Startseite DNN
Volltextsuche über das Angebot:

Google+
Warum liegen Ihnen Verlierer so am Herzen?

Interview mit Regisseur Ken Loach Warum liegen Ihnen Verlierer so am Herzen?

Ken Loachs Stimme ist sanft und leise. Der britische Filmemacher ist zweifelsohne die Gutmütigkeit in Person. Wenn es politisch wird, liebt er aber klare Worte. Auch im Alter von 80 Jahren streitet Loach immer noch für Außenseiter. Was ihn dabei antreibt, hat er Stefan Stosch erzählt.

Unermüdlicher Kinokämpfer: Dem britischen Regisseur Ken Loach geht es in seinen Filmen um Gerechtigkeit, Widerstand und die Unterstützung der Schwächsten der Gesellschaft.

Quelle: Getty Images

Herr Loach, im Sommer sind Sie 80 geworden. Warum genießen Sie nicht einfach eine gute Tasse Tee auf Ihrem Sofa? Warum drehen Sie einen Film über einen arbeitslosen Kerl namens Daniel Blake?
Ich kann mich doch nur glücklich schätzen, in meinem Alter noch Filme machen zu können. Und es gibt so viele erzählenswerte Geschichten. "Ich, Daniel Blake" ist eine davon. Sie handelt davon, wie England, wie Europa, wie die Welt heute funktioniert: Die am stärksten verwundbaren Leute werden für ihre Armut auch noch bestraft.

Höre ich da Wut heraus?
Es geht hier nicht um Persönliches, sondern darum, dass wir zwar wissen, wie die Zustände sind, aber wenig darüber reden. Wir schauen weg. Deshalb ist es wichtig, dass Filmemacher, Schriftsteller, Journalisten sagen: Schaut hin!

Wie viele Daniel Blakes haben Sie getroffen, bevor Sie Ihren Film über einen um seine Würde kämpfenden Schreiner gedreht haben?
Viele, sehr viele. Mein Drehbuchautor Paul Laverty noch mehr als ich. Überall haben wir dieselben Geschichten gehört. Hunderttausende geraten an ein Sozialsystem, das sie nicht unterstützt, sondern ihnen Steine in den Weg rollt, um schließlich Zuschüsse streichen zu können. Die Folgen sind unübersehbar: Essenstafeln gehören zum Alltag in Großbritannien: Die Schlangen sind lang. Und das im 21. Jahrhundert und im wohlhabendsten Teil der Welt! Allein in England sind im vorigen Jahr mehr als eine halbe Million Essenspakete an Kinder ausgegeben worden.

Erst haben Sie mit "Daniel Blake" die Goldene Palme in Cannes gewonnen, nun sind Sie für den Europäischen Filmpreis nominiert, die Besucherzahlen in England sind bestens: Kann es sein, dass das Publikum auf diesen Film gewartet hat?
Offenbar habe ich einen Nerv getroffen. Auch in anderen Ländern scheinen die Leute auf bürokratische Hemmnisse zu stoßen. Die Frustration scheint groß zu sein. Nach dem Start in England tauchte genau diese verzweifelte Kampfansage, die mein Kinoheld an die Wand des Jobcenters sprüht, an Londoner Mauern auf. Da sprühten andere "Ich, Daniel Blake", weil sie keine bloßen Nummern mehr im System sein wollten. Das ist doch toll, oder?

Sollte sich Premierministerin Theresa May Ihren Film anschauen?
Das muss sie nicht. Die britische Regierung weiß genau, was sie tut. Und wir wissen es auch: Wenn Hilfesuchende gegen die Zumutungen der Jobcenter klagen, gewinnen sie in der Regel. Es kann ja auch nicht sein, dass ein Arzt dir sagt, du kannst nicht arbeiten, und das Jobcenter sagt, du musst dich bewerben, sonst verlierst du die Unterstützung. Den meisten Menschen fehlt bloß die Kraft, sich zu wehren. Sie sind zu erschöpft, und genau darauf wird spekuliert. Ich nenne das: bewusste Grausamkeit. Dabei sollte der Staat die Schwachen unterstützen und sie nicht noch niederdrücken.

Wird es für die Briten nun besser oder schlechter durch den Brexit?
Es ist kompliziert und vor allem eine taktische Frage. Die Europäische Union ist zuerst ein neoliberales Projekt. Sie ist für die großen Konzerne und fürs Geschäft da, nicht für die Bedürfnisse der Bevölkerung. Es verwundert mich nicht, dass viele Briten eine grundsätzliche Veränderung wollten. Das schien ihnen nur mit der Abkoppelung von der EU machbar, aber nun werden die Attacken auf Arbeiterrechte wohl noch heftiger. Ich persönlich habe für die EU gestimmt. Mir schien die Solidarität mit Organisationen wie Podemos und anderen Gruppen wichtiger. Nur so lässt sich eine linke Opposition aufbauen.

