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Hightech und Hochbeet

Revolution der Gemeinschaftlichkeit Hightech und Hochbeet

Ausgerechnet die Kinder der Digitalisierung begeistern sich fürs Gärtnern in der Stadt, für Tauschbörsen und ein neues Wirgefühl. Eine Mode? Flucht in die Vergangenheit? Es ist mehr als das: Eine junge Generation lässt die Zukunftsangst hinter sich und schreibt die Regeln der globalisierten Gesellschaft neu.

Die Digitalgesellschaft braucht neue Regeln. Es ist Zeit für Besinnung – und besonders die junge Generation findet sie zwischen Hochbeet und Share Economy.

Quelle: Westend61

Hannover. Natürlich haben sie recht, die Alten. Es war alles schon mal da. Genau so oder doch so ähnlich. Nur unter anderem Namen.

Die Großmutter lächelt milde, wenn die Enkelin mit dem noch bescheidenen Einkommen begeistert von dem Hochbeet erzählt, in dem sie jetzt ihre Radieschen und Tomaten und Zucchini zieht. Frisches Gemüse, selbst angebaut, mitten in der Stadt! Weil die Enkelin an ihrer Etagenwohnung keinen Balkon hat, von einem Garten ganz zu schweigen, ist ihr privates Versorgungszentrum jetzt dieses Hochbeet auf einem Stück Grün, das bis vor Kurzem nur lauffaule Hundebesitzer aufgesucht haben. Jetzt aber spricht die Enkelin von Coops und gemeinschaftlicher Verantwortung und nennt das Ganze Urban Gardening. Weil’s angeblich ein Trend aus New York ist.

“Das haben wir auch gemacht“, sagt die Großmutter, “damals hießen wir Selbstversorger.“ In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Städte in Trümmern lagen, Lebensmittel und Arbeitsplätze knapp waren, hat diese Großmüttergeneration jedes Fleckchen genutzt, an dem sie etwas anbauen konnte. Und noch früher, im 19. Jahrhundert, hießen solch bescheidene urbane Pflanzanlagen Armengärten. Ohne die wäre in den lichtlosen Proletarierwohnungen der wachsenden Städte kaum jemals was Frisches auf den Tisch gekommen. Alles sinnvoll, alles pragmatisch, alles überlebenswichtig.

Erfahrungen wiederholen sich

Auch im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts? Ja. Nicht nur in den spanischen Städten im Süden der EU, wo verarmende Familien der Krise mit Selbstgezogenem trotzen. Nicht nur in den brasilianischen Favelas, wo an jeder Ecke Gemeinschaftsgärten in Plastiktöpfen die Grundversorgung sichern. Auch hierzulande. In den überversorgten, wohlhabenden deutschen Großstädten, in London, in Paris.

Denn die Geschichte wiederholt sich zwar nicht, aber die Erfahrungen der Menschen wiederholen sich. Und die kollektive Erfahrung sagt ihnen: Wir treten ein in eine neue Phase der modernen Gesellschaft. Nach der Angst und der Abwehr setzt die Akzeptanz ein – der Algorithmus ist gekommen, um zu bleiben. Die Digitalgesellschaft braucht neue Regeln. Es ist Zeit für Besinnung. Und das ist der Moment, in dem Hochbeet und Hightech eine Verbindung eingehen, die weit über den Hype um Urban Gardening hinausweist.

Dabei geht es nicht um den Rückgriff auf eine romantisierte Vergangenheit. Sondern darum, wie gesellschaftliches Leben in einer Zeit enormer technischer und ökonomischer Beschleunigung neu justiert werden kann. Auch das war schon mal da. Geschürt von den gleichen Ängsten, die auch heute so viele Menschen umtreiben.

Geschichte der Überforderung

Als 1843 die Eisenbahnlinie von Paris nach Orléans eröffnet wird, verspürt der Dichter Heinrich Heine ein “unheimliches Grauen, wie wir es immer empfinden, wenn das Ungeheuerste, das Unerhörteste geschieht, dessen Folgen unabsehbar und unberechenbar sind“. Nicht wenige seiner Zeitgenossen fürchten, dass ihnen bei 30 Stundenkilometern das Trommelfell platzen wird.

Im Jahr 1856, mit dem Aufblühen der Massenpresse, streiten sich die Lehrer um das Für und Wider von Jugendbibliotheken, und der Schuldirektor A. Lüben stellt kategorisch fest: “Die Jugendschriften befördern die Vielleserei, verwandeln die Leselust in Lesesucht und verführen zur Romanleserei.“ Das klingt verdächtig nach “die Jugendlichen sind ständig online und lernen doch nichts“.

