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Mode aus dem ewigen Eis

Entdecker als Stilvorbild Mode aus dem ewigen Eis

Immer wieder haben Forscher von ihren Expeditionen nicht nur neue Erkenntnisse mitgebracht – sondern unbewusst auch das Design unserer Kleidung beeinflusst. Denn ohne Nordpol-Erkundung würden wir wohl alle keine Daunenjacken tragen ...

Die Entwürfe, die Karl Lagerfeld für Chanel schuf, erinnerten an die Nordpol-Expedition von 1909. Zu sehen waren sie jetzt in der Ausstellung “Expedition: Fashion from the Extreme“ in New York.

Quelle: dpa

Hannover. Als Edmund Hillary und Tenzing Norgay im Mai 1953 dem Gipfel des Mount Everest entgegenstapften, waren Fleece und Thermounterwäsche noch gar nicht erfunden. Stattdessen hielten Daunenfedern in den Jacken die beiden Bergsteiger warm. Dass Daunenjacken ein halbes Jahrhundert später zum Hingucker in den Winterkollektionen von Modedesignern weltweit werden würden, konnte damals noch niemand ahnen.

Ob Berggipfel, Arktis, Tiefsee oder Weltraum: Expeditionen in extreme Verhältnisse erfordern besondere Schutzkleidung, die die Modeindustrie zu immer neuen Entwicklungen antreibt. Modedesigner schöpfen seit Jahrzehnten von der ausgefallenen Kluft, die Forscher, Taucher, Astronauten oder eben Bergsteiger bei ihren Einsätzen tragen.

Die Ausstellung “Expedition: Fashion from the Extreme“ im New Yorker Fashion Institute of Technology (FIT) zeigte kürzlich, dass Designer von Jean Paul Gaultier über Chanel bis zu Karl Lagerfeld sich seit den Sechzigerjahren von solchen Erkundungsreisen anregen lassen. Yves Saint Laurent etwa stellte 1968 die “Saharienne“-Kollektion vor, die in khakifarbenen Tunikas an Safaris erinnerte. Auch Ralph Lauren griff diesen Look später auf.

Gut geschützt mit Gänsefedern

Gut geschützt mit Gänsefedern: Edmund Hillary (links) und Tenzing Norgay erklimmen im Jahr 1953 den Mount Everest.

Quelle: Courtesy Everett Collection

Der zunächst vor allem in Alaska von Inuit-Ureinwohnern getragene Parka fand seinen Weg in die Modewelt, als Kate Moss ihn in den 1990er-Jahren trug. Bei der Masse angekommen war er spätestens, als Gitarrist und Sänger Kurt Cobain von der Grunge-Band Nirvana sich im dunkelgrünen Parka zeigte. Entwickelt worden war der “Fishtail“-Parka in seiner modernen Form aber in den Fünfzigerjahren für das US-Militär und dessen Einsatz im Koreakrieg.

Die unter anderem von den Bergsteigern Hillary und Norgay populär gemachten Daunenjacken wiederum sind aus Wintermonaten in vielen Städten heute selbst dann nicht mehr wegzudenken, wenn es dort für solch eine Ausrüstung eigentlich viel zu warm ist. Der US-amerikanische Einzelhandelsunternehmer Eddie Bauer gilt als Erster, der sich die puffigen, fluffigen Jacken in den USA patentieren ließ. Der japanische Designer Junya Watanabe war es dann, der das Spiel mit den Daunen für das Label Comme des Garçons mit den einfarbigen, sogenannten “Puffer Jackets“ (leichte Daunenjacken) zur Perfektion trieb. Auch für Tommy Hilfigers poppigen Amerika-Stil gehörte die Daunenjacke fest zum Repertoire, bevor Hip-Hop-Marken wie Karl Kani, Helly Hansen und Carhartt nachzogen.

Karl Lagerfeld richtete seinen Blick derweil in die Arktis. Für die “Ready-to-wear“-Kollektion, die Lagerfeld im Herbst 2010 für Chanel auf den Markt brachte, ließ der deutsche Stardesigner in Paris nicht nur Models mit reichlich (falschem) Fell antreten – für die passende Kulisse sorgte Lagerfeld, indem er für die Show einen Eisberg aus Skandinavien importieren ließ. Lagerfeld zeigte Tweed-Anzüge, Säume aus Plüsch und zottelige Stiefel. Seine Designs waren nicht weit entfernt von dem, was Arktisforscher Matthew Henson bei seiner bis heute umstrittenen Nordpol-Expedition im Jahr 1909 gegen die Kälte getragen haben soll.

Daunenjacken des Designers Eddie Bauer, aufgenommen am 27092017 in der Ausstellung “Expedition

Daunenjacken des Designers Eddie Bauer, aufgenommen am 27.09.2017 in der Ausstellung “Expedition: Fashion from the Extreme“ im Museum des Fashion Institute of Technology in New York.

Quelle: dpa

Auch die Welt der Meere schien es Lagerfeld angetan zu haben. Die Pailletten auf seiner blauschwarzen, grobgerippten Jacke von 1991 glitzern wie nasses Neopren, auch die Säume ähneln denen der Anzüge von Tauchern und Surfern. “City Surfer“ nannte Lagerfeld das Stück und merkte an, es sei perfekt, um in das Nachtleben von Paris über Rom bis London und New York einzutauchen. Designergrößen wie Jean Paul Gaultier, Gianni Versace und Donna Karan stellten in den Achtziger- und Neunzigerjahren ähnliche Outfits im teils synthetischen Taucher-Look vor.

Die Erforschung des Weltalls stellt heute die größte Herausforderung für den Menschen dar, und auch die Modewelt dürfte die Raumfahrt noch eine Weile beschäftigen. Bei der Fashion Week im März in Paris lehnte sich Lagerfeld stilistisch an das Space Age der Sechzigerjahre an, als er im Grand Palais eine 37 Meter hohe Rakete aufstellen ließ. Chanel hob sprichwörtlich ab, als sich das Unterteil fauchend und funkensprühend in Richtung Glasdach schob. Sollten Menschen eines Tages auf dem Mars landen, scheint eine passende Reaktion der Modewelt bereits vorprogrammiert.

Von Johannes Schmitt-Tegge

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