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„Little Boy“ und weitere DVD-Tipps

DVD-Tipps von Matthias Halbig „Little Boy“ und weitere DVD-Tipps

Ein kleiner Junge will einen großen Weltkrieg beendem, ein britischer Sagenheld geht in Serie und im Wald von Blair ist die böse Hexe wieder äußerst aktiv. Diese und andere DVDs stellt Matthias Halbig in Kurzkritiken vor.



Quelle: Montage RND/Verlage

Hannover.
Little Boy: Der blonde, nur langsam wachsende kleine Sonnenscheinjunge Pepper Flynt Busbee (Jakob Salvati), den man schlicht „Little Boy“ nennt, wächst in einem kalifornischen Küstenort auf. Ein Idyll, illustriert in kindlich bunten Farben, die perfekte heile Welt - würde überm Ozean nicht der Zweite Weltkrieg toben, hätten die Japaner nicht Pearl Harbor überfallen, wäre sein Vater nicht von Uncle Sam eingezogen worden. Der mexikanische Regisseur Alejandro Monteverde erzählt äußerst pittoresk in leuchtenden Bildern das Märchen, wie der Comicfan Pepper, vom örtlichen Priester (Tom Wilkinson) bestärkt, darauf vertraut und trainiert, seinen Vater mit übermenschlichen Kräften nach Hause holen zu können. Der mit Emily Watson, Ben Chaplin und Kevin James bis in die Nebenrollen hinein gut besetzte Film, der in deutschen Kinos nie lief, wendet sich aber auch den Tragödien seiner Handlungszeit zu. Vor allem der stets virulente Rassismus des weißen Amerikas gegenüber seinen asiatischen Mitamerikanern wird thematisiert. Der seit Jahrzehnten in den USA lebende Japaner Hashimoto (Cry-Hiroyuki Tagawa) wird nach Pearl Harbor bespuckt, beschimpft, ausgegrenzt und sogar mit dem Tode bedroht. Bevor Little Boy den Zweiten Weltkrieg dann (auf eine freilich fürchterliche Weise) beendet (zu haben glaubt), versucht er sich an Hashimotos Integration. Und das wird seine schwierigste Aufgabe in diesem hübschen Film, der nachdrücklich für die derzeit weltweit so stark vermisste Toleranz eintritt.

Little Boy

Little Boy

Quelle: Verlag

Beowulf – Serie: Ein Heros der Inseln war „Beowulf“, weil er das Biest Grendel erschlug. Die britische Serie, die es leider nur auf eine Staffel brachte, weitet, ergänzt, verändert, modernisiert die tausendjährige, älteste erhaltene englische Dichtung um den ruhmreichen Recken zuweilen recht drastisch, um modernen Erzähl- und Sehgewohnheiten zu entsprechen. Schon die erste Einstellung zeigt, dass die Serienmacher dabei keine halben Sachen machen. Klein Beowulf (Kieran Bew) und sein Vater kämpfen gegen gehörnte, mit Fell überzogene Ork-artige Kreaturen, deren Computertrickausführung wohlfeil geraten ist. Sieht man von mancher Doppelaxt ab, deren Klinge denn doch eher die Anmutung von Hartgummi hat, lassen sich die Meister der Ausstattung in Settings, Kostümen und Tricktechnik nicht lumpen. Ein Fehler war es allerdings, dieses Schwert-&-Edelmut-Abenteuer mit einer Altersfreigabe „ab 16“ auszustatten, was die Erwartung weckt, hier sei ernsthafte Konkurrenz für „Game of Thrones“ in Sicht. Das zieht unweigerlich Enttäuschung nach sich, denn die Dialoge hier sind deutlich einfacher, die Handlung weit weniger komplex, die Bilder richten sich überaus deutlich an ein jüngeres Publikum als das von Essos und Westeros.

