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Die Toten des 13. Februar: „Bombenopfer, die auch Täter waren“

Ausstellung im Schauspielhaus Die Toten des 13. Februar: „Bombenopfer, die auch Täter waren“

Wohl kaum eine Frage hat Dresden zuletzt so gespalten, wie das Gedenken an die Opfer des alliierten Bombenangriffs vom 13. Februar 1945. Die neue Ausstellung „Neunzehn Namen aus Neunzehntausend“ widmet sie sich 19 aufgearbeiteten Biografien der rund 25.000 Toten.

Die neue Ausstellung „Neunzehn Namen aus Neunzehntausend“ des Kulturbüros Sachsen und der Heinrich-Böll-Stiftung im Staatsschauspiel.
 

Quelle: Anja Schneider

Dresden.  Wohl kaum eine Frage hat Dresden in den vergangenen Jahren so gespalten, wie das Gedenken an die Opfer des alliierten Bombenangriffs vom 13. Februar 1945. Auch die genaue Zahl der Toten führte lange Zeit zu heftigen Diskussionen. Eine untergeordnete Rolle spielte hingegen zumeist, wer diese Menschen waren, welche Lebenswege sie gegangen und welche Schicksale sie erlitten hatten.

Die neue Ausstellung „Neunzehn Namen aus Neunzehntausend“ des Kulturbüros Sachsen und der Heinrich-Böll-Stiftung im Staatsschauspiel möchte dies nun ändern. Exemplarisch widmet sie sich 19 aufgearbeiteten Biografien der anfänglich 19 000 namentlich bekannten Toten, deren Gesamtzahl später von einer Historikerkommission mit 25 000 beziffert wurde.

“Dresden war nicht unschuldig“

„Dresden war nicht unschuldig. Wir wollen zeigen, dass unter den Opfern auch viele Leute waren, die das System getragen haben. Jedem, der alljährlich Kerzen aufstellt, sollte auch das bewusst sein“, sagte Anja Reuss, die die Ausstellung gemeinsam mit Tim Hexamer kuratiert hat.

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Die neue Ausstellung „Neunzehn Namen aus Neunzehntausend“ des Kulturbüros Sachsen und der Heinrich-Böll-Stiftung im Staatsschauspiel möchte dies nun ändern. Exemplarisch widmet sie sich 19 aufgearbeiteten Biografien der anfänglich 19 000 namentlich bekannten Toten, deren Gesamtzahl später von einer Historikerkommission mit 25 000 beziffert wurde.

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Bei der Ausstellungseröffnung am Sonntag griff sie in ihrer Rede vor den 60 anwesenden Gästen zwei Biografien heraus. „Ich habe mich für eine Frau und einen Zwangsarbeiter entschieden, weil das zwei randständige Gruppen sind, die sonst nicht so im Blickpunkt stehen.“ Obwohl es nicht viel Material gebe, könne man sagen, dass Frauen im Nationalsozialismus keine apolitischen Wesen gewesen seien, sondern selbst als Hausfrauen aktiv mitgewirkt hätten, so Reuss.

Deutlich wird das am Beispiel von Ingeborg Rietzel, die zum Zeitpunkt ihres Todes in der Bombennacht gerade einmal 24 Jahre alt war. Dennoch hielt sie ihr junges Alter nicht davon ab, glühende Anhängerin des Nationalsozialismus zu sein und ihre Schneiderin Elfriede Scholz zu denunzieren, weil diese sich gegen das Regime ausgesprochen hatte. Anlass war, dass Rietzels Kleid nicht rechtzeitig zum Fronturlaub ihres Mannes, eines Wehrmachtsoffiziers fertig war. Obwohl 100 Kunden die Denunziation nicht bestätigen wollten, wogen die Worte der Offiziersfrau, die hauptberuflich Haus und Herd hütete, schwerer. Elfriede Scholz, bei der es sich um die jüngste Schwester des Schriftstellers Erich Maria Remarque handelte, wurde daraufhin wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode durch das Fallbeil verurteilt.

Eine weitere Biografie, die Anja Reuss erwähnte, war die des sowjetischen Zwangsarbeiters Stepan Efremowitsch Stepankow. „Er wurde auf gewaltsame Art halb verhungert nach Dresden gebracht und musste in der Rüstungsindustrie und in der Luftabwehr der Wehrmacht arbeiten.“ Diese Menschen seien nicht freiwillig in die Stadt gekommen, gehören aber auch zu den Opfern der Bombenangriffe des 13. Februar, sagte die Historikern.

Drei Jahre Recherche

Drei Jahre dauerte die Recherche der facettenreichen Geschichten von Tätern und Opfern. Leicht war diese Aufgabe nicht, weil Anja Reuss und Tim Hexamer keine Möglichkeit hatten, auf die Dokumente der Historikerkommission zurückgreifen. „Die Sperrfrist beträgt bei den Dokumenten 40 Jahre“, sagte Reuss und fügte an: „In Dresdner Archiven ist zudem vieles entweder verbrannt oder von der Flut vernichtet worden. Interessant war auch, dass einige Archive bestimmte Dokumente zwar im Bestand hatten, diese aber in all den Jahren nicht aufgearbeitet worden sind.“

Dennoch wussten sich die Historiker zu helfen. „Wir haben zum Beispiel über die jüdische Gemeinde Kontakt zum Dresdner Gehörlosen Sportverein 1920 bekommen. Die wussten von zwei jüdischen Männern, die deportiert werden sollten und dann bei der Bombardierung starben.“ Eine weitere Biografie habe man wiederum durch den Kontakt zum Hausmeister einer Dresdner Schule konstruieren können, indem dieser einen Blick in die Schulchronik gewährt habe, so Reuss.

Beeindruckt von der Arbeit der Kuratoren zeigte sich bei der Vernissage auch Dresdens Bildungsbürgermeister Hartmut Vorjohann (CDU). „Die Biografien geben uns im Detail keine Antworten auf das Leid und die Grausamkeiten des Nationalsozialismus. Vielmehr lassen sie uns mit Fragen zurück. Genau diese Fragen sind für eine aktive Erinnerungskultur aber notwendig und wichtig“, so Vorjohann. Bis zum 19. März ist die Ausstellung täglich von 18 bis 19.30 Uhr zu sehen, montags auch von 13 bis 19.30 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Von Stephan Hönigschmid

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