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Brauchen Sie wirklich zwei Ferraris, Amy Macdonald?

Interview mit Amy Macdonald Brauchen Sie wirklich zwei Ferraris, Amy Macdonald?

Sie schreibt melodische Rocksongs, verehrt Bruce Springsteen und sammelt Sportwagen. Die schottische Musikerin Amy Macdonald sprach mit Matthias Halbig über Tempolimits, den Traum von einem freien Schottland und ihr Album „Under Stars“.


Quelle: Getty

Dublin.  

Glückwunsch zu „Under Stars“, Ihrem neuen Album. Astrologen sagen von Menschen, die unter dem Sternbild Jungfrau geboren sind, sie hätten das Talent, Leute in gute Stimmung zu versetzen. Ihre neuen Lieder untermauern diese Behauptung.

Oh, danke. Ich versuche immer, Songs zu schreiben, die Leute gerne mitsingen wollen, die im Kopf bleiben. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Von zehn Versuchen gelingt da einer.

Glauben Sie an die Kraft der Sterne?

Eigentlich bin ich dazu ein bisschen zu abgeklärt. Ich lese Sachen wie „Diese Woche treffen Sie den Mann Ihrer Träume“ und denke mir: „Pfft – wer’s glaubt!“ Aber wenn eine Aussage den Kern meiner Persönlichkeit perfekt trifft, dann gerate ich auch schon mal ins Wanken.

Zum ersten Mal haben Sie die Songs nicht im Alleingang geschrieben. Waren Sie unsicher?

Ich bin schon immer unsicher beim Schreiben gewesen. Ich bin sogar ziemlich unsicher bei fast allem, was ich tue. Und ich leide sehr an meinen ganzen Selbstzweifeln. Aber das ist wohl generell das Ding bei Musikern. Ich denke manchmal, der Erfolg wächst bei uns aus der permanenten Sorge, nicht gut genug zu sein. Dass ich jetzt mit Jimmy Sims und Ben Parker Songs schrieb, kam aber wie von selbst, da gab es keinen Plan. Ich habe eine großartige Band, wir sind so viel Zeit zusammen on the road. Man wartet auf den Soundcheck, jammt ein bisschen herum, Ideen kommen auf. Daraus entstanden viele der neuen Songs.

Auf die alte, computerfreie Art: zusammensitzen, drauflosspielen?

Der Raum war noch kleiner als der hier, keine Fenster. Es brauchte erst ein bisschen, bis wir uns trauten, uns gegenseitig Sachen vorzustellen. Und dann lief es plötzlich. Und es lag nicht mehr der ganze Druck auf meinen Schultern, das war gut. Ich fühlte mich erleichtert, es war ein tolles Miteinander. Nur die Texte schreibe ich weiterhin selbst.

Viel auf „Under Stars“ ist relativ rockig geraten.

Das geschah nicht bewusst. Ein Song nimmt seinen Lauf, nimmt allmählich seine natürliche, vorbestimmte Gestalt an. Aber zuvor gab es beim Schreiben eben nur mich und meine Akustikgitarre. Mit meinen Bandkollegen sieht das anders aus. Wir hatten mehr Instrumente bei uns, da baut sich beim Komponieren schon richtig Sound auf. Vielleicht ist deshalb mehr Verwegenheit und Rasanz in den Liedern.

Mit „I’m on Fire“ ist jetzt schon der dritte Bruce-Springsteen-Song in Ihrem Repertoire.

(lacht) Für mich ist Bruce Spring-steen wohl der inspirierendste Musiker überhaupt. Von ihm habe ich noch nie etwas gehört, was ich nicht mochte. Er hat solche unglaublichen Songs geschrieben, ist ein so unglaublicher Musiker, hat eine so unglaubliche Karriere durchmessen und liefert immer noch unglaubliche Shows ab. Ich hatte das Glück, ihn zu treffen, und das hat mich in meiner Verehrung bestätigt. Ein liebenswerter Mann. Als ich erwähnte, dass mein Mixer Bob Clearmountain ist, der auch sein „Born in the USA“-Album machte, plauderten wir so, als wären wir lange befreundet.

In „I’m on Fire“ behalten sie Spring-steens Jungen-Perspektive bei, singen „Hey little girl, is your daddy home ...“. Ist das nach „Pride“ ein weiteres Statement für die Queer-Bewegung?

Den Song „Pride“ stellte ich der Schottischen Kampagne für die Homoehe zur Verfügung, weil ich es gut finde, wenn eins meiner Lieder etwas so Erstrebenswertem wie der Gleichheit dient. Bei „I’m on Fire“ habe ich die Jungensicht aber bloß deswegen beibehalten, weil ich es einfach nicht mag, wenn bei Coverversionen der Text geändert wird. Bruce hat das so geschrieben und so gemeint, also singe ich es so. Punkt.