Schon der erste große Zeitensprung der Geschichte, die Modernisierung der Welt durch die industrielle Revolution, hat einen Großteil der Menschen überfordert. Der Historiker Andreas Rödder hat in einer populären Zeitschrift diese Zustandsbeschreibung gefunden: “Die Elektrizität, die wir uns so sehr untertan gemacht haben, hat sich bitter an uns gerächt, indem sie sich in uns hineinverpflanzt hat und uns zwingt, mit aller nur denkbaren Anspannung und Schnelligkeit zu arbeiten.“

Auf Aufbruch folgt Besinnung

Der Professor für Neueste Geschichte an der Uni Mainz erkennt in diesem Satz die “weitverbreitete Furcht, dass die Menschen die Technologien nicht mehr im Griff haben“. Wie heute: “Ersetzen Sie ,Elektrizität’ durch ,Algorithmus’ oder ,Digitalisierung’, und Sie sind mitten im Heute.“ Der Historiker nennt solche Debatten “Schwächediskurse“. Weil sie getrieben sind von der Vorstellung “wir müssen uns anpassen, sonst sind wir verloren“. Als sei die Masse der Menschen neuen technologischen Entwicklungen willenlos ausgeliefert.

Dabei lehrt die Erfahrung etwas ganz anderes: Wenn das Gefühl der Machtlosigkeit überhandnimmt, tun die Menschen sich zusammen. Und schreiben die Regeln neu. Das Ergebnis sind zuerst die Arbeitervereine, dann die Gewerkschaften, die den Schwachen im System Schutz bieten. Karl Marx und Friedrich Engels versprechen das kommunistische Heil. Auf dem Höhepunkt der Industrialisierung macht das deutsche Kaiserreich sich zum Vorreiter der Idee eines staatlichen Sozialsystems mit Kranken- und Rentenversicherung. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzt die Bundesrepublik auf die soziale Marktwirtschaft und die DDR auf Sozialismus.

Diese Wellenbewegung – auf Aufbruch folgt Besinnung, auf den experimentierfreudigen Sturm und Drang folgt die regelverliebte Klassik – wiederholt sich jetzt. Digitalisierung und Globalisierung liefern seit den Achtzigerjahren die immer schnellere Grundmelodie. Ja, die Übernahme des Alltags durch das Internet ist Fakt. Ja, Medien überschreiten alle Grenzen, globale Wettbewerbsfähigkeit definiert politisches Handeln. Aber auch: Das ist nicht das letzte Wort in der Menschheitsgeschichte. Und da kommt das Hochbeet der Urban Gardeners ins Spiel.

Ökonomie des Überschaubaren

Kooperativen bewirtschaften gemeinschaftliches Eigentum (früher hieß das Allmende). Der gnadenlosen Ausbeutung endlicher Ressourcen setzen sie eine Ökonomie des Überschaubaren, die “share economy“ entgegen, in der Gegenstände, Können, Räume, Wissen systematisch ausgetauscht werden (früher hieß das Teilen).

Das Gefühl verselbstständigter Beschleunigung dämmen sie mit Achtsamkeit ein. Die ist übrigens viel weniger egozentrisch als die Vorläuferbewegung des Wellnesswahns – und in ihren Idealen eines menschlicheren Umgangs mit sich selbst und seiner Umwelt direkt der Hippiebewegung der Sechzigerjahre entsprungen. Auf die Allmacht der Internetkonzerne antworten immer mehr mit der Verweigerung der Preisgabe ihrer Daten (früher hieß das Schutz der Privatsphäre).

“Dann gibt’s halt eine Revolution“

Die Politik ihrerseits diskutiert das bedingungslose Grundeinkommen als Antwort auf den Verfall von Chancengleichheit. Gerechtigkeit ist schon jetzt das prägende Thema des Bundestagswahlkampfs 2017. All diese Bewegungen geben noch nicht die ultimative Antwort. Und die Alten haben ja recht, wenn sie sagen, es sei alles schon mal da gewesen.

Doch belächeln sollten sie die Wiederentdeckung vergessener Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens tunlichst nicht. Ihre Enkel werden nämlich auf jeden Fall etwas Neues daraus machen. Andreas Rödder drückt es etwas drastischer aus: “Es gibt keine Automatismen in der Weltgeschichte. Und wenn es den Menschen gar zu viel wird, dann gibt’s halt eine Revolution. Das ist im 21. Jahrhundert nicht anders, als es im 19. oder 20. Jahrhundert war.“

Von Susanne Iden

Hannover 52.3758916 9.7320104
Hannover
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