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Warum uns der Frühjahrsputz gut tut

Großreinemachen für die Seele Warum uns der Frühjahrsputz gut tut

Spätestens wenn die Frühjahrssonne durch allzu speckige Fenster fällt, ist das alljährliche Großreinemachen fällig. Zu dumm nur, dass zwei Drittel aller Deutschen keine Lust zum Putzen haben. Dabei kann äußeres Saubermachen auch inneres Chaos klären.

Das alljährliche Großreinemachen im Frühjahr tut staubigen Ecken und trüben Fenstern gut – und vielleicht hilft es auch gegen innere Unordnung.

Quelle: iStockphoto

Hannover. Der Frühling hat seine Schattenseiten. Denn wo viel Licht ist, ist auch viel Schmutz. Die Tage werden länger. Ungnädig entlarvt die Sonne hässliche Schlieren auf den Fensterscheiben. Sie richtet einen grellen Spot auf die Staubmäuse, die aus dem Winterschlaf erwachen und jetzt allüberall unter Betten, Schränken und Sofas hervorkrabbeln. Die kräftiger werdende Frühjahrsonne bringt die vielen kleinen Nachlässigkeiten beim Hausputz ans Licht, die aus Haus und Wohnung den Winter über einen ziemlichen Dreckstall gemacht haben.

Allenfalls oberflächlich ähnelt das eigene Wohnraumstyling noch den Hochglanzbildern aus Wohnzeitschriften und Interior-Blogs. Wie gerne hätte man es zu Hause so schön, so heimelig, so wohlgeordnet, so sauber. Man vergisst darüber beinahe, dass erfolgreiche Einrichtungsblogger den lieben langen Tag nichts anderes machen, als Räume beinahe unwirklich schön herzurichten – und jeder Hausbesitzer, der von “Schöner Wohnen“ oder “Architectural Digest“ heimgesucht wird, schickt vor dem Fototermin garantiert noch ein Putzkommando durch sämtliche Räume.

Ein Volk von Putzmuffeln

Das Streben nach Ordnung und Sauberkeit im eigenen Heim wird zumeist von einem entscheidenden Faktor untergraben: der Unlust am Putzen. Die in aller Welt für ihre angebliche Reinlichkeit gerühmten Deutschen sind eher ein Volk von Putzmuffeln geworden. Das Meinungsforschungsinstitut Yougov befragte Ende 2016 knapp 10 000 Menschen in sechs Nationen recht unterschiedlicher kultureller Prägung zu ihren Putzgewohnheiten. Einzig in puncto Wichtigkeit eines sauberen Zuhauses sind sich Deutsche, Franzosen, Briten, US-Amerikaner, Argentinier und Japaner mit Zustimmungswerten von 85 bis über 90 Prozent einig. Die Bereitschaft, für ein reinliches Heim die Ärmel hochzukrempeln, schwankt indes sehr.

Tatsächlich haben die Franzosen, denen man ja gerne mal ein bisschen zu viel Laisser-faire unterstellt, mit 35 Prozent aller Befragten die geringste Aversion gegen das Putzen. Die Deutschen hingegen sind zu 68 Prozent genervt davon. Geht es um die Gründlichkeit, liegen wiederum die Argentinier vorn: 57 Prozent von ihnen putzen mehr als drei, 10 Prozent gar mehr als zehn Stunden in der Woche – in Deutschland wendet noch nicht einmal jeder Dritte mehr als drei Wochenstunden auf.

Obwohl Putzen unbeliebt ist wie kaum eine zweite Alltagstätigkeit, delegieren nur rund 4,4 der 30 Millionen Haushalte in Deutschland den Kampf gegen Dreck und Unordnung an eine bezahlte Kraft. Dass die meisten Putzkräfte weiblich sind (und, nebenbei gesagt, zumeist schwarz bezahlt werden), hat nicht nur mit dem noch immer schwereren Arbeitsmarktzugang für Frauen zu tun, sondern auch damit, dass laut einer Forsa-Umfrage zum Putzmarkt Männer für weniger gründlich und zuverlässig gehalten werden. Worauf sich nur entgegnen lässt: Putzen ist kein Hexenwerk. Erst recht nicht im Zeitalter von Geschlechtergleichheit und Rollendiversität. Jeder kann es lernen. Selbst der schlampigste Kerl.

