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"Wir kennen die Rastplätze der Schleuser" - Unterwegs mit Beamten der Bundespolizei

"Wir kennen die Rastplätze der Schleuser" - Unterwegs mit Beamten der Bundespolizei

Die Beamten der Fahndungsgruppe Dresden steigen an der ehemaligen Grenzstation Bad Gottleuba in ihren rollenden Arbeitsplatz. Der schwarze C-Klasse-Mercedes hat ordentlich PS unter der Haube, schafft locker 250 Stundenkilometer.

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Beamte der Bunds- und Landespolizei überprüfen bei den Kontrollen die Papiere der Einreisenden.

Quelle: Hauke Heuer

Von weitem ist die Limousine nicht als Polizeifahrzeug zu erkennen. Auch die Polizisten haben ihre Uniform gegen schwarze Pullover getauscht. Um ihre Identität zu schützen, dürfen wir ihre Namen nicht nennen.

"Dass wir heute jemanden aufgreifen, ist sehr wahrscheinlich", sagt der Fahrer der Zivilstreife und lenkt den Wagen auf die A17 in Richtung Tschechien. Andere Autos rasen vorbei. Der Beifahrer hackt Kennzeichen in einen mobilen Tablet-Computer. Innerhalb von Sekunden zeigt der Informationen zum Fahrzeughalter, wie Staatszugehörigkeit, oder vorliegende Haftbefehle und Einreiseverbote an. "Der ist negativ", sagt der Beamte mit Igelschnitt. Er meint, dass der Renault Clio, den die Polizisten im Rückspiegel gerade beobachten, nicht als gestohlen gemeldet ist. Die Suche geht weiter.

Wenige Minuten später steht der Mercedes an einer Feuerwehrauffahrt kurz hinter der Grenze. Die Fahnder nehmen vorbeifahrende Fahrzeuge ins Visier und überlegen, ob sich eine Kontrolle lohnt. Ein grüner VW-Bulli aus der Slowakei fährt auf der rechten Spur in Richtung Dresden. "Den nehmen wir. Alle anschnallen", ruft einer der Polizisten und startet den Motor. Dann geht alles ganz schnell. Es gilt, das Fahrzeug bis zur nächsten Abfahrt herauszuwinken. Der Mercedes rollt auf die Piste. Schnell ist der Bulli eingeholt. Aus der Hutablage des Mercedes fährt ein LED-Panel. "Police. Please Follow", steht darauf in roten Lettern. Die Beamten schauen konzentriert in den Rückspiegel und warten auf die Reaktion ihres Hintermannes. Der setzt brav den Blinker rechts. Auf dem Parkplatz am ehemaligen Grenzübergang Bad Gottleuba kommen beide Autos zum Stehen.

Die Fahnder gehen zum Fahrzeug. Einer sichert, der andere spricht auf Englisch mit dem Fahrer, fordert Führerschein, Reisepass und Personalausweis. "Also von mir aus ist der okay", sagt einer der beiden Beamten nach einem kurzen Blick auf die Rückbänke. Ein Abgleich mit dem zentralen Computersystem beendet die Kontrolle. Das Fahrzeug kann seinen Weg fortsetzen. "Nervös werden wir, wenn die Tür geöffnet wird. Oder die Insassen aussteigen", erklärt einer der Polizisten. Das sei zwar meist gut gemeint, aber eine Tür, die sich öffnet, könne im Zweifel auch sehr weh tun.

In der Nacht wurden zwei Albaner aufgegriffen, die versucht hatten, eine Familie aus dem Kosovo nach Deutschland einzuschleusen. Nun erhalten die Beamten den Auftrag, das zweite Fahrzeug der Schlepper-Kolonne, das sich noch im Raum Dresden aufhalten soll, ausfindig zu machen. Parkplatz für Parkplatz wird abgesucht. "Wir kennen die Stellen, an denen die Schleuser eine Pause einlegen, sehr gut", sagt einer der Zivilfahnder und schaut nach links und rechts, während der Mercedes über einen Autohof am Dresdner Elbepark rollt. Dann klingelt das Telefon - der gesuchte Wagen wurde in Köln gestoppt. Er hat also doch keine Pause eingelegt. Diesmal war die Suche umsonst.

Während wir zurück an die Grenze fahren, erklärt Polizeioberkommissar Steffen Ehrlich, der auf dem Rücksitz Platz genommen hat, das Konzept der Fahndungsgruppe Dresden. Ihr gehören 16 Beamte an, die sich auf Grenzkontrollen an der A17 spezialisiert haben. "In einem Fahrzeug", so Ehrlich, "sitzen immer jeweils ein Kollege von Bundes- und Landespolizei. Das erleichtert die operative Arbeit, etwa bei Ermittlungen neben der Autobahn - hier wäre die Bundespolizei normalerweise nicht mehr zuständig".

