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Die Dresdner Philharmonie eröffnet den neuen Konzertsaal

Festkonzert Die Dresdner Philharmonie eröffnet den neuen Konzertsaal

Im ersten Konzert im wiedereröffneten Kulturpalast präsentierte die Dresdner Philharmonie unter Leitung von Chefdirigent Michael Sanderling Werke von Schostakowitsch, Schubert und Beethoven. Die Philharmonie wurde am Ende des Konzertes vom Publikum gefeiert – das Orchester hat einen Konzertsaal der Spitzenklasse erhalten.

Festkonzert der Dresdner Philharmonie im Kulturpalast.
 

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Es ist vollbracht: der Dresdner Kulturpalast ist wiedereröffnet, nach fünf Jahren im Interim und Vorplanungen, die über zwanzig Jahre zurückreichen. Bei meiner Ankunft erscheint alles wie noch vor der Schließung 2012: Die Brunnen auf dem baum- und grünlosen Vorplatz sprudeln, auf dem Balkon über dem Eingang stehen die Neugierigen und beobachten die Ankömmlinge. Spätestens an den Aufgängen zu den Rängen betritt man Neuland. Und nimmt, wie die Musiker vor (sehr) wenigen Tagen, den Konzertsaal zum ersten Mal in Augenschein und später dann intensiv empfindend und hörend in Besitz.

Nach dem Festakt am Freitag erwartete die Besucher am Sonnabend im ausverkauften Saal das erste reine Konzert der Dresdner Philharmonie. Das Programm ist diskussionswürdig: Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie d-Moll mit der „Ode an die Freude“ muss bei solchen Anlässen oft herhalten, doch wurde damit auch an die Eröffnung des Hauses im Jahre 1969 erinnert – damals dirigierte Kurt Masur. Und dass dieser Beethoven derart fesselt, dass einem entfährt: So gut, so überragend interpretiert hört man diese Sinfonie so schnell nicht wieder – das ist erst 120 Minuten später klar.

Anderes wirft ernstere Fragen auf: Die ursprünglich angekündigte Uraufführung von Krzystof Penderecki entfiel. Stattdessen erklingen drei von fremder Hand orchestrierte Lieder von Franz Schubert, die auch einen Tag später noch keine rechte Wirkung entwickeln wollen. Chefdirigent Michael Sanderling und die Dresdner Philharmonie hatten sich für die Eröffnung insgesamt kein „Feuerwerk der Klassik“ vorgenommen, das ist insofern löblich, da auf diese Weise eine Überstrapazierung von Zuhörern und Musikern wie in Hamburg vermieden wurde. Trotzdem: die Chance auf eine Uraufführung zur Eröffnung wurde ebenso vertan wie diejenige, Dresdner Komponisten oder Solisten mit einzubeziehen – auch der Philharmonische Chor sang am Sonnabend in der Beethoven-Ode leider nicht.

Doch was klingt tatsächlich in diesem Eröffnungskonzert, und wie klingt es? Vorneweg: Dresden hat einen Saal mit Charakter und Eigenheit erhalten, einen Saal der Spitzenklasse in jedem Fall. In seinem äußerst interessanten Klangbild dürfte ein Vergleich mit anderen Sälen Europas schwerfallen, weswegen künftig Besuche in Dresden auch deswegen lohnen.

Ein Ideal, das Freiräume eröffnet

Bei aller in diesen Sätzen erklingender ehrlichen Freude – dieser Saal macht Arbeit! Doch genau dies haben sich die Musiker und ihr Chefdirigent gewünscht: keine glatte und überzogen-überteuerte Akustikpräzision, sondern ein Ideal, das Freiräume eröffnet, die sich ein Ensemble aber erst einmal erspielen muss. Musiker und Dirigent werden Werk, Stilistik und Haltung zur Musik immer neu befragen müssen, und zwar mit dem Raum als Instrument.