Beowulf

Beowulf

Quelle: Verlag

Blair Witch: Heather, Josh und Mikey verliefen sich damals im Wald. Man hat die drei Filmstudenten gut in Erinnerung: Wie sie erst spöttisch und respektlos waren gegenüber dem Bösen von Burkittsville mitten im katholischen Maryland, an das sie nicht glaubten, über das sie einen Film drehen wollten. Wie dann das erste unsichere Wort „sonderbar“ fiel. Wie sie einander beruhigen wollten, dass im großartigen, modernen Amerika echter Spuk doch unmöglich sei. Wie dann Süden nicht mehr Süden war, weil sie gestrandet waren in einer Art Kammer, die nur noch wie die Welt aussieht, einem unsichtbaren Netz, in dem die furchtbarste aller Spinnen auf sie wartete – die Hexe von Blair. Lange nach „Blair Witch Project“, der das Genre der Found-Footage-Pseudokus erweckte, kommt nun „Blair Witch“, und auch dieser Film kriecht unheilvoll auf seinen Zuschauer zu, berührt ihn, dringt in ihn ein mit einer neuerlich grässlichen Schlusspointe. Heathers viel jüngerer Bruder James (James Allen McCune) macht sich darin mit Freunden auf die Suche nach seiner verschollenen Schwester, die er in einem Internetvideo erkannt zu haben glaubt. Er dokumentiert die Geschehnisse, und was wir erleben, ist zwar auch ein wenig déjà vu: Aber es graut einen nicht zu knapp, wenn sich hier die Zeit bläht und faltet und Orte ihr Aussehen verändern. Der Wald lebt, überhaupt: Der ganze Wald scheint die Hexe zu sein, und das Spukhaus des ersten Films, das Recherchen zufolge gar nicht existieren dürfte, kommt einem vor wie ihr hungriger Schlund. Der Regisseur lässt es langsam angehen, bevor er dann in der zweiten Hälfte alle Subtilität fahren lässt, die das Original auszeichnete. Und ein kakofonisches Orchesterwerk des Terrors losplärren lässt.

Blair Witch

Blair Witch

Quelle: Verlag

Blindspot, Staffel 1: Die erste Szene ist die eindrücklichste: Terrorverdacht, der New Yorker Times Square wird komplett geräumt. Eine Tasche mit der Adresse „FBI“ steht auf dem geisterhaft weiten Areal und gerade als ein wie ein Mondwanderer gekleideter Sprengstoffspezialist das Fundstück auf Drähte prüfen will, öffnet sich der Reissverschluss von innen, und eine nackte, mit Tätowierungen übersäte Frau entsteigt ihm. Sie hat kein Gedächtnis, aber die Tattoos, deren markantestes den Namen des FBI-Agenten Kurt Weller nennt, sind ein Labyrinth von Botschaften. Die Entschlüsselung der – nach US-amerikanischen Gepflogenheiten für unidentifizierte Personen – Jane Doe (Jaimie Alexander) genannten Frau erfolgt Stück um Stück und führt das FBI auf die Spur von Verbrechen, die sonst unentdeckt geblieben wären und die zum Teil apokalyptische Folgen gehabt hätten. Die Dechiffrierung von Does Körper wird indes auch torpediert – unter anderem von Kräften aus den eigenen Reihen und von der CIA, die sogar auf eine Liquidierung Janes abzielt, während der hartgesottene Heller („Strike back“-Star Sullivan Stapleton) in ihr eine einst spurlos verschwundene Spielgefährtin seiner Kindheit zu erkennen glaubt. Eine episodische Serie, bei der man sich dennoch stets fragt, wes Geistes Kind der unbekannte Tätowierer ist, der riskiert, dass seine Verbrechens- und Verschwörungsaufklärung in Gestalt eines FBI-Intelligenztests schiefgehen könnte. „Blindspot“ hat nicht ganz das Kaliber der großen Qualitätsserien, entwickelt aber nach einer Handvoll Folgen doch einige Faszination, so dass man sich nach der letzten der 23 Episoden auf die zweite Staffel freut.

