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Wie romantisch sind Sie?

Interview mit Thea Dorn Wie romantisch sind Sie?

Die Schriftstellerin Thea Dorn ist Expertin für Romantik. Mit Nina May spricht sie über Vollmondwanderungen und den Hang zum Träumen. Sie erklärt, weshalb ein Romantiker kein Romantikwochenende braucht. Und sie plädiert für einen aufgeschlossenen Patriotismus, um Nationalisten Paroli zu bieten.

Benannt nach Theodor W. Adorno: Thea Dorn nimmt als Autorin, Moderatorin und Philosophin den Zeitgeist ins Visier. Ein Gespräch über echte Romantik, Liebe zur Geschichte und die Gefahr des tumben Nationalismus.

Quelle: Karin Rocholl

Welche drei Begriffe fallen Ihnen spontan zum Thema Romantik ein?
Nacht. Wald. Und Wandern. Also gewissermaßen eine Nachtwanderung durch den Wald.

Wann waren Sie selbst zuletzt auf einer solchen?
Das ist noch gar nicht so lange her. Mein Bruder lebt in den Bergen. Dort bin ich in einer Vollmondnacht – das passt ja auch zur Romantik – durch den Schnee gewandert. Das war ein unglaubliches Licht. So stark, dass ich meinen eigenen Schatten sehen konnte. Zudem ist Musik für mich die romantischste aller Künste. Damit meine ich jetzt nicht Kuschelrock oder ähnlichen Mist, sondern die Musik der Epoche Romantik.

Das Wort romantisch wird heute ja inflationär gebraucht, meist im Sinne von "für Liebespaare geeignet". Stört Sie das?
Das kann man nicht verhindern und zeigt ja nur, wie erfolgreich das Konzept der Romantiker war. Aber es stimmt: Anderen würden beim Stichwort Romantik wahrscheinlich eher Begriffe wie Kerzen, Rosen oder Badewanne für zwei einfallen. Man denkt da an etwas Schönes, Stimmungsvolles, eine Pause vom Alltag. Das ist ja auch nicht ganz verkehrt, wenn man sich anschaut, woher die Romantik kommt. Als philosophisch-poetische Bewegung fing sie in den 1790er-Jahren an, als Gegenbewegung zur Aufklärung, die die Vernunft zum obersten Prinzip erhob. Doch plötzlich gab es diese wilde, verträumte Gruppe von jungen Männern und auch ein paar Frauen, zunächst in Berlin, dann vor allem in Jena, die dieser Ideologie des Lichts misstrauten. Sie fragten: Was ist mit den Nachtseiten des Lebens? Lässt sich der Mensch wirklich als durch und durch rationales Wesen begreifen? Was hat es mit dieser Wehmut auf sich, die sich nicht wegerklären lässt? Der heute banalisierte Begriff der Romantik hat schon noch etwas mit diesen Wurzeln zu tun, aber er steht eben nicht mehr für die radikal wirklichkeitskritische Lebenshaltung, die Romantik mal war, sondern für die kleinen Alltagsfluchten zwischendurch.

Wie romantisch sind Sie selbst?
Im Grunde meines Herzens bin ich eine nostalgische Melancholikerin, und das ist ja schon mal eine tiefromantische Stimmung. Ich sitze gerne stundenlang Caspar-David-Friedrich-mäßig am Meer und schaue auf die Wellen. Ich brauche regelmäßig etwas Grünes um mich, und zwar einen Wald, Stadtparks deprimieren mich. Ich teile mit den Romantikern die kindliche Freude an einfachen Dinge: nach draußen gehen, Füße ins Wasser halten, Stulle in der Hand.  

