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Warum sprechen Sie in der Wir-Form?

Christo im Interview Warum sprechen Sie in der Wir-Form?

Jeanne-Claude, Ehefrau des Künstlers Christo, ist bereits vor sieben Jahren gestorben. Doch in den Augen des 82-Jährigen wirkt sie an seiner Seite fort. Mit Nina May hat Christo über das gemeinsame Werk gesprochen – und darüber, warum er niemals zurückschaut.

Er bedeckt die Welt mit Stoff: Der Bulgare Christo prägt die Kunstwelt seit den Sechzigerjahren.

Quelle: imago

Hannover.  

Christo, Ihr aktuelles Großprojekt heißt Mastaba. In der Wüste von Abu Dhabi wollen Sie eine riesige Skulptur aus Ölfässern bauen. Sie verfolgen das Projekt seit den Siebzigerjahren. Weshalb hat das so lange gedauert?

Jeanne-Claude und ich haben schon im Jahr 1977 die ersten Skizzen und Modelle gestaltet, das ästhetische Konzept steht seit 1979. Sobald ein Projekt auf die Zielgerade geht, schieben wir alles andere an die Seite. Zunächst kamen die “Surrounded Islands“ dazwischen, vor der Küste von Miami haben wir Anfang der Achtzigerjahre künstliche Inseln mit rosafarbenem Kunststoff umhüllt. Dann begann der Krieg zwischen Iran und Irak, und es war zu gefährlich, in die Region zu reisen. Seit 2005 haben Jeanne-Claude und ich wieder viel Zeit in Abu Dhabi verbracht und Experten aus verschiedenen Ländern mit der Planung beauftragt. Bei einigen Projekten steht der Ort von vornherein im Zentrum, wie bei der Verhüllung des Berliner Reichstages 1995. Bei der Mastaba ist das anders. Wir mussten erst den richtigen Platz für das Konzept finden. Die Wüste mit ihrer Weite bietet sich für diese massive Konstruktion aus 400 000 Ölfässern an. In einer Stadt könnte man ein Projekt dieser Größe nicht realisieren. Das bedeutet aber, wir müssen erst mal Straßen durch den Sand bauen. Die Bauzeit beträgt drei Jahre. Ich bin zuversichtlich, dass wir bald anfangen können.

Wie kamen Sie auf die ungewöhnliche Form?

Es ist wichtig, dass es sich nicht um eine Pyramide handelt. Die Mastaba ist eine sehr alte geometrische Form mit zwei vertikalen Seiten, sie stammt aus der Kindheit der Zivilisation, aus Mesopotamien. Mastaba ist ein Typ von Grabbauten aus dem alten Ägypten. Das ägyptisch-arabische Wort heißt übersetzt Bank.

Kritisieren Sie mit den Ölfässern die Abhängigkeit des Westens von den Ölstaaten?

Nein, wir verbinden damit keine politische Aussage. Heutzutage denkt man beim Begriff Fass (“barrel“ im Englischen) sofort an Öl. Fässer gab es aber auch schon vor Hunderten von Jahren. Die Fässer verstehen wir abstrakt. Uns interessiert der Winkel, den die geschichteten Objekte bilden. Es entsteht eine Treppe, 160 Meter hinauf in den Himmel. Die Fässer sollen in zehn verschiedenen Farben bemalt sein. Die Wände schimmern golden in der Dämmerung.

Verstehen Sie die Mastaba als Ihr Erbe als Künstler?

Es geht nicht darum, was ich darunter verstehe. Es ist, was es ist.

Dennoch sticht die Mastaba unter Ihren Projekten hervor, schon allein, weil sie langfristig bleiben soll.

Viele Menschen denken, dass ich immer nur temporäre Kunstwerke mache. Das stimmt aber nicht. Ich kreiere Modelle und Zeichnungen, die bleiben. Und ja, die Mastaba soll zum permanenten Wahrzeichen werden. Außerdem ist eine begleitende Ausstellung und ein Luxushotel für Touristen geplant.

Bei vielen Ihrer Projekte vergehen Jahrzehnte bis zur Realisierung. Ist das nicht sehr frustrierend?