Blindspot, Staffel 1

Blindspot, Staffel 1

Quelle: Verlag

Bad Moms: Sie sind alle „bad“, denn „böse” macht im Kino Kasse: Bad Santa, Bad Babysitter, Bad Teacher. Zuletzt haben Jon Lucas und Scott Moore für Hollywood die „Bad Moms” in einen Film gegossen, Mütter, die das Existieren, Funktionieren und Ausbrennen in der pseudoheilen, völlig überkandidelten Perfekte-Mütter-Welt satthaben, all den streberhaften Vorbildmamas mit ihrem Erziehungs- und Ernährungsterrorismus den Mittelfinger aufstellen und wieder eigenständig leben – mit den Kindern als Teil aber nicht stetem Mittelpunkt ihres Universums. Amy (Mila Kunis) gründet die „Bad Moms“ mit Carla (Kathryn Hahn) und Kiki (Kristen Bell) und ruft den braven Müttern der Stadt in Erinnerung, dass nur böse Mädchen überall hinkommen. Daraus hätte man eine ganz vortreffliche Komödie schneidern können, die den Millionen von Erwartungshaltungen drangsalierten Mamas auf der Welt aus der Seele gesprochen hätte. Stattdessen explodieren die drei Muttertiere in einer übertourten Supermarktrandale und der Film erzählt uns in der Folge unter anderem, was so alles in einer Vagina untergebracht werden könnte und welche Frau sich bei welchen Kerlen auch kein Hintertürchen offen lassen würde. Das alles und noch viel mehr erzählt er auch noch „ab 12“, was den sexuellen Kosmos ausgebuffterer Frühteenager doch um ein paar Nuancen erweitern dürfte. Weil Lucas und Moore zudem noch Reste einer sentimentalen Sicht auf die Mutterschaft unterbringen, kommt einem der Film bald vor wie ein unschlüssiges, zielloses Zotengeballer.

Bad Moms

Bad Moms

Quelle: Verlag

Mother’s Day: Drei hochkarätige komödienerfahrene Darstellerinnen – Jennifer Aniston, Kate Hudson und Julia Roberts – aber der zugehörige Film ist keine Sekunde komisch, auch wenn er es noch so sehr zu sein versucht. Es geht – wie der Titel „Mother’s Day“ schon verrät - um Muttertag, einen Tag, an dem die Mütter Amerikas gerne Friede, Freude und Eierkuchen hätten. Von all den sterbenslangweiligen Familieneinblicken, die uns Regisseur Frank „Pretty Woman“ Marshall in diesem, seinem letzten Film, gewährt, sei der von Kate Hudson hervorgehoben. Ihre Jesse ist mit dem indischstämmigen Arzt Russell (Aasif Mandvi) verheiratet, mit dem sie auch einen Sohn hat. Den Eltern (Robert Pine, Margo Martindale) hat sie nichts davon erzählt, denn beide sind auserlesene Rassisten, wie sie auch homophob vom Scheitel bis zur Sohle sind, weshalb Jesses lesbische Schwester (Sarah Chalke) ihnen von ihrer Heirat ebenfalls nichts erzählt hat. Nach einer Menge dümmlicher Jökereien streifen die beiden Dumpfbacken ihre Radikalintoleranz mal eben ab als wäre sie bloß ein zu lang getragenes Leibchen. Und alles wird gut, auch für die anderen, schrecklich langweiligen und überaus uninteressanten Figuren hier und endet in einem sentimentalen, milchmädchenphilosophischen 08/15-Blabla über die Liebe. Welchen Mutterfilm schenkt man jetzt bloß seiner Mutter zu Muttertag auf DVD? Ähm, doch lieber „Bad Moms“. Ganz ehrlich.

Mother’s Day

Mother’s Day

Quelle: Verlag

Von Matthias Halbig

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