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Umland Wilder Kopf, Westkante: Der Meilenstein
Region Umland Wilder Kopf, Westkante: Der Meilenstein
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00:01 09.05.2018
Die Westkante am „Wilden Kopf“ gilt bis heute als anspruchsvolle Herausforderung für Kletterer. Quelle: Mike Jäger
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Sächsische Schweiz

Frühjahr 1918: Der Erste Weltkrieg ist noch voll im Gange, in Flandern beschießen sich deutsche und alliierte Truppen mit Gasgranaten, während im Osten schon der Friedensvertrag von Brest-Litowsk geschlossen ist. An die neun Millionen Menschen haben ihre Leben verloren und die beginnende Welle der Spanischen Grippe wird im kommenden Winter weitere 20 Millionen Menschen töten. Max Planck hat soeben den Nobelpreis für Physik verliehen bekommen, Enrico Caruso feiert rauschende Erfolge an der Metropolitan Opera und in dem Dorf Mvezo in Südafrika wird in wenigen Wochen ein kleines Baby namens Rolihlahla Mandela geboren – bei seiner Einschulung wird er den Namen Nelson bekommen.

Der April war wechselhaft und hatte sogar noch einmal kurzzeitig Schnee und Frost gebracht, aber mit der ersten Maiwoche wurde es sonnig und warm. Am 9. Mai, einem Donnerstag, standen drei Männer unter dem Felsen „Wilder Kopf“: Emanuel Strubich, Arno Sieber und Kurt Eisold. Wussten sie, dass sie die Tür aufstoßen werden zu einem neuen Schwierigkeitsgrad? Wussten sie überhaupt, was sie erwartet?

Heute sieht die Welt anders aus, und wer heute unter diesem Weg steht, der weiß, was ihn erwartet. Im Kletterführer steht die nackte Zahl VIIIa. Bergsteiger wissen, was dieser Grad bedeutet. Die meisten haben schon Dutzende Wege in dieser Schwierigkeit bewältigt, bevor sie sich an die Westkante wagen. Man hat gute Tipps von Freunden bekommen, die einschlägigen Internetforen befragt und ist mit ausreichend Material behängt, um jede Sicherung doppelt und dreifach einzuhängen. Und dennoch: Ein gewisser Respekt bleibt – zu Recht!

Es fängt schon an mit dem Riss zur Terrasse: Wer macht den heute überhaupt noch? Der wunderschöne, aber anspruchsvolle Direkteinstieg von Herbert Richter bekommt wahrscheinlich mehr Begehungen und die leichte Einquerung von rechts auf das Band am Beginn der eigentlichen Hauptschwierigkeiten sicher noch mehr. Dass die Alten (die damals jung waren) solche Risse völlig ungerührt sicherungsfrei hochstiegen, kann man ja an vielen Erstbegehungen aus dieser Zeit sehen. Aber für so einige heutige Aspiranten kann das schon gleich die erste Schlüsselstelle werden.

Auf dem Band angekommen, fängt für den modernen Sportkletterer das vertrautere Gelände an. Aber um Himmelswillen: Was hat sich damals der Strubich dabei gedacht?! Blickt man nach oben, sieht man nur eine haltlose, dunkelgraue Steilwand mit spärlichen Knorpeln bestückt. Erst 15 Meter über dem Band verheißt ein abstehender Felszacken Sicherungsmöglichkeiten (zumindest mit dem Schlingenmaterial von damals). Das ist Gelände, das nach den 50er-Jahren und Harry Rost oder Karlheinz Gonda aussieht, aber nicht nach 1918. Wer sich damals einfach ein Seil um den Bauch gebunden hat, um in diese Wand einzusteigen, muss weit über den Dingen oder völlig neben sich gestanden haben.

Die Reibungskante weiter oben, die wohl die schwersten Einzelstellen bietet, das ist schon eher Gelände, in dem man sich die Kletterer der 20er Jahre barfuß mit Hanfseil vorstellen kann. Und wenn man einmal an die Kante gequert ist – sei es früher von dem Zacken oder heute von dem daneben steckenden Ring –, bleibt einem ohnehin nichts anderes übrig, als sich irgendwann zu den zwei, drei Aufrichtern durchzuringen, bevor die Sonne untergeht. Ob der 31-jährige Strubich damals mit seinem Leben schon abgeschlossen hatte, als er diese Züge sechs, sieben Meter links oberhalb des abgebundenen Zackens machte oder ob er sich seiner Sache so sicher war, wir werden es nie erfahren.

Wenn man bedenkt, dass nur 20 Jahre vorher der Alte Weg am Bösen Turm noch als das Nonplusultra des Felskletterns beschrieben wurde und noch 50 Jahre später der sechste Grad in den Alpen als Grenze des Menschenmöglichen galt, so kann man erahnen, was die Westkante am Wilden Kopf für einen Meilenstein darstellt. Aber Strubich fand schon bald danach neue Ziele: Die Alpen hatten es ihm angetan und in den Jahren 1920 und 1921 stattete er der Silvretta-Gruppe, dem Verwall, dem Rätikon und den Ötztaler Alpen mehrere Besuche ab. Viele der Wege, die er damals größtenteils im Alleingang erstbeging, dürften bis heute nur eine Hand voll Wiederholer gesehen haben – für die Alpinisten zu schwer und für die Kletterer zu alpin...

Am 7. Februar 1922 stürzte Emanuel Strubich in den Ötztaler Alpen tödlich ab. Auf seinem Grabmal im Pitztal stehen die Worte: „Das Leben ist die Fülle, nicht die Zeit“.

Von Helge Kramberger

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