Einige erste Auffälligkeiten seien subjektiv von meinem Platz im K-Block – meine Fanzugehörigkeit zur Dresdner Philharmonie ist damit auch bewiesen – aus benannt. In der „Festlichen Ouvertüre“ von Dmitri Schostakowitsch ist im Orchester sogleich der warme, präsente Gesamtklang zu spüren, der direkt zum Zuhörer gelangt, ihn aber nicht erschlägt. Klar ist: Jeder Ton braucht eine Richtung, jeder Spannungsabfall wird sofort bestraft. Insbesondere bei den Bläsern ist die Präsenz hoch, und kleinste Phrasierungsnuancen und eine große dynamische Bandbreite sind sofort festzustellen. Es mag sein, dass der erste Konzerteindruck insgesamt auch das Wort „bläserfreundlich“ hervorruft, aber die etwas dunkle, fast matte Timbrierung der Streicher muss kein Nachteil sein. Sie klingen goldig und warm, und Vertrauen um die gemeinsame Sache ist hier für die Homogenität unabdingbar.

Bei den drei Schubert-Liedern probieren Michael Sanderling, der Bariton-Solist Matthias Goerne und das Orchester eine Piano-Kultur aus, die entspannt, aber nicht spannungslos wirkt. Man spürt hier eine Abrundung der Streicher in den hohen Lagen – nie klingen die Spitzentöne schrill. Die Abrundung betrifft aber auch das Fundament: Die Kontrabässe wirken etwa im Gegensatz zu den Fagotten und Posaunen in der Klangkraft minimal benachteiligt, erst im großen Bass-Solo im 4. Satz der Beethoven-Sinfonie wird man ihrer Schönheit gewahr. Wie das bei Gustav Mahlers in Untiefen gründender 6. Sinfonie Prägnanz erhält, wird man in drei Wochen erleben.

Das Staunen und Entdecken geht bei Beethoven weiter: Was im Albertinum verqueres Spiel und im Schauspielhaus Schwerstarbeit bedeutete, geht den Musikern hier leicht von der Hand. Im Erregungszustand der Eröffnung gelang Außergewöhnliches – man möchte fast plädieren: für mehr Eröffnungen im Konzertleben! Chefdirigent Michael Sanderling trieb mit direkten Übergängen, flüssigen Tempi und einem strahlend-positivistischen Klangbild eine Interpretation voran, bei der man sich am Ende schüttelte vor Freude: Wow, Beethoven! Da wirkte dann sogar Schillers mehr zu rufender als zu singender Gassenhauer am Ende sauber geputzt.

Vokales indes ist ein eigenes Thema in diesem Saal, denn im Fugato fing es im Tutti etwas an zu klirren. Obertöne mischen sich in der Polyphonie nicht optimal, wenn die harmonische Sauberkeit nicht ganz erreicht wird oder Einzelne zu viel geben – jedes fortissimo im Saal benötigt eine gute Gestaltung. Die vier Solisten Christiane Libor, Silvia Hablowetz, Daniel Kirch und Matthias Goerne gestalteten ihre Partien solide, verschmolzen aber nicht wirklich gut. Wurde eine Phrase auch nur einen Tick zu wenig artikuliert, war die Textverständlichkeit dahin.

Das wiederum hatte der MDR Rundfunkchor in seiner Kulturpalast-Premiere (Einstudierung Michael Gläser), unterstützt von Mitgliedern des Philharmonischen Kinderchores Dresden, sofort begriffen und herausragend umgesetzt. Da war nicht nur jedes Wort glasklar verständlich, sondern auch bereits ein homogener Gesamtklang im Zusammenspiel mit dem Orchester erreicht.

Ein Fazit also: Wer in diesem Saal nicht absolut höchsten Anspruch beim Musizieren walten lässt, wird Schiffbruch erleiden. Gerade einmal wissen wir, wie die Neunte von Beethoven klingt – mit allen Vorbehalten, aber auch der unverwechselbaren Atmosphäre einer nur einmalig zu nennenden Eröffnungsmusik. Für die Dresdner Philharmonie, die diesen Saal dauerhaft nutzen wird, werden indes Träume wahr: Mit so einem Saal kann ein Orchester wachsen. Das allerdings geht nur mit einem Publikum, das diesen Saal kennen- und lieben lernt.

Die letzte Erkenntnis des Eröffnungsabends: selbst der Applaus klingt wunderbar.

Von Alexander Keuk

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