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Darf man heute noch Optimist sein?

Interview mit Autor Robert Harris Darf man heute noch Optimist sein?

Die Macht der Feder: Robert Harris bringt in seinem neuen Roman einen Papst um und erschafft einen neuen. Der Bestsellerautor sprach mit Matthias Halbig über seinen Kirchenthriller "Konklave", über Religion, die katholische Kirche im 21. Jahrhundert und das Schwinden der Nächstenliebe.

Schreiben als Beruf und einziges Hobby: Der Bestsellerautor Robert Harris über Religion, seinen neuen Roman "Konklave", und warum Verzagtheit in einer Welt aus den Fugen eine Sünde sei.

Quelle: Getty

Mr Harris, Ihre Frau Ehefrau Gill Hornby hat dem "Tribune" 2013 gesagt: "Ich weiß nicht, wie Leute über irgendetwas schreiben können, dass nicht mit Familie zu tun hat." Sie können das offenbar ganz gut.
Tja, es geht also doch. (lacht) Gills Vorbild ist eben Jane Austen, meines eher Orwell. Jeder von uns reagiert mit seinem Schreiben auf das, was ihn an der Welt interessiert. Mein Ding ist die Politik, ihres die Familie. Möglicherweise der Grund, weshalb wir seit fast 30 Jahren verheiratet sind.

Im Jubeljahr der Reformation haben Sie sich mit dem Roman "Konklave" einem sehr katholischen Thema zugewandt – einer Papstwahl.
Das ist Zufall. Ich habe die Konklaven von 2005 und 2013 im Fernsehen verfolgt. Ich sah in die Gesichter der Kardinäle, die gerade einen Papst gewählt hatten. Und so langsam formte sich in meinem Hinterstübchen der Gedanke, dass diese Versammlung ja eine ganz wunderbare abgeschlossene Welt war. Perfekt für einen Roman – mit einer begrenzten Zeitspanne und einer begrenzten Anzahl handelnder Charaktere und – als Ergebnis ihres Handelns – der Bestimmung eines der einflussreichsten Männer auf Erden. Je mehr ich darüber nachdachte, desto besser wurde das dem innewohnende Drama.

Ihre Recherche führte Sie in den Vatikan.
Ich war fasziniert, niedergeworfen durch den Kontrast zwischen diesem wuchtigen Auftritt auf Erden und der Doktrin Christi, seiner Botschaft von Einfachheit, Demut, Armut.

Ein echter Kardinal hat sie unterstützt. Wusste der, mit wem er sprach?
Er hatte sogar einige meiner Bücher gelesen. Er hat mir keine verbotenen Abgründe der Kirche geöffnet, aber er gab mir die notwendige menschliche Sicht auf ein Konklave.

Haben Sie ihm das Buch schon geschickt?
Ja. Und ich hab's mit einiger Angst versendet. Ich kann aber froh verkünden, dass er es mochte.

Hatte er keine Sorge, als derjenige im Kollegium ertappt zu werden, der an der Erschaffung des unglaublichsten aller Päpste mitgewirkt hat?
Bezüglich des Endes sagte er: "Na ja, ist ja nur eine Geschichte."

Ihr Papst Innozenz XIV. könnte die Kirche in ihre tiefste Krise stürzen und sie zugleich radikal befreien und zukunftsfest machen. Dieser spezielle Pontifex maximus, der "größte Brückenbauer", ist ihre schärfste Schlusspointe, seit ihr Gestapo-Mann Xaver März in "Vaterland" den Holocaust auffliegen ließ. Stand das Ende von Beginn an fest?
Ich hoffe, Sie enthüllen jetzt mein Romanende nicht. Viele mögen es nicht, sagen, "tolles Buch, bis auf den Schluss". Als Autor kann ich nur sagen: "Aber genau dahin musste es gehen." Ich hatte ein Thema, aber ich musste auch ein Ziel haben. Mich interessierte, wie die Kirche fortbestehen kann, wie sie sich mit der Realität versöhnen kann in einer modernen Welt.

Dazu mussten Sie den alten Papst mit der Feder umbringen. Der Name Franziskus fällt nie.
Es wäre unhöflich gewesen, den amtierenden Papst zu töten. Auch weil ich meinen toten Papst noch aus dem Jenseits heraus das Konklave kontrollieren lassen wollte. Gleichzeitig aber wollte ich Franziskus' Persönlichkeit einfließen lassen, sein außerordentliches Pontifikat eines Außenstehenden in der Institution Kirche. Um zu zeigen, wo die Kirche heute steht.