Was ist von der ursprünglichen Romantik geblieben?
Nicht viel. Und man begründet dies gern damit, dass man heute eben viel unbarmherziger in den Mühlen des Alltags gefangen sei als um 1800 herum. Dabei vergisst man, dass Novalis oder Brentano auch nicht Tag und Nacht auf der Récamiere gelegen haben, seufzten und ab und zu mal die blaue Blume streichelten. Völliger Quatsch! Viele der romantischen Dichter waren massiv in ihre Alltagsjobs eingespannt. Novalis etwa war Salinendirektor, das junge Kerlchen ist bei seinen Inspektionen durch ganz Thüringen geritten. Er hat diesen Job gemacht – gleichzeitig sind Dokumente überliefert, die zeigen, dass er die Ränder seiner Salinenberichte benutzt hat, um Reimwörter für ein Sonett zu sammeln. Herrlich! Ein echter Romantiker braucht kein Romantikwochenende. Das Gefühl, allenfalls mit einem Bein auf dem Boden der Wirklichkeit zu stehen, bestimmt sein gesamtes Leben.

Würde unserer vernunftbesessenen Gesellschaft ein bisschen Kontrollverlust guttun?
Die Sehnsucht nach Weltflucht gibt es mehr denn je, aber wir sind schnell dabei, sie uns zu verbieten, weil wir denken, wir müssten um jeden Preis funktionieren. Unsere Alltagsrealität fußt darauf, dass Dinge vorhersehbar und kalkulierbar sind. Andererseits versteht der Einzelne die durchtechnologisierte, digitalisierte und globalisierte Welt immer weniger. Deshalb gibt es eher das Bedürfnis nach Halt, nach Orientierung. Es gehört eine große Portion Mut oder Urvertrauen dazu, Lebensverunsicherungen als lustvoll zu empfinden – so wie die echten Romantiker. Unsere Zeit ist von ängstlichen Charakteren geprägt, die sich nach Ordnung sehnen. CandleLight-Dinner: ja, Boden unter den Füßen verlieren: nein.  

Thea Dorn 2016 bei einer Lesung im Literaturhaus Hannover.

"Die Deutschen sind besonders komplizierte und widersprüchliche Charaktere": Thea Dorn 2016 bei einer Lesung im Literaturhaus Hannover.

Quelle: Samantha Franson

Wir erleben derzeit wieder einen Rückzug in das Biedermeier. Gibt es in dieser Hinsicht eine Renaissance der Romantik?
Das Biedermeier war ja schon die erste Schwundstufe der Romantik. Die jungen Wilden wie Novalis oder Tieck hatten mit dieser Bräsigkeit noch nichts am Hut. Bei aller Schwermütigkeit war die echte Romantik von einem großen Lebensleichtsinn geprägt. Und der war nur möglich, weil man die Wirklichkeit eben nicht sehr ernst nahm. Das Biedermeier will sich die Wirklichkeit zwar gern etwas gemütlicher einrichten, als sie tatsächlich ist – aber es würde nie so weit gehen zu behaupten, dass die wahre Welt erst im Reich des Unsichtbaren, des Verborgenen beginnt.

Die Romantiker waren besessen von der Weltseele, dem Weltenband, das alles zusammenhält. Wo lässt sich dieses in der Gegenwart noch spüren?
Die Romantiker machten sich keine Illusionen über die existenzielle Einsamkeit des Menschen. Deshalb suchten sie nach verschiedensten Wegen, diese Einsamkeit zu lindern. Auf der Alltagsebene etwa taten sie dies, indem sie in Jena WG-artig zusammenlebten oder auch sonst eine recht gesellige Clique waren. Aber der größte Trost war natürlich das Gefühl, als Einzelner Teil des Weltganzen zu sein. Dieses Gefühl war möglich, weil die Welt von den Naturwissenschaften noch nicht bis ins kleinste Detail erklärt war. Da konnte man noch glauben, Mensch und Baum und Vulkan würden von derselben Kraft bewegt. Und weil Nachrichten vom anderen Ende der Welt lediglich als Gerüchte oder Geschichten daherkamen, die die eigene Fantasie beflügelten. Diese Räume, in denen die Fantasie wuchern kann, sind in den letzten zweihundert Jahren immer enger geworden.