Man braucht eine gewisse Beharrlichkeit. Jeanne-Claude und ich haben 23 Projekte realisiert und an 36 gearbeitet. Ich finde diese Quote gar nicht so schlecht. Und es dauert ja oft nur deshalb so lang, weil wir erst mal eine andere Arbeit vollenden. Unsere Projekte haben viel mit Stadtplanung zu tun. Architekten kennen das, an so vielen verschiedenen Baustellen gleichzeitig zu arbeiten. Manchmal aber verabschieden wir uns auch von Ideen. In Barcelona wollte man uns vor Jahren keine Erlaubnis geben. Als sie dann schließlich erteilt wurde, hatten wir das Interesse verloren. Ich habe die Freiheit, auch mal ein Projekt abzusagen, in das ich 14 Millionen Dollar gesteckt habe. Einfach so.

Sie spielen auf “Over the River“ im Staat Colorado an, das Sie nach 20 Jahren und mehreren Tausend Seiten von Plänen im Januar absagten. Weshalb?

Meine Projekte gehören niemandem außer mir. Und so kann ich sie auch absagen, ohne eine Begründung. Das ist ja das Wunderbare. In diesem Fall aber ist die Antwort einfach: In Colorado wäre die US-Bundesregierung unser Vermieter gewesen, weil es sich beim Fluss um öffentliches Eigentum handelt. Aber ich kann kein Projekt machen, das diesem Vermieter zugutekommt. Ich hätte wie viele andere nie daran geglaubt, dass Trump gewählt werden würde.

Als die Berliner Mauer fiel, war Ihr erster Gedanke: Jetzt kann ich endlich den Reichstag verhüllen?

Ja, das war ein zauberhafter Moment. Wir hätten niemals gedacht, dass diese Idee aus dem Jahr 1971 jemals realisiert werden würde. Im Osten war ich als Künstler der Bourgeoisie verschrien; im Kalten Krieg hätte die Verhüllung niemals umgesetzt werden können. Jedes Projekt ist wie ein Kind für uns. Es wird zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort geboren. Und für dieses musste erst die Mauer fallen. Danach haben sich übrigens unzählige Bürgermeister bei uns gemeldet, die ihre Rathäuser und Parkskulpturen verhüllt haben wollten – absurd! Sie haben nicht verstanden, dass jedes Projekt einzigartig ist und nicht wiederholt werden kann. Außerdem spiegelt sich da ein sehr banales Verständnis unserer Arbeit wieder: Die packen nur etwas ein wie Verkäufer in der Geschenkwarenabteilung.

Weshalb mögen Sie es nicht, als Verhüllungskünstler bezeichnet zu werden? Ist es nicht erstrebenswert, ein markantes Markenzeichen zu haben?

Viele unserer Projekte haben nichts mit Verhüllung zu tun. Aber wir arbeiten gern mit Stoffbahnen, das macht die nomadische Qualität unserer Kunst aus. Man kann das Aussehen von Landschaften auf diese Weise sehr schnell komplett verändern. Und wir können die Stoffbahnen leicht wieder einpacken und forttragen.

Haben Sie weitere Pläne für Deutschland?

Ja, ich habe so viele Ideen in meinem Kopf, aber ich kann nichts verraten. Ich haste unverzüglich, und die Zeit rennt mir davon.

Sie sprechen noch immer in der Wir-Form. Nach dem Tod Ihrer Frau und Kunstpartnerin Jeanne-Claude im Jahr 2009 haben Sie nach dreijähriger Schaffenspause weitergearbeitet. Wie haben Sie die Kraft dazu gefunden?

Das war sehr hart. Jeanne-Claude war der kritischste Mensch, den ich kenne. Unnachgiebig. Ich vermisse ihre Kritik bis heute sehr. Ich vermisse sie in jedem einzelnen Moment. Sie hat immer gesagt: “Jeder kann Ideen haben, aber du musst den Mut haben, sie umzusetzen.“ Unsere Kunstwerke sind ja eigentlich sehr simpel. Aber wir sind die Einzigen, die sie in die Tat umgesetzt haben. Ich habe Jeanne-Claude mit 23 kennengelernt und seitdem haben wir alles gemeinsam gemacht, alles.

Außer einer Sache: Sie sind niemals gemeinsam im Flugzeug geflogen ...

Ja, einer von uns sollte im Falle eines Absturzes überleben und unser Projekt vollenden können.

Und jetzt vollenden Sie Ihr gemeinsames Werk?

Darüber denke ich nicht nach. Ich bin so in meiner Arbeit absorbiert, dass ich nicht zurück schaue. Viele Künstler in meinem Alter zeigen eine Retrospektive. Das können andere machen, wenn ich tot bin. Solange ich lebe, will ich nicht in die Vergangenheit schauen, ich will nach vorn blicken. Ich habe noch so viele Ideen. Ich brenne darauf, Neues auszuprobieren. Und ich will keine Sekunde mit dem Vergangenen verlieren.

