Startseite DNN
Volltextsuche über das Angebot:

Google+
Die halbnackte Demokratie

Ein Tag im Freibad Die halbnackte Demokratie

Blau glitzerndes Wasser, grüne Liegewiesen, Kinderschreie. Das charakteristische “Platsch“, wenn einer vom Dreier springt. Wassereis und Pommes. Das Freibad ist Urlaub für 4 Euro. Und ein Ort, an dem die Konflikte unserer Gesellschaft entweder ausgetragen oder verdrängt werden.

Nicht vom Beckenrand springen: Das Freibad Kiebitzberge bei Berlin bietet klassisches Badevergnügen – und hat sich ganz ohne Wellness oder Hightech zum Geheimtipp entwickelt. Ein Besuch in der halbnackten Parallelwelt.

Quelle: Jacqueline Schulz

Kleinmachnow. Nächstes Jahr im Herbst ist es vorbei. Dann geht Rainer Prager in Rente. Er wird sein Wohnmobil starten und einfach losfahren. Endlich kann er auch im Sommer auf Tour sein, nach 40 Jahren im Dienst am Beckenrand. Für den Schwimmmeister und Betriebsleiter des Freibads Kiebitzberge in Kleinmachnow bei Berlin ist es die vorletzte Saison. Braun gebrannt und ohne Hemd steht er da. Die Trillerpfeife hat er in die Aufsichtsbaracke gehängt. Das heißt nicht, dass Prager jetzt weniger wachsam wäre.

Er schnappt sich das Mikrofon und macht eine Ansage: “Liebe Eltern, das Nichtschwimmerbecken hat in der Mitte eine Tiefe von 1,40 Meter. Bitte lassen Sie Ihre Kinder nicht allein ins Wasser. Beachten Sie auch: Am Rutschenauslauf ist ebenfalls eine Tiefe von 1,40 Meter. Nehmen Sie Ihre Kinder in Empfang.“ Zwar ist gerade alles ruhig im Nichtschwimmerbecken, aber man kann es ja nicht oft genug sagen.

Rainer Prager hat in seinem Schwimmmeister-Leben sieben Kindern und zwei Erwachsenen das Leben gerettet. Drei Menschen hat er nicht mehr helfen können in all den Jahren. Die Zahlen rattert er ohne zu zögern herunter, die Kurzbilanz eines Berufslebens. Vergangenes Jahr hat er unermüdlich gepumpt, als ein Familienvater bewusstlos im Schwimmerbecken gefunden worden war. Dann endlich waren die Sanis da, der Mann kam durch. Später stellte sich heraus: Zwei Unbekannte sollen den Mann nach einem Streit unter Wasser gedrückt haben. Die Polizei veröffentlichte Phantomfotos, ohne Erfolg. Es war die größte Aufregung seit Jahren auf dem ruhigen Planeten Kiebitzberge.

Schwimmmeister Rainer Prager hat alles im Blick im Freibad Kiebitzberge

Schwimmmeister Rainer Prager hat alles im Blick im Freibad Kiebitzberge.

Quelle: Jacqueline Schulz

Früher sah es hier streckenweise noch anders aus: Auch im kleinen Freibad am Rande der großen Stadt gab es Jugendgruppen, die andere Badegäste beklauten und belästigten. Prager und seine Rettungsschwimmer stellten sie zu Rede, dann seien Messer gezückt worden. Die Polizei kam mit einem Großaufgebot aus Berlin und Potsdam. So ist es hier schon lange nicht mehr.

Wenn jetzt Jugendgruppen mit Ghettoblaster und Wasserpfeife kommen, schauen die Rettungsschwimmer in kurzen Abständen bei ihnen vorbei, ermahnen sie so lange, bis die Lautesten Hausverbot kassieren oder keine Lust mehr haben. Kiebitzberge ist eine Null-Toleranz-Zone. Die Folge: Auch an einem heißen Sonntag kommen kaum ältere Jugendliche. Familien und Rentner sind fast unter sich.

Einige der Ab- und Zurechtgewiesenen hinterlassen Kommentare im Netz über die “unfreundlichen Bademeister“. Prager und sein Chef Michael Schmidt nehmen das in Kauf. Ein ordentliches, sauberes Familienbad soll Kiebitzberge sein, das ist ihr Konzept, ihre Marktlücke. “Security will ich hier nicht sehen“, sagt Schmidt kategorisch. Nichts, was auch nur im entferntesten daran erinnern könnte, dass es auch unentspannte Badetage geben kann. Das Konzept geht auf. Knapp 100 000 Besucher pro Jahr zählt das Freibad, fast zwei Drittel kommen aus Berlins südwestlichen Stadtteilen.

