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Nostalgie in groben Pixeln

Mini SNES von Nintendo Nostalgie in groben Pixeln

Nintendos Mini SNES ist die heiß begehrteste Spielekonsole der Saison, obwohl nur uralte Spiele darauf laufen. Hinter dem Hype steckt mehr als nur Nostalgie.

Klein, leicht zu bedienen, und voller schöner Erinnerungen an stundenlangen Spielspaß: Nintendo bringt eine Mini-Version seiner SNES-Konsole auf den Markt.

Quelle: Nintendo

Berlin. Alles kommt immer wieder. Das ahnte schon Friedrich Nietzsche und formulierte den Gedanken der Ewigen Wiederkehr. Der Philosoph hat dabei womöglich nicht an das “Nintendo Classic Mini: Super Nintendo Entertainment System“ gedacht, das am 29. September erscheint. Doch mit der Mini SNES, wie alle außer Hersteller Nintendo die Konsole nennen, dreht die Kindheit vieler Menschen tatsächlich eine Ehrenrunde. Gespielt wird darauf dasselbe wie früher.

Die neue Konsole ist gegenüber dem Original massiv geschrumpft, kleiner sogar als die beigelegten Gamepads. Die Mini SNES merkt sich Spielstände und kann nach Patzern ein paar Minuten zurückspulen; so werden die ermüdeten Reflexe alter Fans nicht überfordert. Dank einem HDMI-Anschluss ist das Bild auf neuen Fernsehern etwas schärfer. Und wurden die Spielmodule früher in das Gehäuse gerammt, ist die Auswahl aus 20 plus 1 Titeln diesmal vorinstalliert. Das ist praktisch, aber auch schade – nicht jedes Lieblingsspiel von früher ist in der Auswahl. Auf der Konsole sind damals 783 Spiele erschienen. Einzig die Veröffentlichung des damals unveröffentlichten “Star Fox 2“ ist ein kleiner Coup.

Überrascht vom Riesenhype

Die Mini SNES bietet nur ein Best-of der alten Zeiten, und trotzdem war die Nachfrage schon vor dem Verkaufsstart am Freitag riesig. Nintendos Amerika-Chef Reggie Fils-Aimé warnt ausdrücklich vor Mondpreisen und beteuert, niemand solle mehr als handelsübliche Preise bezahlen; im deutschen Handel sind statt anfangs 80 inzwischen aber auch 100 Euro üblich. Käufer und Verkäufer erinnern sich an letztes Jahr. Da erschien die Mini NES, also der ebenfalls geschrumpfte Vorgänger der SNES. Die antike Spielekonsole entfachte einen ungeahnten Hype, war schnell ausverkauft und wurde dann nicht mehr hergestellt. Dann korrigierte Nintendo den Kurs. Das Mini NES soll 2018 wieder in den Handel kommen, auch die Mini SNES bis ins nächste Jahr hinein geliefert werden.

Es gibt auch Mini-Konsolen anderer Hersteller, aber die erzeugen keinen vergleichbaren Hype. Die Konfrontation mit den Spielen von früher kann auch einen Kater hervorrufen. Der renommierte Internet- und Spielehistoriker Jason Scott aus New York erklärt das Problem: “Viele bieten mit den alten Bildern und Klängen ein kurzes Hoch, aber keine besondere Tiefe. Bei Nintendo-Spielen steckte dagegen oft Gameplay für Stunden oder Tage in den alten Modulen.“

Der Coup

Der Coup: Im Spieleangebot des SNES Mini befindet sich mit “Star Fox 2“ auch ein Spiel, das Nintendo vor 22 Jahren entwickelt, aber nie veröffentlicht hatte.

Quelle: Nintendo

Aber wie fühlt es sich an, die alten Spiele in die Hand zu nehmen? Die kurze Antwort: wie früher. Die Gamepads liegen genauso klein, leicht und unkaputtbar in der Hand, die grauen Gummiknöpfe für “Select“ und “Start“ wirken genauso schwammig. Gegen das Knopfgewusel moderner Gamepads sind die Controller übersichtlich. Das Mini SNES erinnert an eine Zeit, als Videospiele Unterhaltung für die ganze Familie waren.

Dieser Reiz funktioniert auch heute noch, sagt der Leipziger Spielesammler und -experte René Meyer: “Die ganz junge Generation begeistert sich für die einfacher zugänglichen, plakativ gestalteten Spiele.“ Meyer schaut allen Generationen beim Spielen der Klassiker über die Schulter. Der Journalist ist das Gesicht der Retro-Szene in Deutschland, er besitzt eine riesige Sammlung alter Konsolen und Computer. Damit bespielt er Veranstaltungen, unter anderem eine immer größere Retro-Schau auf der Gamescom.

Nach dem neuen Hype um alte Spielen befragt, korrigiert er: “Ein neuer Trend ist das eigentlich nicht.“ Mit dem Internet gebe es “mehr Möglichkeiten, mit älteren Spielen in Berührung zu kommen“. Online vernetzen sich die Fans, handeln und zeigen ihre Sammelstücke. Auch die Spielehersteller bedienen den Nischenmarkt, indem sie Klassiker als Download für neue Plattformen verkaufen.

Erinnerung in Pixelform

Gemessen an den hochauflösenden Grafikgewittern von heute wirkt die SNES uralt, jeder einzelne Bildpunkt, jeder Pixel, ist gut erkennbar. Dieses grobe Grafikraster hat sich in die Netzhäute einer ganzen Generation eingebrannt. Der Look lebt in modernen Spielen weiter, die absichtlich einen Pixelart-Stil wählen. Statt die Bilder immer nur noch schärfer zu machen, werden sie mit voller Absicht grob gerastert. Pixelart kann grotesken Humor entschärfen wie im launigen Duellspiel “Nidhogg 2“. Sie kann die Nostalgie mit modernen Effekten aufbrechen wie der Zelda-Urenkel “Songbringer“. Und sie kann ganz neue, fremdartig schöne Welten erschaffen wie das verträumte Flugspiel “Fugl“. Moderne Spiele können Kunstwerke sein.

Die Erinnerung wird also zitiert, oder sie wird zu praktischen Paketen geschnürt. Aber auch auf den alten Geräten landen noch neue Spiele. Die Hobbyszene lebt von Veteranen, die mit ihren Konsolen altern. “Viele, die heute für den C64 entwickeln, haben das vor 20 oder 30 Jahren auch schon gemacht.“, sagt Meyer. “Chester Kollschen, heute einer der Stars in der C64-Entwicklung, hat bereits 1985 damit begonnen – und ist dabeigeblieben, weil es das Gerät war, mit dem er Programmieren gelernt hatte.“

Der Zwang zur Reduktion, der Kampf gegen enge technische Grenzen hat für Programmierer und Publikum einen besonderen Reiz. Jason Scott liebt es, wenn ein Titel gegen diese Beschränkungen schier Unmögliches leistet. “In der Beziehung bleiben sie zeitlos“, sagt er. Dass Retro-Spiele bei uns bleiben, liegt also nicht an einem Grund, sondern an vielen. Sie sind für jeden etwas anderes: technischer Meilenstein, ein Stück Kindheit, Kunst, Trophäe oder einfach Unterhaltung.

Von Jan Bojaryn

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