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Ist unser Planet noch zu retten?

Interview mit Al Gore Ist unser Planet noch zu retten?

Die blaue Anzugshose steckt in den Lieblingsstiefeln aus Tennessee, sonst aber ist nichts burschikos an diesem zuvorkommenden Amerikaner, der beinahe mal US-Präsident geworden wäre. Mit Stefan Stosch sprach Al Gore über Revolutionen, SUV-Fahrer und den aktuellen Amtsinhaber im Weißen Haus.


Quelle: The Canadian Press

Hannover. Mr. Gore, Sie streiten unermüdlich für den Umweltschutz. Warum legen Sie sich nicht in die Hängematte und sagen: Nach mir die Sintflut?

Erstens steht so viel auf dem Spiel, dass es unvorstellbar ist, nicht weiterzumachen. Und zweitens lasse ich mich immer wieder inspirieren von der Leidenschaft der Graswurzel-Aktivisten überall in der Welt. Sie sind die wirklichen Anführer im Kampf fürs Klima.

Sie sprechen von einer Revolution der Nachhaltigkeit: Was ist das Revolutionäre, das wir gerade erleben?

Im digitalen Zeitalter können wir erstmals gleichzeitig die Umweltverschmutzung reduzieren und trotzdem die Produktivität erhöhen. Emissionen und ökonomisches Wachstum haben sich voneinander abgekoppelt. In der Solaranlagenindustrie steigt die Anzahl an Jobs 17-mal schneller als im Durchschnitt. Ich vergleiche die Revolution der Nachhaltigkeit gerne mit der industriellen im 19. Jahrhundert. Nur vollzieht sich die aktuelle Revolution mit jener Lichtgeschwindigkeit, mit der auch die digitale unser Leben verändert.

Okay, aber die Welt versinkt trotzdem in Plastikmüll, wir überfischen die Ozeane, reduzieren die Arten, fällen Urwälder: Was macht Sie so optimistisch, dass wir ausgerechnet die Klimakatastrophe stoppen können?

Es findet gerade ein Bewusstseinswandel statt: Die Menschen erkennen, dass sich unsere Zivilisation und das fragile ökologische System auf Kollisionskurs befinden. Wenn es uns gelingt, diese Katastrophe zu stoppen, hat dies Bedeutung für alles andere.

Immer mehr Leute sitzen in SUVs und verpesten die Umwelt: Trauen Sie diesen Luxus-Geländewagenfahrern nicht ein bisschen zu viel zu?

Auch deshalb müssen wir die technologische Revolution vorantreiben. Ein SUV, angetrieben mit Solarenergie, bedeutet weniger Belastung für die Umwelt. Die Chancen, den Lebensstil von Menschen in kurzer Zeit zu ändern, sind geringer als diejenigen, diesen Lebensstil so umzuformen, dass weniger Schaden angerichtet wird.

Die deutschen Autokonzerne halten sich nicht mal an die Mindestvorgaben, sie haben beim Dieselskandal getrickst und getäuscht: Muss man an dieser Unverfrorenheit nicht verzweifeln?

Ich war überrascht, als ich das erste Mal davon gelesen habe. Ich habe eine Menge Respekt vor der deutschen Automobilindustrie. Ich habe einige neue E-Modelle getestet, ein echtes Erlebnis. Ich hoffe, dass der Weitblick bei der Umstellung auf Elektromobilität den deutschen Konzernen ein wenig vom verlorenen Vertrauen zurückgeben wird.

Dieses Jahr hat die Menschheit die nachhaltig nutzbaren Ressourcen der Erde bereits am 2. August aufgezehrt – früher als je zuvor. Kann es überhaupt Nachhaltigkeit im kapitalistischen System geben?

Wir haben im 20. Jahrhundert gesehen, dass die Alternativen zum Kapitalismus, egal ob links oder rechts, ihre eigenen Systemfehler haben – inklusive des Verlusts von persönlicher Freiheit. Die Herausforderung besteht nicht darin, den Kapitalismus zu ersetzen, sondern ihn zu reformieren. Wir müssen auch jene Effekte einbeziehen, die wir bislang außen vor gelassen haben. Die Umweltverschmutzung kam in der kapitalistischen Matrix bislang gar nicht vor. Der Verbrauch natürlicher Ressourcen zum Beispiel muss künftig berechnet werden. Genauso müssen wir aber auch positive Effekte bewerten: Investitionen in die Gesundheitsfürsorge oder Familienhilfe zählen bislang nur als Ausgaben, ihr späterer Nutzen taucht nicht auf.