Warum aber erzeugt Putzen so viel Widerwillen, obwohl wir Sauberkeit so lieben? Zumal es kaum eine andere Arbeit gibt, die ähnlich schnell zu sichtbaren Ergebnissen führt. Wer einmal einen Tag lang eine vernachlässigte Wohnung auf Vordermann gebracht hat, kennt womöglich dieses erhebende Gefühl, wenn alles – selbst das hinter Schranktüren verborgene Chaos – wieder wohlgeordnet ist, wenn zitronig-zarter Putzmittelduft den Raum parfümiert, die Fenster ungetrübte Ausblicke erlauben und so manches vormals angestaubte Stück wieder einen hellen Platz hat und aussieht wie frisch erworben. Putzen ist einfach, aber effektiv. Putzen schafft Übersicht, Putzen ist gelebte Chaosbewältigung.

Schaffen, Sparen, Saubermachen

Vielleicht rührt die Unlust gegenüber dem Putzen noch aus Zeiten, als das Reinemachen eine gemeinschaftliche Verpflichtung war, deren Einhaltung von missgünstigen Mitmenschen stets penibel beäugt wurde. In Baden-Württemberg kennt man bis heute, die schwäbische Kehrwoche, die das samstägliche Putzen öffentlich zugänglicher Bereiche wie Treppenhaus und Bürgersteig vorsieht.

Zwar gibt es keine gesetzliche Verpflichtung, sich an diesen (womöglich überkommenen) Brauch zu halten, doch selbst im großstädtischen Milieu Stuttgarts fegen rund ein Drittel aller Menschen vor dem Haus – vorwiegend aus Sorge, die Nachbarn könnten andernfalls schlecht über sie reden, wie Wissenschaftler der Uni Speyer herausfanden. Schaffen, Sparen, Saubermachen: Die sogenannte schwäbische Tugendtriade wirkt wie ein Relikt aus den piefigen Fünfzigern, als äußere Ordnung gleichsam Ausweis eines sauberen, eines untadeligen Lebenswandels war.

Diesen einstmals vergesellschafteten Zwang zu Ordnung und Sauberkeit haben Schätzungen zufolge etwa 1,5 Millionen Deutsche gewissermaßen internalisiert. Sie leiden an Putzzwang. In besonders schweren Fällen stellt die Sucht nach Sauberkeit den Alltag vollkommen auf den Kopf. Selbst klinisch saubere Ecken müssen nach festem Programm mehrfach penibelst gereinigt werden. Wird die zeitraubende Putzliste nicht vollständig und gewissenhaft abgearbeitet, löst dies bei Zwangserkrankten tiefes Unwohlsein, mitunter regelrechte Panik aus.

Putzen als Heilslehre

Der Zwang hält die Ängste in Schach, er schafft haltgebende Strukturen, er ist ein Bollwerk gegen das Chaos – um den Preis totaler Versklavung durch das unerbittliche Reinigungsritual. Es ist bezeichnend, dass Zwangserkrankungen ausgerechnet in einer Zeit auf dem Vormarsch sind, die für viele eben nicht für Ordnung, für klare Verhältnisse und Beständigkeit steht, sondern für das Gegenteil: für permanenten Wandel, für Unübersichtlichkeit und Ungewissheit.

Entsprechend gibt es unzählige Bücher, die das Putzen gleichsam als Heilslehre, als einen Schlüssel zur seelischen Balance, anpreisen – vorzugsweise angelehnt an fernöstliche Meditationspraktiken. “Die Kunst des achtsamen Putzens“, “Magic Cleaning: Wie Wohnung und Seele aufgeräumt bleiben“, “Die magische Küchenspüle: Sich selbst und den eigenen Haushalt auf Hochglanz bringen“: Das sind nur drei von Dutzenden Titeln, die sich mit den tieferen Zusammenhängen von Raum- und Seelenpflege auseinandersetzen.

Einfach mal losfeudeln

Man kann das übertrieben finden. Oder zumindest ein bisschen bedenkenswert. Nicht umsonst ist das Putzen und das damit verbundene Ordnen der Dinge in den Tagesabläufen klösterlicher Gemeinschaften rund um die Welt fest verankert. Das Leben im Kloster ist überschaubar, geordnet, an feststehende Rituale und Rollen geknüpft – und schafft gerade deshalb innere Weite und Freiheit.

Gewiss, man kann sich sein Leben nicht schön putzen. Aber man könnte zumindest versuchsweise vergessen, dass man das Saubermachen eigentlich hasst. Man könnte einfach mal zu Schrubber und Staubtuch greifen und losfeudeln – und schauen, was das mit einem macht. Selbst wenn sich tiefenpsychologische Effekte dann doch in Grenzen halten: Zumindest ist es zu Hause wieder schön sauber.

Von Daniel Behrendt

Hannover 52.3758916 9.7320104
Hannover
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