Weshalb haben Sie gerade den Physiker und Philosophen Johann Wilhelm Ritter zu Ihrem Romantiker in Ihrem Roman "Die Unglückseligen" gemacht?
Weil ich mich auf Anhieb in ihn verliebt habe! Für meinen Roman war ich auf der Suche nach einer Gestalt aus jener Zeit, die das Zeug zu einem "Faust" hat. Sprich: nach einem Menschen, der aus dem engen Käfig des Menschseins ausbrechen will und dafür sogar bereit ist, seine Seele dem Teufel zu verkaufen. Als ich auf jenen frühen, heute weitestgehend vergessenen Elektrizitätsforscher stieß, der brachiale Versuche an seinem eigenen Körper durchführte und mit Hunderten von Fröschen zusammenlebte, aber auch eine rührende Kinderseele besaß und ständig bankrott war, wusste ich: Ritter ist mein Mann!

In Ihrem Almanach deutscher Kulturgeschichte "Die deutsche Seele" tauchen Begriffe wie "Abendstille" und "Waldeinsamkeit" auf. Steckt also in der Romantik das Urdeutsche?
Das Romantische ist ein wichtiger Aspekt des Deutschen, aber man kann es nicht darauf reduzieren. Überhaupt lässt sich das Deutsche auf keine Kurzformel bringen. Ich behaupte sogar, dass die Deutschen besonders komplizierte und widersprüchliche Charaktere sind, deshalb finde ich sie ja so aufregend. Neben dem deutschen Hang zum Romantischen, zum Träumerischen, ja zum Chaotischen gab es immer den Hang zum restlos Disziplinierten, Überordentlichen. Für diese Gegensätze gibt es viele Beispiele: Um 1800 wurde das Rheintal als romantische Landschaft par excel-lence verklärt, Burgen, Nixen, Mythen, wohin man schaut. Gleichzeitig wurde die Rheinbegradigung in Angriff genommen, ein gewaltiges Ingenieursprojekt, das diesen schwer zu beschiffenden Strom zähmen sollte. Oder die Liebe der Deutschen zum Wald: Einerseits war er für sie immer der Ort des Unheimlichen, Undurchdringlichen, der Boden, aus dem Märchen sprießen. Andererseits haben die Deutschen die Forstwirtschaft erfunden, also die höchst rationale Bewirtschaftung des Waldes.

Sie schließen die Sammlung mit den Worten "Lasst mir meine Zerrissenheit. Sie ist das Beste, was ich habe." Sollten wir uns mehr Gedanken über das Deutsche jenseits von Nationalismus machen?
Ich glaube in der Tat, dass wir uns die Frage "Wer sind wir?" neu stellen müssen. In der alten Bundesrepublik wurde sie mit der historisch richtigen, aber eben auf lange Sicht zu kurz greifenden Antwort: "Wir sind das Volk der Nazi-Verbrecher" abgekanzelt. Da es zu den Gründungslügen der DDR gehört hat, die Altnazis säßen ausschließlich in Westdeutschland, konnte dort der deutsche Nationalismus viel ungebrochener weiterexistieren. Mein Traum wäre es, zu einem aufgeschlossenen Patriotismus zu finden, der sich aus der kenntnisreichen, souveränen Liebe zur eigenen Geschichte und Kultur speist – und nicht aus dem verdruckst aggressiven Gefühl, zu kurz gekommen zu sein. Dem tumben Nationalismus, der sich seit einer Weile neu beleben möchte, können wir nur begegnen, wenn wir die Liebe zum Eigenen nicht als etwas per se Reaktionäres verteufeln, wie es der linke Mainstream oft tut. Mit Leidenschaft und Kenntnisreichtum von Deutschland zu reden ist der beste Weg zu verhindern, dass wieder "Doitschland!" gebrüllt wird.

Zur Person

Ihren Künstlernamen wählte sie nach Theodor W. Adorno – und mit pointiert philosophischen Stellungnahmen mischt sich die Autorin immer wieder in gesellschaftliche Debatten ein. Als Christiane Scherer wurde Thea Dorn 1970 in Offenbach am Main geboren, sie studierte Philosophie und Theaterwissenschaft in Frankfurt, Berlin und Wien. Das Thema ihrer Magisterarbeit: Selbsttäuschung. Nach dem Studium arbeitete sie als Dramaturgin und Autorin am Schauspiel Hannover.

