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Die Maschine fühlt mit

Gastbeitrag von Karin Frick Die Maschine fühlt mit

Heute sind mehr Dinge als Menschen im Internet vernetzt – miteinander und mit uns. Dabei verliert Technik ihre Kälte und Kompliziertheit. Sie wird zu einem Gegenüber, das unsere Wünsche kennt.

Milliardenfache Verbindungen und billiardenfache Kombinationsmöglichkeiten machen aus dem technischen Fortschritt der intelligenten Dinge eine systemverändernde Revolution.

Quelle: iStockphoto

Berlin. Vergessen Sie den intelligenten Kühlschrank. Er taucht immer wieder dann auf, wenn jemand Ihnen Begriffe wie “Internet der Dinge“ oder “Smart Home“ erklären will. Dieser intelligente Kühlschrank erkennt selbst, ob die Milch leer oder der Joghurt verdorben ist, er schreibt Ihnen die Einkaufsliste oder kauft gleich selbst ein, und wenn Sie im Büro versprechen, selbst gebackene Kekse mitzubringen, sendet er Ihnen ein “unbedingt noch Butter einkaufen“ aufs Smartphone. Ja, okay, wir haben es verstanden – oder vielleicht doch nicht so ganz?

Was die Kühlschrankerzählung unterschlägt, ist die Sinnlichkeit der Dinge. Schauen wir uns diese bei einem anderen intelligenten Produkt an: einem BH. Der BH, den der japanische Dessousshop Ravijour designt hat, lässt sich nur öffnen, wenn sein Verschluss wahre Liebe spürt. Diese wiederum “spürt“ er mithilfe eines Sensors, der die Dopamin-Konzentration am Ort des Geschehens misst.

Gut, dieses Design war eher ein spielerischer Entwurf als ein marktreifes Produkt. Aber ersetzen Sie “BH“ durch “Gürtel“, und “Liebe“ durch “Stress“, und Sie sind bei der aktuellen Kollektion von Hussein Chalayan. Der aus Zypern stammende Londoner Modedesigner projizierte bei der Pariser Fashion Week den Stresszustand seiner Models auf eine Wand neben dem Laufsteg – berechnet aus den aktuellen Werten für Herzschlag und Atemfrequenz, die von deren Gürteln gemessen wurden, sowie der Gehirnaktivität, aufgezeichnet von Elektroden in der Sonnenbrille.

Das Internet der Dinge ist keine Zukunftsvision mehr

Wir sind es zwar noch gewohnt, Sinnlichkeit mit Lebewesen zu verbinden, aber es gibt keinen Grund, warum ein Ding, ein Produkt nicht zu sinnlichen Wahrnehmungen fähig sein sollte. Sensoren sind es, die uns Menschen etwas wahrnehmen lassen (wir nennen sie meistens “Sinne“), und Sensoren sind es, die Dinge etwas wahrnehmen lassen: Der Rauchmelder nimmt Rauch wahr, das Fitnessarmband Schritte und Pulsschläge, der GPS-Sensor erkennt, wo wir sind – und das Armaturenbrett merkt, wenn wir übermüdet am Steuer sitzen.

Sie alle bringen uns Nutzen, und viele davon sogar noch weiteren Nutzen, wenn sie nicht für sich allein arbeiten, sondern mit anderen Dingen oder der ganzen Welt verbunden sind. Das Internet der Dinge ist keine Zukunftsvision mehr, es existiert bereits. Und es wächst explosionsartig. Schon jetzt sind weitaus mehr Gegenstände als Menschen mit dem Internet verbunden. Bereits im Jahr 2020 werden weltweit über 50 Milliarden Gegenstände vernetzt sein – sechsmal mehr, als es dann Menschen auf der Welt geben wird.

Entscheidend ist die Vernetzung

Das neue Element am Internet der Dinge ist nicht das Ding an sich. Entscheidend ist nicht einmal, was und wie die Dinge fühlen, hören oder sprechen können – entscheidend ist, dass sie vernetzt sind: mit uns und mit anderen Dingen. Aus isolierten Produkten werden vernetzte Dienstleistungen. “Smart Home“, “Smart City“ oder das selbstfahrende Auto sind solche komplexen Produkte, die ohne die Vernetzung zahlreicher internetfähiger Dinge nicht möglich wären. Erst die milliardenfachen Verbindungen und die billiardenfachen Kombinations- und Rekombinationsmöglichkeiten machen aus dem technischen Fortschritt der intelligenten Dinge eine systemverändernde Revolution.

Wir sind zunehmend umgeben von menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren, die unaufhörlich kommunizieren. Der Lift bestellt den Servicetechniker. Das Hörgerät kommuniziert direkt mit der Haustür und meldet Besucher. Autos informieren einander darüber, wie es um den aktuellen Stau steht und was hinter der nächsten Kurve auf sie wartet. Menschen sprechen mit Maschinen, Maschinen mit Menschen und Maschinen mit Maschinen – und die Kommunikation mit den diversen Mensch-Maschine-Kombinationen, die sich zusätzlich entwickeln werden, kommt noch dazu. Damit verändert sich die Beziehung zwischen Menschen und Dingen: Sowohl Wertschöpfungsnetze als auch gesellschaftliche Institutionen werden total neu konfiguriert.

Vom Zauberspiegel zu den Heinzelmännchen

Nach allen Erfahrungen mit dem technischen Fortschritt der vergangenen Jahrhunderte ist damit zu rechnen, dass wir auch diese Neuerungen auf eine Art bewältigen werden, die das Leben angenehmer macht. Die Irrsinnsgeschwindigkeit der frühen Eisenbahnen, schneller als der schnellste Läufer, hat unsere Vorfahren nicht getötet, sondern die Welt kleiner gemacht (und die Städte größer). Wir haben uns daran gewöhnt, dass Autos 100 Pferde unter der Motorhaube haben, obwohl der Motor so klein ist, dass nicht einmal ein Pony hineinpasst; daran, dass alles Wissen der Welt in unserer Jackentasche steckt.

Steve Jobs hat uns den Zauberspiegel geschenkt, und das Schlaraffenland verdanken wir Adam Smith – warum sollten wir jetzt ausgerechnet an den Heinzelmännchen scheitern? Denn darauf könnte die Entwicklung des Internets der Dinge hinauslaufen: dass unsichtbare Kräfte all diejenigen Aufgaben erledigen, die die Menschen allein nicht schaffen. Der österreichische Schriftsteller Peter Glaser nennt das, was uns dort erwartet, eine “magische Sphäre“, in der die vernetzten Dinge und ihre Möglichkeiten jederzeit präsent sind, ohne selbst sichtbar zu sein. “So wie in den Disney-Filmen: Du wedelst mit deinem Zauberstab, und es funkt Sterne.“

Zur Person: Karin Frick ist Forschungsleiterin und Mitglied der Geschäftsleitung des Gottlieb-Duttweiler-Instituts. Die Ökonomin analysiert Trends und Gegentrends in Wirtschaft, Gesellschaft und Konsum.

Von Karin Frick

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