Erklären Sie mir doch bitte, wie es heute immer noch Politiker geben kann, die den Klimawandel leugnen.

Vor mehr als hundert Jahren hat Upton Sinclair geschrieben: Es ist schwierig, einen Menschen dazu zu bringen, etwas zu verstehen, wenn sein Gehalt davon abhängt, dass er es nicht versteht. Wenn Sie das Wort Einkommen durch Lobbyistengeschenke ersetzen, haben Sie einen Teil der Antwort.

Was muss passieren, damit Donald Trump versteht, dass die Klimakatastrophe nach ganz oben auf seine Agenda gehört? Muss erst einer seiner Golfplätze absaufen?

Ich habe in einigen Gesprächen versucht, ihn zu überzeugen. Es ist mir nicht gelungen. Vielleicht sind andere erfolgreicher. Bis dahin aber sollten wir ihn ganz einfach umgehen, soll er sich doch selbst isolieren. Auf regionaler und lokaler Ebene wird ja weitergearbeitet am Klimaschutz. Der Schaden, den Trump anrichten kann, lässt sich begrenzen. Alle strengen sich nun umso mehr an, erneuerbare Energien voranzubringen. Gelegentlich mit kuriosen Folgen: In Kentucky, im Herz des Kohlelandes, ist ein Kohlemuseum auf Solarenergie umgestiegen.

Debatten werden in den USA immer verletzender und persönlicher geführt. Wie wollen sie so Probleme lösen?

Dieses Phänomen lässt sich nicht nur in den USA beobachten. Auch anderswo wird der Überbringer einer unbequemen Botschaft angegriffen. Aber wir haben schon früher Revolutionen hinbekommen. Denken Sie an die Bürgerrechts- oder die Frauenbewegung.

Wenn Sie im Jahr 2000 nicht nur der „nächste“ US-Präsident gewesen, sondern tatsächlich ins Weiße Haus eingezogen wären: Wie würde die Welt heute aussehen?

Ich stelle mir gern vor, dass sie ein viel besserer Ort wäre. Alternative Geschichtsschreibung ist aber nur eine intellektuelle Übung – und sonst Zeitverschwendung.

Wenn Sie heute US-Präsident wären, welche drei Maßnahmen würden Sie zuerst ergreifen?

Erstens: Ich würde den Kohlendioxidausstoß mit einem Preis belegen. Zweitens: Ich würde alle Subventionen für fossile Energien streichen. Drittens: Ich würde dafür sorgen, dass Stromversorger den Anteil der Elektrizität aus erneuerbaren Energien Jahr für Jahr steigern.

Klingt nach Regierungserklärung: Wollen Sie noch mal kandidieren?

Ich befinde mich in der Genesungsphase von meinem Politikerdasein.

Wie werden nachfolgende Generationen unseren Lebensstil bewerten?

Wenn diese Generationen mit extremen Überschwemmungen und Dürren leben müssen, haben sie alles Recht, uns für unsere Ignoranz zu verdammen. Aber wenn sie eine Welt erben, die sich auf dem Weg der Erneuerung befindet mit unzähligen neuen Jobs in der Solar- und Windenergie, dann werden sie vielleicht fragen: Woher habt ihr den moralischen Mut genommen, die Weichen so schnell umzulegen?

Sind wir denn schnell genug beim Weichenumlegen?

Wir haben die Chance. Und wir schaffen mehr, als wir uns oft zutrauen. Wenn mir jemand vor fünf Jahren gesagt hätte, dass Schwulenhochzeiten 2017 in den USA legal sind und von zwei Dritteln der Bevölkerung befürwortet werden, hätte ich gesagt: Schöne Idee, aber das ist hoffnungslos naiv.

Was kann ich fürs Klima tun, wenn dieses Gespräch zu Ende ist?

Überzeugen Sie andere. Nehmen Sie Einfluss auf jeden Politiker, der Sie vertritt. Gehen Sie in Geschäfte, die klimafreundlichere Produkte anbieten. Bauen Sie Druck auf Unternehmen auf.

Dann habe ich jetzt ja viel zu tun.

Fangen Sie doch ganz einfach damit an, sich meinen Film anzuschauen.

Vorher noch eine Frage: Wie rechtfertigen Sie es ökologisch, für Ihren Film um den Globus zu jetten?

Wir haben die Kohlendioxid-Produktion, die wir verursacht haben, doppelt kompensiert. Und wir reisen aus gutem Grund: Wir wollen anregen, Lösungen zu finden.

Von Stefan Stosch

Hannover 52.3758916 9.7320104
Hannover
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