Sprungprofi Pascal Lüge arbeitet am perfekten Salto

Sprungprofi Pascal Lüge arbeitet am perfekten Salto.

Quelle: Jacqueline Schulz

Zum Beispiel Joshua von Kruszynski und Kimberly Roberts. Der BKA-Beamte und die Studentin haben es sich mit ihren Handtüchern am Rand des Schwimmerbeckens gemütlich gemacht. Ein schönes Paar, das Blicke auf sich zieht und die Sonne genießt, während vor ihnen gerade eine elfte Klasse ihren Schwimmunterricht absolviert. In die Bäder der Hauptstadt, das Insulaner in Schöneberg etwa, könne man nicht mehr gehen, sagen sie. Zu voll, zu viele Gangs, zu viel Stress. Und hier sind sie in zehn Minuten mit dem Auto.

Am anderen Ende des Bades rutscht der vierjährige Sohn von Caro Meck gerade durchs Babybecken. Sie steht im flachen Wasser und schaut sich um. Auch Meck mag Kiebitzberge, auch sie kommt aus Südwestberlin. Die Tochter eines dunkelhäutigen US-Soldaten zögert etwas: “Ich weiß nicht, ob ich das so sagen darf. Aber im Insulaner waren zu viele Türken, die einem die Sachen vom Handtuch klauen, wenn man nicht hinguckt.“

Vor drei Jahren erschien im Magazin der “Süddeutschen Zeitung“ eine Reportage über “Deutschlands berüchtigtstes Freibad“, das Columbiabad in Berlin-Neukölln, das dort jeder nur Culle nennt. Dort sagte der Bademeister Sven Ahrend am Abend eines Tages, an dem die Security mehr als 100 Leute am Tor abgewiesen hat: “Wir müssen doch wenigstens versuchen, miteinander klarzukommen. Sonst sind wir gescheitert.“ Der Text schließt mit dem Satz “Jedem in der Runde ist klar, dass Sven gar nicht mehr nur vom Culle redet“.

Schönes Paar

Schönes Paar: Joshua von Kruszynski und Kimberly Roberts haben es sich neben dem Schwimmerbecken gemütlich gemacht.

Quelle: Jacqueline Schulz

Wenn das Culle mit seiner Security, mit seinen Polizeieinsätzen und dem ganzen innerstädtischen Stress ein Sinnbild für den Versuch ist, in den heißesten Brennpunkten der Innenstädte das Ziel der Integration nicht aus dem Blick zu verlieren, dann ist Kiebitzberge, umgeben von Einfamilienhäusern am Rande der Stadt, der Gegenentwurf dazu. Der Geheimtipp, in den sich die Leute zurückziehen, die sich auskennen, die ihre Ruhe haben wollen und ein Auto besitzen, um herzukommen. Das Freibad ist der Ort, an dem die Konflikte dieser Gesellschaft entweder ausgetragen oder verdrängt werden.

Jürgen will nur seine Ruhe. “Schreib’, dass es hier ganz furchtbar ist, sonst kommen noch mehr Leute und ich habe keinen Platz mehr“, feixt der 60-Jährige dem Reporter zu. Jürgen liegt braun gebrannt auf seiner Liege, seit diesem Jahr ist er in Rente, vorher ist er für die Berliner Stadtreinigung Lastwagen gefahren. Er wohnt in Steglitz im Südwesten der Stadt, nur zehn Minuten mit dem Auto entfernt. Neben ihm liegt Karla aus Zehlendorf, eine gepflegte Lady mit verschärften Sprüchen, die wie Jürgen direkt nach dem Mauerfall ihr neues Wohnzimmer in Kiebitzberge entdeckt hat. Sie kennen die schönsten Plätze und haben die aufwendigsten Liegen, mit integriertem Schattenspender für den Kopf.

Entdeckung für Berliner nach dem Mauerfall

Die beiden haben in jahrelanger Routine den perfekten Abstand der Liegen zueinander gefunden. Weit genug, um dem anderen Platz zu lassen, aber nah genug, um Kaffee und Pflaumenkuchen hinüberreichen zu können. So, wie es Kleingärtner über ihre Hecke tun würden. Jürgen und Klara brauchen keinen Kleingarten, sie haben das Freibad. An den Wochenenden kommt Jürgens Frau dazu, die noch arbeiten muss. Und Bodo, ein Arbeitskollege von Jürgen, der unter seinen Tätowierungen deutlich heller ist als Jürgen, weil es auch bei ihm noch dauert bis zur Rente. Daneben wiederum liegt Yilmaz, Yilli genannt, einer der wenigen türkischen Kiebitzberger.