Romane von Robert Harris

Obsessiver Schreiber: Robert Harris' Bestseller-Romane basieren oft auf historischen Ereignissen.

Quelle: Verlag

Wo steht sie denn? Wenn Franziskus – wie im Oktober – Frieden für Syrien fordert, scheint das ungehört zu verhallen.
Speziell an diesem Konflikt sind halt auch nur sehr wenige Christen, sehr wenige Katholiken beteiligt. Päpste haben schon oft Kriege und Verfolgung beklagt, ohne dass sich sofort etwas änderte. Sie haben aber eine spirituelle Autorität. Gut, dass sie sie nutzen.

In Europas Kernlanden des Christentums werden Flüchtlinge verprügelt, ihre Unterkünfte angezündet. Ist die Botschaft der Nächstenliebe vergessen?
Ich glaube nicht, dass Religion eine Impfung gegen Vorurteil und Hass ist, oft ist eher das Gegenteil der Fall. Je stärker jemandes religiöse Überzeugungen sind, desto mehr neigt er dazu, Feindseligkeiten gegenüber "den anderen" außerhalb seiner Religionsgruppe zu fühlen und zu äußern. Als großes Problem sehe ich heute die sozialen Medien, die Explosion dieser Art von Kommunikation. Es scheint kein Zufall, dass derzeit Antisemitismus, Rassismus, religiöser Fundamentalismus, alle Arten von Intoleranz wachsen und Vernunft schwindet. Dämonen sind im Internet von der Kette, die von den Mainstream-Medien noch gebändigt wurden.

In Ländern, die man für Säulen der Vernunft hielt, hat es die Vernunft inzwischen auch in der offiziellen Politik schwer. Großbritannien hat die EU verlassen.
Obwohl ich es kommen sah, war ich total geschockt, als es passiert ist. Es hat mein Vertrauen in mein eigenes Land erschüttert. An neun Unterhauswahlen habe ich teilgenommen, dreimal nur hat meine Partei gewonnen. Im Rückblick habe ich immer gesehen, dass die Mehrheit weiser war als ich. Dieses Gefühl fehlt mir diesmal.

Dieses Gefühl fehlt 2016 auch andernorts. Die Welt wird instabiler.
Sie spielen auf Trump an. Trump hat entsetzliche Seiten. Aber er ist ein Tycoon, ein Egomane, er hat keine fixe Ideologie zu Rasse und Klasse. Das macht diese Vergleiche mit Hitler so absurd. Ich glaube, seine Präsidentschaft wird in Korruption und Skandalen enden. Er wird abdanken oder bei der nächsten Wahl aus dem Amt geworfen. Einer Sache, der ich mit fast 60 Jahren nicht verfallen will, ist die Altmännerkrankheit, zu zetern, dass die Welt in die Binsen geht. Meine Eltern und Großeltern hatten eine viel schlimmere Welt: Kriege, Depression, Faschismus, Hunger. Ich wuchs im Kalten Krieg auf, wo es nach nuklearer Vernichtung aussah. Es wird immer Probleme geben, nicht notwendigerweise Armageddon. Ich weigere mich, pessimistisch zu sein. Verzagtheit (lacht) ist eine Sünde.

Glauben Sie angesichts der vielen Krisen an eine Rückbesinnung auf Kirche und Christentum auch im säkularen Westen?
Das halte ich für möglich, ja. Ich weiß aber nicht, ob sich die Menschen gerade verstärkt dem Katholizismus zuwenden werden. Diese Kirche tut sich schwer, einen Einklang mit den Ansprüchen der Menschen in Nordamerika und Europa zu erzeugen. Die halbe Menschheit ist bei ihr von gleichberechtigter Teilhabe ausgeschlossen.

Wird die katholische Kirche trotzdem überleben?
Sie hat 2000 Jahre überlebt, sie wird so lange überleben, wie die Menschheit existiert. Da bin ich mir sicher. Religion ist ihr Geschäft, und Religion beantwortet einen Hilferuf des Menschen. Sie hilft uns, mit etwas umzugehen, womit wir allein nicht klarkommen – unserem Verlöschen, dem Verlust unserer Eltern, Verwandten, Freunde. Religion wird diesen Hilferuf immer beantworten, ganz egal, wie groß die Fortschritte in den Naturwissenschaften sein werden. Die Illusion der Sechzigerjahre, dass Religion verschwinden wird, ist falsch. Auch nicht unter totalitärer Herrschaft. Eine weitsichtige Kritik an dem Roman "1984" stammte von Evelyn Waugh. Er sagte zu George Orwell: "Großes Buch, in dem Sie nur leider die spirituelle Dimension außer Acht lassen. Auch in Ihrer Big-Brother-Welt würde die Kirche in irgendeiner Form fortbestehen." Eine schlaue Beanstandung.