Wie halten Sie sich fit?

Mit Knoblauch und Joghurt. Beides sind feste Bestandteile der bulgarischen Küche. Ich esse eigentlich nur einmal am Tag und zwar abends, denn ich arbeite lieber hungrig. Das stärkt die Konzentration. Ich habe auch keinen Stuhl in meinem Atelier. Ich bin also 16 Stunden pro Tag auf den Beinen und laufe die Treppen rauf und runter.

Zur Person: Christo

Sie wurden sogar am selben Tag geboren, dem 13. Juni 1935: Das Künstlerehepaar Christo und Jeanne-Claude bildet seit den Sechzigerjahren eine Einheit. Die Französin trennte sich – bereits von Christo schwanger – direkt nach den Flitterwochen von ihrem damaligen Ehemann. In ihrem ersten gemeinsamen Kunstprojekt 1961 formten die beiden einen Eisernen Vorhang aus Ölfässern – eine Antwort auf den Bau der Berliner Mauer. Sieben Jahre später nahm das Paar an der Documenta IV in Kassel teil: Ihr Beitrag bestand aus einem länglichen Ballon, im Kasseler Volksmund “Wurst“ genannt, mit einem Volumen von 5600 Kubikmetern.

Christo heißt mit vollständigem Namen Christo Vladimirov Javacheff. Der Bulgare hat selbst nach mehr als 50 Lebensjahren in den USA seinen starken Akzent nicht abgelegt. Er ist bekannt dafür, Bauwerke wie die Pariser Brücke Pont Neuf (1985) und ganze Landschaften mit Stoff zu bedecken und auf diese Weise zu verfremden. Land-Art nennt man diese Kunstrichtung, die Christo und Jeanne-Claude maßgeblich prägten. Auf dem Wasser wandeln ließ er im Jahr 2016 die mehr als eine Million Besucher der “Floating Piers“ in Italien: Der Steg aus 200 000 schwimmenden Kunststoffwürfeln und 70 000 Quadratmetern Nylon kostete 15 Millionen Dollar.

Kritik gab es dafür, dass der Künstler für das Projekt mit der Waffenherstellerdynastie Beretta ein Abkommen traf. Sie besitzt die kleine Insel San Paolo, welche von den Floating Piers umrundet wurde. Beretta soll auch bei der Genehmigung der “Floating Piers“ geholfen haben. Auf der Facebook-Seite des Herstellers hieß es damals in einem ungelenk formulierten Post: “Eine kleine Insel, die der Beretta-Familie gehört, spielt eine Hauptrolle in einer Kunstinstallation. Das nächste Mal erzählt dir jemand, dass Waffen keine Kunst machen ...“

Bei den “Floating Piers“ handelte es sich um das erste Großprojekt, das Christo nach dreijähriger Schaffenspause ohne die 2009 verstorbene Partnerin Jeanne-Claude verwirklicht hatte – und mit nur einem Jahr Vorlauf das mit der kürzesten Umsetzungszeit. Christos hierzulande bekanntester Aktion, dem verhüllten Berliner Reichstagsgebäude 1995, gingen 24 Jahre zäher Verhandlungen voraus. Es musste erst die Mauer fallen, ehe der Künstler sein Jahrhundertprojekt realisieren konnte. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl war zunächst dagegen, Rita Süssmuth setzte sich für den “Wrapped Reichstag“ ein. Es gilt bis heute als Monument deutscher Geschichte, fünf Millionen Besucher kamen dafür nach Berlin. Bis das Künstlerehepaar im Jahr 2005 im New Yorker Central Park 7503 orangefarbene “Gates“ aufstellen durfte, vergingen sogar 26 Jahre.

Christo finanziert seine Projekte selbst. Seine Zeichnungen und Modelle erzielen auf dem Kunstmarkt bis zu mehreren Millionen Dollar. Als Jugendlicher fertigte er in der Chemiefabrik seines Vaters in Bulgarien erstmals Zeichnungen von großen Stoffbahnen an. Christos Mutter war Generalsekretärin der Schönen Künste in Sofia. Mitglieder der Akademie unterrichteten Christo. Er studierte von 1953 bis 1956 an der Akademie der Künste in Sofia, danach ging er nach Paris. In Christos Wohnung in Chinatown, New York, steht ein Paket mit unbekanntem Inhalt. In einem Interview sagte er einmal: “Ich habe in den Sechzigerjahren irgendwas darin verpackt. Was, weiß ich nicht mehr.“

Von Nina May

Hannover 52.3758916 9.7320104
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