Mit Bruce Springsteen teilen Sie die Vorliebe für tolle Autos. „My love is bigger than a Honda, much bigger than a Subaru“ singt er in „Pink Cadillac“. Ihre Liebe zu Autos ist auch größer als üblich ...

Kaum zu glauben: Bruce hat zwar viele Lieder über Autos geschrieben, das ist wohl etwas Amerikanisches, aber im Privaten ist er gar nicht so an Autos interessiert. Er ist zudem ein fürchterlicher Autofahrer, das hat er mir verraten. Ich bin dagegen eine echte Autonärrin. Ich habe den Titel der „schnellsten Frau“ auf der Teststrecke der BBC-Automobilshow „Top Gear“ (lacht). Und den will ich auch behalten.

Woher kommt diese Leidenschaft? Haben Sie als Kind gern mit Autos gespielt?

Das nicht, aber direkt nach der Führerscheinprüfung kam die Spaß am Fahren und daran, die Musik dabei aufzudrehen. Dann kam der Reiz der Geschwindigkeit dazu, und bald liebte ich die Kraft und Schönheit von Autos. Ich bin dankbar, dass mir meine Karriere erlaubt, diese Leidenschaft auszubauen und mir ein paar reizende Autos zu kaufen.

Für Ferraris muss man aber schon eine Menge Platten verkaufen. Braucht man zwei davon? Ist der 458 Speciale wirklich so viel anders als der 488?

Sonst hätte ich nicht zwei. Der 458 Speciale ist der letzte und leistungsstärkste klassische V8-Sauger von Ferrari. Was für einen Sound der hat! Ein Freund vom Ferrari-Magazin sagte, er sei „sehr, sehr speciale“, eine Investition – bitte nie, nie verkaufen. Mit 499 Exemplaren ist er ein Sammlerstück, steht die meiste Zeit in der Garage unter einer Abdeckhaube. Und deshalb habe ich noch den 488er, seinen Nachfolger, ein Turbomodell. Beide Autos fühlen sich beim Fahren total unterschiedlich an, klingen anders, sind praktisch gegensätzliche Enden des Sportwagenspektrums.

In Schottland sind doch aber nur 70 Meilen pro Stunde erlaubt.

Ja (lacht), aber Schottland ist auch groß, mit vielen offenen Landstraßen mitten im Nirgendwo, wo es ziemlich wenige Polizisten gibt.

Obwohl Sie das neue Album als unpolitisch bezeichnen, betonen Sie, dass die Songs vor, während und nach dem schottischen Unabhängigkeitsreferendum entstanden. Ist das Album dessen Chronik?

Diese Stimmung ist unbewusst eingeflossen, nur der Song „Leap of Faith“ handelt konkret davon. Das war unglaublich positiv damals, inspirierend, die ganze Welt sprach über unser kleines Land. Überall war diese Kraft zu spüren, leidenschaftlich, freundlich, jeder, auch ich, wollte Teil davon sein. So viele Leute verschiedener Couleur kamen zusammen, weil sie an Schottland glaubten. Das war ganz anders als bei diesem aggressiven, hasserfüllten Unsinn namens Brexit.

Weshalb laut der schottischen Ersten Ministerin Nicola Sturgeon ein weiteres Referendum zu erwarten steht ...

Ja, für 2020. Und diesmal müsste es klappen, denn wir haben nicht für den Brexit gestimmt. In Schottland waren 62 Prozent dafür, in der Europäischen Union zu bleiben. Wenn der Brexit passiert, haben wir keinen Zugang zum Binnenmarkt mehr. Wer will das? Du kannst ein Land nicht einfach so aus einer Gemeinschaft ziehen, an der es beteiligt bleiben möchte.

Wie sehen Sie dieses eigenständige Schottland?

Ganz klar wäre das ein Schottland für jeden, und jeder wäre in meinem Schottland willkommen. Und ebenso liebe ich die Vorstellung, Teil von Europa zu sein. Ich habe so viel Zeit in Europa verbracht, ich fände es absurd, Visa beantragen zu müssen, um hier Konzerte zu geben. Ich fühle eine tiefe Verbundenheit mit Europa.

Könnten Sie einen Wunsch für die Zukunft zu den Sternen schicken, was wäre das?

Vor zehn Jahren, als meine Karriere begann, sagte ich, ich wäre glücklich, in zehn Jahren noch Songs zu schreiben, aufzunehmen und live zu spielen. Na ja, auch wenn es nicht so einfallsreich ist, heute habe ich denselben Wunsch: einfach weitermachen zu dürfen wie bisher.

Von Matthias Halbig

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