Wie geht es mit Papst Innozenz weiter? Wird sein Wirken Gegenstand eines weiteren Buchs werden?
Man soll niemals nie sagen. Aber eigentlich glaube ich, dass ich seine Zukunft der Fantasie meiner Leser anvertraue.

Zur Person
Harris an einem Fenster seines Pfarrhauses in Berkshire, in dem er mit der Familie Weihnachten feiert.

Robert Harris an einem Fenster seines Pfarrhauses in Berkshire, in dem er mit der Familie Weihnachten feiert.

Quelle: Getty

"Hamburg!", seufzt Robert Harris und schweigt einen Moment. Sein Blick geht hinaus aus dem Fenster des Hotels Vier Jahreszeiten. Milchiger Dunst steht wie ein Film über der Innenalster, die weihnachtlich geschmückte Innenstadt sieht in der einsetzenden Dämmerung noch festlicher aus als bei Tag. Das erste Mal sei er in den Achtzigerjahren in der Stadt gewesen, um für ein Sachbuch über die Hitler-Tagebücher zu recherchieren, sagt er. "Dann wollte ich ein Sachbuch über ein Leben in Deutschland schreiben, hätte Hitler den Krieg gewonnen, aber das funktionierte nicht."

Stattdessen schrieb der Journalist Harris darüber seinen Debütroman "Vaterland" (1992). "Es ging mir wie Alice hinter den Spiegeln", erzählt Harris. "Ich blickte plötzlich in ein Paralleluniversum, eine andere Welt. Mit den Werkzeugen der Fiktion und Vorstellungskraft, dem Erfinden von Figuren, konnte und kann ich mich in einer Art ausdrücken, wie es mir im Non-Fiction-Sektor nie möglich war." Er hat daher nicht vor, zum Sachbuch zurückzukehren. "Dafür liebe ich das Geschäft der Schöpfung zu sehr."

Schreiben ist für den 59-jährigen Harris "mein Beruf und mein einziges Hobby". Was die erstaunliche Produktivität des vierfachen Vaters erklärt. Drei Romane sind allein seit 2013 von ihm erschienen. "Intrige", eine Aufarbeitung der Dreyfus-Affäre im Frankreich des späten 19. Jahrhunderts, "Dictator", der Abschluss seiner Cicero-Trilogie, und jetzt "Konklave", eine Fiktion über eine Papstwahl.

Obsessiver Schreiber mit einem Faible für Serien

Ein Jahr Arbeit hänge in jedem Buch. "Ich bin obsessiv, offenbar schneller im Alter." Er lacht. Die Cicero-Trilogie werde bald verfilmt, aus jedem Buch soll eine Serienstaffel werden. Dieser Tage will er sich mit den Produzenten treffen. "Sehen Sie auch gern diese neuen Qualitätsserien?", fragt Harris. "Dann müssen Sie 'The Crown' über das Königshaus anschauen. Unbedingt." Die katholische Kirche seines neuen Romans fasziniere die Leser, davon ist der Brite Harris überzeugt. "Sie ist uralt, geheimnisumwoben, ausgerichtet auf die Ewigkeit. Zudem hat sie diesen gewissen Glamour."

Gefragt, ob er selbst ein religiöser Mensch sei, zögert er kurz. "Ich würde nie über Gott spotten", sagt er. "Denn ich fühle, dass es da etwas gibt. Ich bin nicht getauft, aber ich liebe die Rituale, Musik, Architektur und das spirituelle Erbe der Kirche. Ich habe in der Kirche geheiratet, meine vier Kinder taufen lassen und ich hoffe auf ein christliches Begräbnis." Alles ohne Taufe? "Da hatten meine Eltern Schuld. Persönlich glaube ich, man sollte als Kind an diese geistlichen Ressourcen angeschlossen werden – wie ein neues Gerät an die Steckdose kommt."

Die Familie lebt in einem Pfarrhaus in Berkshire. Ein geradezu perfektes Nest für Weihnachten. Das feiern Harris und seine Ehefrau, die Schriftstellerin Gill Hornby ("Mutter des Monats"), im größeren Familienkreis: "Die Kinder sind dann alle bei uns, die 91-jährige Mutter meiner Frau, mein Schwager Nick Hornby mit seiner Familie. Wir haben einen großen Baum und tun alles, was die Weihnachtstradition verlangt. Es ist eine große Vergewisserung von Familie."

Von Matthias Halbig

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