Wenn alles so schlimm ist: Wieso verlieren die Helden in Ihren Filmen nie den Humor?
Das steckt in der DNA der Menschen, nicht nur in England, sondern überall auf der Welt. Sogar in den dunkelsten Momenten macht jemand einen Witz. So sind wir eben.

Kämpft auf verlorenem Posten: Daniel Blake (Dave Johns) verzweifelt im Jobcenter an bürokratischen Hindernissen – und ist damit nicht allein.

Kämpft auf verlorenem Posten: Daniel Blake (Dave Johns) verzweifelt im Jobcenter an bürokratischen Hindernissen – und ist damit nicht allein.

Quelle: ProKino

Okay, aber warum halten die Menschen gleichzeitig still? Warum gehen sie nicht auf die Straße und streiten lautstark für ihre Rechte?
Wut ist überall im Land spürbar, aber für Protest braucht es politische Führung. Zum ersten Mal haben wir in England mit Jeremy Corbyn wieder einen Labour-Chef, der Widerstand organisieren will und die Mehrheit der Partei hinter sich hat – auch wenn er in der bizarren Situation steckt, sich mit Feindseligkeiten der eigenen Labour-Abgeordneten und auch der Medien herumschlagen zu müssen.

Wieso haben Sie Ihr Vertrauen in die Arbeiterschicht nicht längst schon verloren? Diese Leute wählen schließlich Populisten wie Donald Trump und vielleicht bald Marin Le Pen in Frankreich.
Na ja, es sind schon im vorigen Jahrhundert viele schlimme Leute gewählt worden, in Ihrem und auch in meinem Land. Die Rechten haben nun mal einfache Antworten parat. Es gibt auch immer noch beklagenswertere Gruppen, auf die sich die Wut konzentrieren lässt, zum Beispiel auf Einwanderer wie die Mexikaner in den USA. Oder die Populisten locken damit, die Infrastruktur zu verbessern, denken Sie nur an Mussolini und seine pünktlichen Züge. Wenn die Rechtsextremen noch einmal an die Macht kommen, tragen sie aber gewiss keine gut zu identifizierenden Uniformen mehr wie in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts. Dann sehen sie vielleicht aus wie Moderatoren einer TV-Realityshow, denen man vertrauen möchte. Das ist alles sehr gefährlich. Aber die Interessen der Arbeiterklasse bestehen trotzdem fort.

Und das sind?
Die Leute wollen Sicherheit, medizinische Versorgung, Bildung, ein Zuhause, Frieden.

Ist Solidarität in einer so sehr auf Individualität getrimmten Gesellschaft wie der unserigen noch möglich?
Aber ja. Schauen Sie nur auf all die Hilfsprojekte für Behinderte, Arbeitslose, Obdachlose, Flüchtlinge ... Hunderte gibt es davon. Nötig ist aber politischer Wandel, es geht hier nicht allein um einzelne Projekte.

Wieso sind Sie in all den Jahrzehnten nicht zum Zyniker geworden?
Ich glaube, dass politische Veränderungen möglich sind, und diese können nur von den Werktätigen ausgehen, nicht von den Reichen. Allerdings haben sich die Voraussetzungen verändert: Neu ist das Ausmaß, in dem wir unseren Planeten zerstören. Donald Trump ist in vielerlei Hinsicht eine groteske Figur. Aber eine der alarmierendsten Dinge ist, dass er die Abkommen zum Klimaschutz zerreißen will. Er will jeden Tropfen fossiler Energie aus dem Boden pressen. Das ist so kurzsichtig. Nun ist es an all den bourgeoisen Politikern in Europa, die Verträge zum Klimaschutz zu retten.

Ihr BBC-Film "Cathie Come Home" hat vor einem halben Jahrhundert zu einer Parlamentsdebatte über Obdachlosigkeit geführt: Kann Kino die Welt besser machen?
Filme machen die Welt nicht besser, aber sie lenken Aufmerksamkeit auf bestimmte Probleme.

Gab es Momente in Ihrer langen Karriere, in denen Sie der Mut zum Filmemachen verlassen hat?
Es gab Jahre, in denen mir beinahe nichts gelang. Ich verlor das Vertrauen in meine Fähigkeiten, das war Ende der Achtziger. Ich habe hart mit mir selbst gerungen. Ich war zwischendurch an eine Agentur gebunden und habe Werbespots gemacht, sogar für McDonald's.

Haben Sie jemals daran gedacht, England zu verlassen und nach Hollywood zu gehen wie so viele Ihrer Kollegen?
Hollywood ist eine ganz andere Welt. Dort könnte ich nicht die Filme machen, die mich interessieren. Hollywood ist voll mit Leuten, denen ich lieber aus dem Weg gehen möchte.

Sie werden immer wieder kritisiert, Ihre Filme seien linke Propaganda. Was antworten Sie auf solche Vorwürfe?
Ach, das nehme ich gar nicht so ernst. Solche Kritiker fassen alles als abnorm auf, was nicht ihrer Sichtweise entspricht. Die eigentlichen Probleme haben diese Leute mit sich selbst.