Bekannt wurde Dorn als Autorin von Kriminalromanen, unter anderen "Mädchenmörder" (2008), in dem sie die Beziehung des Opfers zum Mörder beschreibt. Zu ihren Theaterstücken zählt das im Jahr 2000 in Hamburg uraufgeführte Drama "Marleni. Preußische Diven blond wie Stahl", das von einer fiktiven Begegnung zwischen Marlene Dietrich und Leni Riefenstahl handelt.

Auch als Moderatorin gefragt: Thea Dorn im August 2016 im Gespräch mit Martin Walser für die ZDF-Reihe "Zeugen des Jahrhunderts".

Auch als Moderatorin gefragt: Thea Dorn im August 2016 im Gespräch mit Martin Walser für die ZDF-Reihe "Zeugen des Jahrhunderts".

Quelle: OBS / ZDF / Pietschmann

Besondere Aufmerksamkeit erzielte Dorn mit ihrem Sachbuch "Die neue F-Klasse. Wie die Zukunft von Frauen gemacht wird" (2006). Es enthält zwei Essays und Gespräche etwa mit Charlotte Roche oder Silvana Koch-Mehrin. Eine Generation von Frauen definierte hier ihr Selbstbild, zeigte die Grenzen der Emanzipation auf und sprach über Karriere und Familie. Dieses Thema griff Dorn auch in ihrem fiktionalen Roman "Die Brut" (2004) auf, der von der Höllenfahrt einer Karrieremutter erzählt.

Gemeinsam mit Richard Wagner gab Dorn die Sammlung "Die deutsche Seele" (2011) heraus. Im Vorwort heißt es, dass ein wachsendes "Deutschlandsehnen" viel mehr sein sollte, als alle vier Jahre bei der WM die schwarz-rot-goldenen Fähnchen aus dem Schrank zu holen. So spürt das Autorenduo der deutschen Seele zwischen "Abgrund" und "Spargelzeit" auf. Ein Hoffnung machendes Kompendium, das sich in seiner Anekdotelei noch dazu sehr gut liest.

Frühromantik trifft Gegenwart

Dorns jüngster Roman "Die Unglückseligen" handelt davon, wie die historische Figur Johann Wilhelm Ritter aus der Frühromantik in die Gegenwart gelangt. Der Physiker, der 1801 die UV-Strahlung entdeckte und in der Realität an seinen galvanischen Selbstversuchen starb, trifft in der Fiktion auf die Molekularbiologin Johanna. Sie sucht einen Ausweg aus der Sterblichkeit des Menschen, bis Ritter sie zur wahren Romantikerin macht. Auch sprachlich nähert sich die Autorin mit altertümlichen Formulierungen wie "ward" (statt "wurde") dieser Epoche. Der Roman lebt von den vielen Anspielungen auf die Geistes- und Naturwissenschaftsgeschichte.

Im Gespräch berichtet die Frau mit den markanten Wangenknochen und dem intellektuellen Habitus, dass sie sich für "Die Unglückseligen" zwei Jahre eremitenhaft in ihre Schreibklause zurückgezogen habe. Handy und Mailprogramm schwiegen tagsüber. Das sei eine sehr gute Zeit gewesen. Dorns Gesten wirken sehr bewusst und nachdrücklich – hier spürt man die Talkshowerfahrung der 46-Jährigen.  

Gemeinsam mit Dirk Schümer moderierte sie von 2003 bis 2004 die Sendung "Schümer und Dorn. Der Büchertalk" im SWR. Im Anschluss führte sie zehn Jahre lang durch die Sendung "Literatur im Foyer". Von Januar 2008 bis Dezember 2009 moderierte Dorn zudem im Wechsel mit der französischen Journalistin Isabelle Giordano die Talkshow "Paris-Berlin" beim Kultursender Arte.

Thea Dorn: "Die Unglückseligen"

Thea Dorn: "Die Unglückseligen". Albrecht Knaus Verlag, 560 Seiten, 24,99 Euro.

Quelle: Knaus Verlag

Von Nina May

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