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Tipps Kakaosäcke für Kassel
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20:05 09.06.2017
Zeugen ausbeuterischer Produktionsverhältnisse: Auf dem Syntagma-Platz in Athen nähen Freiwillige für den ghanaischen Künstler Ibrahim Mahama Jutesäcke zusammen, die einst dem Transport von Kakaobohnen dienten. Quelle: Gettys
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Kassel

Es gibt keine afrikanische Kunst. So hieß es apodiktisch in der 2005 eingerichteten Dauerausstellung „Kunst aus Afrika“ des Ethnologischen Museums Berlin. Die Schau gab einen Vorgeschmack auf Präsentationen des voraussichtlich 2019 im rekonstruierten Schloss eröffnenden Humboldt Forums. „Von afrikanischer Kunst zu sprechen impliziert, es gäbe in der Kunst aller Gesellschaften Afrikas gemeinsame Merkmale“, hießt es weiter, in Wirklichkeit aber existierten in Afrika unzählige unterschiedliche Gesellschaften, regionale Unterschiede und historische Entwicklungslinien.

Die Aussage bezog sich nicht auf Gegenwartkunst, sondern auf traditionelle Objekte wie Masken, Trommeln und Herrscherinsignien, die Ende des
19. und Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem aus dem Königreich Benin, Kamerun und dem Kongogebiet nach Berlin geschafft worden waren und lange Zeit eher dem lebensweltlichen und kultischen Kontext als der Kunst zugeordnet wurden. Die Präsentation als „Meisterwerke“ der Kunst markierte eine Abkehr von der Exotisierung und war als nachholende Wertschätzung gedacht.

Aversion gegen den Völkerkundekontext

Im als Weltkulturenmuseum angelegten Humboldt Forum wird es direkt neben ethnologischen Afrika-Präsentationen auch einen größeren Wechselausstellungsraum für zeitgenössische Künstler und Kuratoren aus Afrika geben. Natürlich verbindet sich damit die Hoffnung, das Who’s who nach Berlin zu holen. Der Afrika-Kurator Jonathan Fine ist sich allerdings voll bewusst, dass insbesondere Künstler aus Afrika eine verständliche Aversion dagegen hegen, im Völkerkundekontext präsentiert zu werden.

Die Liste von Künstlern aus Afrika und der afrikanischen Diaspora, die den internationalen Durchbruch geschafft haben, wird immer länger. Die Äthiopierin Julie Mehretu, der Südafrikaner William Kentridge oder erfolgreiche afrikanischstämmige Briten wie Chris Ofili oder Yinka Shonibare gehören längst zu den Protagonisten der globalen Kunstszene. Künstler der Stunde ist indes der Ghanaer Ibrahim Mahama, der mit einer 300 Meter langen Jutesack-Installation auf der vergangenen Venedig-Biennale Aufmerksamkeit erregte.

Auch bei der aktuellen Documenta ist der 1987 geborene Künstler dem kargen Material treu geblieben und verpasst der historischen Torwache in Kassel ein Kleid aus dem bräunlichen Rupfen. Zusammengenäht wurde die monumentale Hülle unter anderem im öffentlichen Raum von Athen, dem zweiten Standort der diesjährigen Weltkunstschau. Die Säcke, die Mahama verwendet, sind gebraucht – im Tausch gegen neue von ghanaischen Kakaohändlern erworben. Sie tragen Inschriften und Gebrauchsspuren, sie sind imprägniert mit dem Schweiß von miserabel entlohnten Wanderarbeitern. Mahama selbst bezeichnet die Säcke als „forensische Beweismittel“: Sie sind stumme Zeugen von Warenströmen und prekären Arbeitsbedingungen.

International erfolgreiche Kuratoren

Unter den international erfolgreichen Kuratoren stechen vor allem die Nigerianer Okwui Enwezor und Simon Njami und in jüngerer Zeit Bonaventure Ndikung, ein Kameruner mit Wahlheimat Berlin, hervor. Enwezor verordnete 2002 mit seiner Documenta 11 wenige Monate nach 9/11 der westlichen Kunstwelt ein Nachholseminar in postkolonialistischer Theorie. Als Leiter der Venedig-Biennale 2015 rückte er ökonomische und sozialpolitische Fragen in den Mittelpunkt und ließ im zentralen Ausstellungsraum während sieben Monaten aus Karl Marx’ „Das Kapital“ vorlesen.

Simon Njami, in Lausanne aufgewachsener Sohn kamerunischer Einwanderer, kuratierte 2004 die einflussreiche Ausstellung „Afrika Remix. Zeitgenössische Kunst eines Kontinents“ (Düsseldorf, Paris, London, Tokio). Er sagte damals, die erste umfassende Ausstellung afrikanischer Gegenwartskunst könnte möglicherweise auch eine der letzten sein, denn Künstler, die international Fuß gefasst hätten, wollten nicht länger auf das Afrika-Framing festgenagelt werden. Njami und Jean-Hubert Martin, damals Leiter des Museums Kunst Palast, wollten „Afrika Remix“ als Kontrapunkt zur theorie- und politiklastigen Documenta Enwezors verstanden wissen.

Interessant war, dass Martin mit Njami einen seiner schärfsten Kritiker ins Haus holte. Njami hatte Martins große Ausstellung „Magiciens de la terre“ 1998 im Pariser Centre Pompidou eine besonders karikaturhafte Variante der Repräsentation von Andersheit genannt.

Friedhof für westliche Kuratoren

Afrika gilt als Friedhof für westliche Kuratoren. Sie können sich an dem Thema eigentlich nur die Finger verbrennen. So manche Afrika-Ausstellung der zurückliegenden Jahrzehnte bestätigte letztlich die Klischees von der Rückständigkeit, Exotik und Entwurzelung, die sie zu bekämpfen suchte.

Schließlich ist Bonaventure Ndikung zu nennen, 1977 in Kamerun als Sohn eines Anthropologen geboren. Die Familie stammt aus dem Grasland, das jahrhundertelang als Sklavenreservoir ausgebeutet worden war. Ndikung hat mit Savvy Contemporary einen der vitalsten Kunstorte Berlins geschaffen (Savvy heißt so viel wie Grips oder Köpfchen) und vertritt eine post-postkoloniale Position. Vorläufiger Karrierehöhepunkt ist die Ernennung zum Curator at Large der laufenden Documenta, zu einem der Chefberater.

Der promovierte Physiker hat einen lukrativen Job in der Biotechnologie für die Kunst an den Nagel gehängt. Als Ausstellungsmacher schafft er Brücken zwischen Kunst, Wissenschaft und Politik. Für das Documenta-Magazin „South as a State of Mind“ schrieb er einen Essay über die historische Rede des afrikanischen Staatsmannes Thomas Sankara 1984 vor den Vereinten Nationen.In dem Zeitzeugnis, das in Europa nur wenige kennen, prangerte der afrikanische Staatsmann lange vor der griechischen Schuldenkrise die Austeritätspolitik an. „Diese Rede hat meine Jugend geprägt“, sagt der Kunstkurator, und fügt hinzu: „Der Süden rückt immer weiter in den Norden.“

Von Johanna di Blasi/RND

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