitierte, der Dresdner müsse angeblich zum Lachen in den Keller gehen. Was er mit einem Besuch im neuen Underground-Domizil der „Herkuleskeule“ nun auch im wörtlichen Sinn tun kann. „De Schauspieler marschieren“, raunte staunendes Volk am Weg zwischen Sternplatz und Wilsdruffer. Wohl rührte das „Time to say goodbye“ vor dem seit 1965 Heimstatt gewordenen Block am Sternplatz manchen zu einer verstohlenen Träne. Wie eine Flagge wurde das Werbeplakat niedergeholt, am Dachfirst versüßte ein Feuerwerk den Abschied. Aber dann legte der Mädchenspielmannszug Dresden los, und ein Zug, länger als die 200 Sitzplatzgäste, setzte sich mit Smiley-Luftballons und Winkelementen Richtung Kulturpalast in Bewegung.

Symbolischer Umzug zwischen Sternplatz und Wilsdruffer Straße am Sonnabend

Symbolischer Umzug zwischen Sternplatz und Wilsdruffer Straße am Sonnabend.

Quelle: Anja Schneider

Vorausgegangen war ein ebenso wenig trauriger Abschied in dem Haus, das die Keule seit langem nur noch mit Ausnahmegenehmigungen nutzen durfte. Wolfgang Schaller, als „Kabarettopa“ der Herkuleskeule seit 47 Jahren verbunden, hatte selbst auf den Umzug in den Kulti gedrängt und bedankte sich dort auch artig bei den Stadträten. „Obschon manche ganz froh sein mögen, uns endlich unter der Erde zu haben …“ Den Augen wurde der Abschied schon wesentlich erleichtert. Denn der größte Teil des Traditionskabinetts, jene Wanddekoration ungezählter Erinnerungsstücke ist bereits in den neuen Kellerflur umgezogen.

Einen Reigen seliger Geister erwartete man bei der kleinen Abschiedsgala solch schlagverfertigender Geister ohnehin nicht. Der Moderator ist im Wortsinn eigentlich der Mäßiger, aber das tat Rainer Bursche bei seiner filmisch unterstützten Rückschau nun gerade nicht. Auch Kabarettisten haben Gefühle, aber wo die ins Pathos umzuschlagen drohen, haben sie sich gleich selber wieder zum Besten. Mancher im Publikum seufzte „Ach“ und stieß seinen Nachbarn an, wenn Namen wie Gisela Grube, Manfred Schubert, Werner Knodel oder das unvergessliche Paar Glauche/Ehlert alias Gustav und Erich auftauchten. Stars wie Wolfgang Stumph sind hier über die Bühne gegangen, na ja, ein Uwe Steimle auch. Dieter Hildebrandt hatte wenige Monate vor seinem Tod hier einen Auftritt. Und Schallers Co-Autor Peter Ensikat, deren beider Programme an den Bühnen der DDR nachgespielt wurden, ist leider auch längst verstorben.

Am 1.Mai feiert die Keule ohnehin Geburtstag, den 56. seit 1961. Bei dieser Gelegenheit verkraftet man auch ein bisschen Statistik, die selbstverständlich auch bei Berufsscharfmachern immer beeindrucken muss. Zwei Millionen Besucher klingen schon mal imponierend, 340 Hausvorstellungen und 120 Gastspiele im Jahr geradezu utopisch. So, wie der unerreichbare Spitzenreiter unter den Programmen, das altersungerechte „Leise flehen meine Glieder“ mit bislang 600 Hausvorstellungen und 400 Gastspielen.

Der zunächst im nunmehr verlassenen Sternplatz gebotene Zusammenschnitt gab auch noch einmal Gelegenheit, zu studieren und zu sinnieren, was dieses bis heute unverwechselbare politische Kabarett von der akuten Comedy-Welle auf allen Kanälen unterscheidet. Schauspieler sind immer eitel, aber die Selbstdarstellung steht beim Keulen-Ensemble nie im Vordergrund. Eine Birgit Schaller ist einfach das Urviech und Vollweib, ein Detlef Nier der Typ, Rainer Bursche als Hausmeister das Original. Das klingt auch nach Bodenständigkeit, und selbst die verspritzte Galle hat etwas mit Respekt vor Mitmenschen zu tun. Nicht arroganter Zynismus, und da schimmert, pardon, noch ein Eswarnichtallesschlechtrest von proletarischer Solidarität mit. Das Ensemble, leider nicht von Schaller-Sohn Philipp, aber beispielsweise von Erik Lehmann verstärkt, verjüngt sich mit dem Umzug weiter, wie der zweite Teil im neuen Saal zeigte. Willkommensprogramm zwischen Kartons, einem durchschossenen Marx-Kopf und einem Dornenkronen-Jesus.

Im Kulti-Keller also gerieten selbst die unvermeidlichen Ansprachen genregerecht. Nicht nur, dass Wolfgang Schaller mit der Rolle des spät verpflanzten „alten Baums“ kokettierte und an das GMP-Architektenbüro, das auch am Ewigkeitsbau des Berliner Flughafens beteiligt ist, Seitenhiebe austeilte. Auch OB Hilbert genoss das Podium geradezu, witzelte beispielsweise über seinen Herkules auf dem Rathausturm, zu dem sich potenzielle Keulengäste verlaufen könnten. Und der neue Saal? Er musste nicht durch Sekt und Torte vom Buffet schmackhaft gemacht werden und zählt im Goethe-Sinn zu den freundlich aufgefassten Neuigkeiten im ältesten Kulturpalast. Größer sei er und bequemer, und man habe mehr Beinfreiheit, lobten die Leute.

Aber muss man im Kabarett bequem sitzen? Das Aber folgte dann auch bei den Besuchern. Familiär und „wie ein Wohnzimmer“ sei der alte Saal mit seinen Nischen und Tischchen gewesen, der neue hingegen habe eher etwas von einem Kinosaal. „Abwarten, bis der Schmuckstücksaal etwas Patina ansetzt“, gibt sich Schaller gelassen. Autokonsolenbreite Bier- und Weinglasablagen zwischen den breiten Doppelsitzen entbehrt man jedenfalls auch im neuen subversiven Keulen-Untergrund nicht.

Von Michael Bartsch

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