Die Einheit wurde 2008 ins Leben gerufen, um neuen Herausforderungen, die durch die Grenzöffnung entstanden sind, begegnen zu können. "Wir brauchen Beamte, die gezielt nach Fahrzeugen suchen, die in unser Fahndungsraster passen und dabei nicht auffallen", sagt Ehrlich und erklärt, "früher musste jedes Auto bei der Grenzüberfahrt stoppen. Diese Kontrollmöglichkeit haben wir nicht mehr. Trotzdem müssen wir Schleusern, Autoschiebern und Drogenschmugglern etwas entgegensetzen". Woran er das typische Schleuser- oder Schmugglerfahrzeug erkennt, will Ehrlich aus einsatztechnischen Gründen nicht verraten. Auffällig ist: Die Beamten kontrollieren vor allem betagte Transporter, die vom Balkan kommen, aber auch ein nagelneuer Audi A6 wird angehalten.

Die Fahndungsgruppe hat in diesen Tagen viel zu tun. Hunderte Fahrzeuge mit illegalen Einwanderern passieren täglich die Grenze. Die meisten kommen aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens insbesondere aus dem Kosovo - ungeachtet dessen, dass ihre Heimat seit vergangenem Herbst von den Deutschen Behörden als "sicheres Herkunftsland" eingestuft wird. Es besteht keine Chance, dass ein Antrag auf Asyl anerkannt wird.

Der Kosovo ist das Armenhaus Europas. Der durchschnittliche Kosovo-Albaner muss nach Angaben der Weltbank am Tag mit 1,37 Euro auskommen. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei rund 70 Prozent. In dem Land gibt es kaum Industrie, selbst landwirtschaftliche Produkte werden aus China importiert. Auch eineinhalb Jahrzehnte nach dem Konflikt auf dem Amselfeld erschüttern immer wieder ethnische Unruhen die Region. Alles gute Gründe, um das Land zu verlassen.

Nach Schätzungen serbischer und albanischer Medien packen derzeit rund 20000 bis 30000 Kosovoalbaner im Monat ihre Sachen. Die Deutsche Botschaft im Kosovo spricht von einem "Massenexodus". Sollte sich diese Entwicklung fortsetzen, hätte Ende des Jahres ein Sechstel der Bevölkerung das Weite gesucht. Zu Tausenden besteigen die Menschen in der Hauptstadt Pristina Reisebusse, fahren bis in die Grenzstadt Subotica und überqueren die grüne serbisch-ungarische Grenze. Dann geht es über die Autobahn weiter nach Deutschland oder Österreich - mit Hilfe von Schleppern, die mehrere Hundert Euro pro Tour kassieren.

Mehr als die Hälfte der Armutsflüchtlinge landet in der Bundesrepublik. Nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge haben von Mitte Dezember bis Mitte Februar rund 30000 Personen aus dem Kosovo einen Asylantrag gestellt. Sechsmal mehr als im Vorjahreszeitraum. Wie viele sich illegal und ohne Kenntnis der Behörden in Deutschland aufhalten, kann niemand sagen.

Joachim Haack, Leiter der Bundespolizei Bad Gottleuba-Berggießhübel, bemerkt seit Monaten einen Anstieg der illegalen Einwanderung aus den Balkanländern. "Wir haben es teils mit gut organisierten Schlepperbanden unterschiedlicher Größe zu tun. Wie viele Personen tatsächlich illegal die Grenze überschreiten, können wir allerdings nicht mit Sicherheit benennen", sagt der Polizeioberrat. Er will keine Schätzungen über die Dunkelziffer der Fahrzeuge abgeben, die die Grenze unbemerkt passieren. Wenn man davon ausgeht, dass nur ein Viertel der Kosovo-Albaner, die das Land verlassen, die Grenze auf der A17 bei Bad-Gottleuba überqueren, kommt man auf rund 250 illegale Grenzübertritte am Tag - wahrscheinlich sind es mehr.

Die Beamten der Fahndungsgruppe machen schlussendlich doch noch einen Fang. Nach der Kontrolle eines Euroliners muss ein Tscheche seine Reise frühzeitig beenden. Gegen ihn liegt ein Haftbefehl vor. Wegen eines Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz wurde er in Deutschland zur einer Geldstrafe von 900 Euro verurteilt. Der Mann hat nicht bezahlt. Deshalb muss er jetzt ins Gefängnis.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.02.2015

Hauke Heuer

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