Nach dem Mauerfall entdeckten immer mehr Berliner das Bad in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft. Die idyllischen, hügeligen Liegewiesen, die 1000 Quadratmeter blaues Wasser im Schwimmer- und 900 im Nichtschwimmerbecken. Das Dreimetersprungbrett, das genauso alt ist wie das Bad, 41 Jahre. Im Winter wird es bei der anstehenden großen Renovierung abgerissen und neu gebaut. Die drei Großbetriebe der Gemeinden am Teltowkanal finanzierten den Bau maßgeblich.

Jürgen (60) aus Berlin-Steglitz kommt schon seit über 20 Jahren nach Kiebitzberge

Jürgen (60) aus Berlin-Steglitz kommt schon seit über 20 Jahren nach Kiebitzberge. Inzwischen ist er Rentner und kann jeden Tag auf seiner Liege verbringen, wenn er will.

Quelle: Jacqueline Schulz

Die Werktätigen des VEB Carl von Ossietzky Teltow, des VEB Geräte- und Reglerwerk Teltow und des VEB Gleichrichterwerks Stahnsdorf schufen sich in Sonderschichten und freiwilligen Einsätzen ihr eigenes Paradies. Noch heute schwimmen hier viele, die damals ausgeschachtet und Blumenbeete angelegt haben. Die Menschen aus dem Westteil der Stadt kennen diese Geschichten nicht. Sie glauben zumeist, es sei einst ein Bad für Parteibonzen gewesen, so schön, wie es ist. “Früher ging man ins Strandbad Wannsee“, erinnert sich Karla, “früher konnte man hier auch nicht hin.“ Sie mochte das Strandbad nie, weil sie ungern im See schwimmt. “Ich muss sehen, was unter mir ist.“

Es gibt, grob gesagt, die Seeschwimmer und die Freibadschwimmer. Um Berlin herum finden beide genügend Plätze – und pflegen ihr jeweils ganz eigenes Lebensgefühl. Der See ist wie ein geruhsamer Sommernachmittag. Ein Idyll mit Enten und Booten, die gemächlich an den Schwimmern vorbeiziehen. Das Freibad ist Action. Blau glitzerndes Wasser, grüne Liegewiesen, Kinderschreie. Das charakteristische “Platsch“, wenn einer vom Dreier springt. Wassereis und Pommes. Das Freibad ist Urlaub für 4 Euro.

Badekappenpflicht bis in die Neunziger

Ein Urlaub jedoch, der in den Kiebitzbergen einst mit strengen Regeln versehen war. Bis in die Neunziger herrschte Badekappenpflicht. Ein Erbe aus der DDR. Die Wessis waren verwirrt, doch mit den Jahren verschwand auch diese Regel.

Rainer Prager kam zur Jahrtausendwende, vorher war er Schwimmmeister in Hettstedt in Sachsen-Anhalt gewesen. Er bezog den Dienstbungalow neben dem Schwimmbad und bekam an den Wochenenden hautnah mit, wie die Jugendlichen aus der nahe gelegenen Disco das Bad enterten. “Nachts waren manchmal mehr Leute im Bad als tagsüber“, erinnert er sich. Die Disco schloss, der Zaun wurde erhöht, seitdem hat Prager nachts Ruhe.

Vor dem Bungalow steht sein Wohnmobil, damit will er im September an die Adria. Das Bad schließt dieses Jahr vorzeitig, für die große Renovierung. Edelstahlbecken sollen her, dann funkelt auch der hinterste Winkel in der Sonne wie jetzt schon das erneuerte Babybecken. Ansonsten ändert sich nichts. Keine Gegenstromanlage, keine Spaßbadelemente. Zwei rechteckige Becken, gepflegtes Grün drumherum, mehr nicht. Die Leute wollen kein Spaßbad, meint Badchef Markus Schmidt, sie wollen ihre Bahnen ziehen. Eine kleine Flucht in den großen Ferien. Die Potsdamer Wasserballer trainieren hier, die Schüler des nahe gelegenen Gymnasiums haben im Sommerhalbjahr Schwimmunterricht. Bei jedem Wetter, außer bei Gewitterwarnung.

Schwimmlehrer Marcel Miserius vom Weinberg-Gymnasium hat seine Schüler im Griff

Schwimmlehrer Marcel Miserius vom Weinberg-Gymnasium hat seine Schüler im Griff.