Sind Menschen im Innersten nun gut oder böse?
Die Frage ist falsch gestellt. Menschen sind zu allem fähig. Die natürliche Reaktion ist es, einem Notleidenden zur Seite zu stehen. Aber dieses Verhalten kann pervertiert werden. Wenn Menschen sich verwundbar fühlen, werden sie schnell gemein. Wenn sie sich stark fühlen, können sie großzügig sein. Deshalb ist es Aufgabe der Politik, die Menschen zu stabilisieren. Dann sind sie auch großherzig.

Vor knapp drei Jahren haben Sie gesagt, Sie hätten genug vom Filmemachen. Dann haben Sie "Ich, Daniel Blake" gedreht. Werden Sie je wieder davon reden, sich in den Ruhestand zu verabschieden?
Keine Ahnung. Warten wir es einfach mal ab.

Zur Person
Der junge Ken Loach schickt sich an, Kinogeschichte zu schreiben.

Der junge Ken Loach schickt sich an, Kinogeschichte zu schreiben – obwohl sein Vater ihn lieber als Jurist gesehen hätte.

Quelle: Getty Images

Nach dem Wunsch seines Vaters hätte Ken Loach Jurist werden sollen. Mit dem Studium des Rechts hatte es der Sohn aber nicht so. Lieber zog Loach mit einer Theatertruppe los, bevor er beim BBC-Fernsehen das filmische Handwerk erlernte. Wenn der am 17. Juni 1936 in Nuneaton in Mittelengland geborene Sohn eines Elektrikers und einer Friseurin aber für etwas steht, dann ist es der Kinokampf für Gerechtigkeit – die ja nicht unbedingt mit dem gesprochenen Recht identisch sein muss. Loach gibt den Underdogs eine Stimme. Er ist überzeugter Sozialist, vor allem aber ist er Menschenfreund.

Loachs BBC-Debüt "Cathy Come Home" (1966) löste vor einem halben Jahrhundert Wirbel aus. Die Handlung: Ein junges Paar wird erst arbeits- und dann obdachlos, die Sozialbehörden nehmen ihm das Baby weg. Ein Viertel der Briten sah das dokumentarisch anmutende Drama. Noch Jahre später bekam Hauptdarstellerin Carol White auf der Straße von Unbekannten Geldscheine zugesteckt – schließlich sei sie eine Not leidende Mutter. Kein anderer Regisseur hatte bis dahin im britischen Fernsehen so hart an der Wirklichkeit gefilmt.

Ob finanziell abgebrannte Familienväter, die einen Schafbock stehlen ("Raining Stones", 1993), oder Bahnarbeiter, die Opfer der Privatisierung werden ("Navigators", 2001): Loach steht unverrückbar aufseiten seiner Protagonisten, auch wenn diese es mit dem Gesetz nicht immer ganz genau nehmen. Der eigentliche Gegner ist das System, das die Reichen belohnt und die Armen bestraft. Da ist sich Loach mit seinem treuen Drehbuchautor Paul Laverty einig. Wichtig ist den beiden eines: Die sozial Schwachen müssen zusammenhalten.

Filmszene aus "Riff Raff" (1991), Ken Loachs wahrscheinlich schärfste Attacke auf die Thatcher-Regierung.

Filmszene aus "Riff Raff" (1991), Ken Loachs wahrscheinlich schärfste Attacke auf die Thatcher-Regierung.

Quelle: Verleih

Was nicht heißt, dass Loach Widersprüche im Leben seiner Helden ausspart, die sich gelegentlich zwischen Moral und Pragmatismus entscheiden müssen. Gerne reichert der Regisseur seine Filme mit grimmigem Humor an, etwa "Riff Raff" (1991), seine wohl schärfste Attacke auf die Thatcher-Regierung, oder die Komödie "Angel's Share" (2012), in der eine Jugendbande klammheimlichen teuren Whisky abzapft. In "Looking for Eric" (2009) kam einem deprimierten Postboten der französische Fußballstar Éric Cantona zu Hilfe. Cantona spielte sich selbst.

Nicht nur in England und nicht nur in der Gegenwart findet Loach seine Sympathieträger. In "Land and Freedom" (1995) zog er gegen die Franco-Putschisten in den Spanischen Bürgerkrieg und zeigte auch die Zerrissenheit der Linken, in "Carla's Song" (1996) ergriff er Partei für die Sandinisten in Nicaragua und gegen die Einmischungen der USA, in "The Wind That Shakes The Barley" (2006) zeigte er seine Zuneigung für irische Unabhängigkeitskämpfer.

Mit dem Ausflug in die irische Historie gewann Loach seine erste Goldene Palme in Cannes. Die zweite gab es in diesem Jahr für seinen Film "Ich, Daniel Blake", der diese Woche in unseren Kinos gestartet ist. Darin verzweifelt ein arbeitslos gewordener Schreiner am britischen Sozialsystem. Engagement für die Schwachen und anrührendes Kino sind für den 80-Jährigen Ken Loach eins.

Von Stefan Stosch

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Promi-Talk