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Der Umzug (I)

Kartonkette mit Imre Grimm Der Umzug (I)

Ich find‘s so schon schwer genug, eine Treppe hochzugehen. Da nehm ich doch nicht noch eine Topfblume mit. Zum Glück haben sich die Lebensumstände im Freundeskreis beruhigt – es fragt nicht mehr alle paar Wochen jemand nach Hilfe beim Umziehen.

Die große Frage lautet stets: Kette oder keine Kette?

Quelle: Fotolia

Hannover. Der einzige mir bekannte Vorteil des Älterwerdens (außer Weisheit, Gelassenheit und Rabatt): Man muss nicht mehr so oft beim Umzug helfen. Früher haben Freunde alle sechs Wochen ihre Heimstatt gewechselt. Heute haben sie die Suche nach einem besseren Leben aufgegeben. Ganz gefährlich, wenn damals einer fragte: „Was machst du Sonnabend in zwei Wochen?“ Wenn 30-Jährige 14 Tage im Voraus planen, geht’s immer ums Umziehen. Nur wenn 30-Jährige fragen „Was machst du morgen?“, geht’s um eine Party. Es sei denn, sie wählen die Überfalltaktik: „Uns sind vier Helfer abgesprungen, kannst du morgen früh um 8 Uhr...?“ Was sagst du da? Die ehrliche Antwort wäre: „Ja, aber ich will nicht.“ Geht aber nicht. Die stille Übereinkunft lautet: Ich helfe dir, dann hilfst du mir. Außerdem gibt’s ja Würstchen und Kartoffelsalat. Und eine Einweihungsparty, die aber nie stattfindet. Trotzdem, kneifen ist keine Option. Falsche Antwort: „Ich komm später zu den Würstchen dazu.“ Richtige Antwort: „Ja, ich muss dann aber leider auch schnell wieder los.“

Später ist es dann übrigens genau umgekehrt: Partys haben zwei Jahre Vorlauf mit drei Save-the-Date-Postkarten. Aber wenn beim Nachbarn was zu schleppen ist, heißt es „Kannste mal eben?!“

Ich war kein sehr gefragter Helfer. Ich habe in meinem Leben bei etwa 17 Umzügen geholfen. Bei sechs davon war ich wirklich eine Hilfe. Drei davon waren meine eigenen. Ich find‘s so schon schwer genug, eine Treppe hochzugehen. Da nehm ich doch nicht noch eine Topfblume mit. Meine Vorstellung der Hölle: vier Stockwerke, kein Fahrstuhl, 80 Kisten.

Die große Frage lautet stets: Kette oder keine Kette? Der eifrigste Kettenverfechter ist immer ein nerdiger Cousin, der seine Socken bügelt und denkt, dass alle sterben, wenn es keine Kette gibt. Kette klappt nie. Oben steht einer mit elf Kartons und drei Lattenrosten und im Treppenhaus stehen sie rum und quatschen. Dazwischen die Anarchisten: Typen, die trotz Kette allein arbeiten, giftig beäugt vom Cousin. Wer beim Umzug Kette trägt, fährt später auch 20 Kilometer, um 3 Cent billiger zu tanken. Schönes Wochenende!

Der Umzug (II) – die Fortsetzung folgt nächste Woche an dieser Stelle.

Von Imre Grimm

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