Quelle: Jacqueline Schulz

Bevor Rainer Prager Schwimmmeister wurde, war er bei der Fahne. Panzertruppe in Gotha. Am letzten Abend stachen ihm die Kameraden ein Tattoo in den Unterarm. Einen Panzer. Er hat es gehasst. Wenn seine Schwimmkinder ihn fragten, was das da sei auf seinem Arm, sagte er immer: “Eine Schildkröte“. Eines Tages kam die Mutter mit ihrer von Trisomie 21 betroffenen Tochter, bei der schon mehrere Schwimmlehrer aufgegeben hatten. Prager brachte der Kleinen in kürzester Zeit das Schwimmen bei. Der Bruder der Mutter ist Tätowierer. Und so ist der ungeliebte Panzer heute die Nase eines Wolfs.

Im Nichtschwimmerbecken zischen die Bälle an Eltern und Kindern vorbei, geworfen von ehrgeizigen Vätern und noch ehrgeizigeren Söhnen. Vom Rand nähern sich zwei Schatten, ineinander verklammert, spritzend und juchzend. “Platsch“ machen die Körper, einer schmächtig, der andere fülliger. Der kurze Ringkampf ist vorbei, sie lachen. Hier toben junge Männer, über die im vergangenen Jahr andauernd gesprochen wurde. Hier sind sie, die Flüchtlinge in Kiebitzberge.

Rainer Prager hatte die Order ausgegeben, alle als Geflüchtete erkennbaren Badegäste bei ihm vorbeizuschicken. Zwecks Unterweisung. Jeder musste eine Bahn vorschwimmen, wer das nicht konnte, wurde ins Nichtschwimmerbecken geschickt. Und es gab ein Faltblatt, mehrsprachig, mit den Baderegeln. Die wichtigste: Frauen nicht antatschen. “Das sind die ja gar nicht gewohnt, Frauen im Bikini. Und dass die mit Respekt zu behandeln sind. Das ist in deren Kultur ja nicht vorhanden, das muss man ihnen einfüllen“, meint Prager.

Bunte Mischung

Bunte Mischung: Blick ins Freibad Kiebitzberge.

Quelle: Jacqueline Schulz

Respekt vor Frauen, den habe er schon vorher gehabt, sagt Abdul Behbudi aus Herat in Afghanistan. Er ist der Schmächtige der beiden Ringer, wohnt in einer Unterkunft in Teltow. Frauen im Bikini aber waren ihm von zu Hause durchaus gänzlich unbekannt, ebenso wie die ganze deutsche Freibadkultur. Abdul Behbudi steht jetzt tropfend am Rand des Nichtschwimmerbeckens, eine bunt verspiegelte Sonnenbrille auf der Nase, und macht eine weit ausholende Handbewegung: “Das hier ist Deutschland, Frauen, Männer, Kinder, Frieden, Spaß. Das ist Demokratie!“

So gerne würde er schwimmen lernen, aber da konnten ihm die Rettungsschwimmer nicht weiterhelfen. Es wäre noch sein Wunsch an Deutschland, bevor er vielleicht schon bald in den Flieger nach Afghanistan steigen muss. “Gerade habe ich meinen negativen Bescheid bekommen“, sagt er leise. Deswegen will er auch nicht fotografiert werden. Wenn er zurück müsste und die Taliban ihn so sähen, in der deutschen halbnackten Demokratie, “dann töten sie mich“.

Abseits der offiziellen Badestelle

Rainer Prager kann auch nicht weiterhelfen mit Schwimmkursen. Er selbst gibt keine mehr, die Eltern von heute seien zu anstrengend geworden. Zu tief sei das Wasser und zu kalt, zu ängstlich die Kinder. Und die Eltern beschweren sich gleich, wenn er einmal etwas lauter die Kinder zurechtweist. Nicht vom Beckenrand springen, nicht schubsen in der Schlange vor dem Dreier, die ganzen Klassiker eben.

Rainer Prager schwimmt nicht gern in seinem Freibad. Morgens vor 7 Uhr fehlt ihm die Zeit, da muss er es für den Tag vorbereiten, die Reinigungsmaschine über den Boden dirigieren, die Rettungsschwimmer einweisen. Abends nach Badeschluss sind ihm zu viele Haare in den Becken. Prager hätte nichts gegen die Badekappenpflicht. Aber die wird nicht wiederkommen. Sei’s drum. Prager ist ohnehin kein Freibadtyp.

Viel lieber schwimmt er im sieben Kilometer entfernten See in Güterfelde. Aber nicht an der offiziellen Badestelle, da wäre er gedanklich immer im Dienst. Prager sucht sich einen einsamen Platz, gleitet ins Wasser und schwimmt mit kräftigen Zügen los. Kein Bademeister mehr, nur ein Mann, die Stille und der See.

Von Jan Sternberg

Kleinmachnow 52.4079274 13.2227111
Kleinmachnow
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Top-Thema