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Wie wird man 104 Jahre alt?

Ilse Geißler aus Radeberg über das Geheimnis eines langen Lebens Wie wird man 104 Jahre alt?

Geboren wurde Ilse Geißler noch als Untertanin Kaiser Wilhelms. Einige Reiche und Republiken später blickt die Radebergerin nun auf 104 Jahre Leben zurück. Auf Kriege, Arbeit, Glück und all den Aufwand, den Tagen auch Sinn und Freude zu geben. Und sie verrät, was sie so lange so fit gehalten hat.

Ilse Geißler hat die meiste Zeit ihres 104-jährigen Lebens in Radeberg verbracht und bis vor zwei Jahren noch allein in ihrer Wohnung in der Juri-Gagarin-Straße gewohnt. Sie hält sich mit Bewegung fit und nimmt die Dinge, wie sie kommen.

Quelle: Anja Schneider

Radeberg. Ohne diese Frage geht es nicht. Ilse Geißler ist schon 104, und so jemand muss es wissen. Also los: „Was ist das Geheimnis eines langen Lebens?“ Die kleine Frau überlegt ganz kurz: „Immer in Bewegung bleiben“, sagt sie schließlich und nippt genüsslich am Kaffee.

Klar, es gibt spektakulärere Antworten. Zum Beispiel die von Grace Jones, einer 1906 geborenen Britin, die zu den zehn ältesten Menschen auf ihrer Insel gehört und „Seit 60 Jahren jeden Abend ein Glas Whisky trinken“ als Mittel der Wahl angab. Oder die der Italienerin Emma Morano (1899 bis April 2017), die empfahl: „Jeden Tag zwei rohe Eier und etwas rohes Hackfleisch essen. Wenig Gemüse und Obst“. Auch die 1899 geborene und 2016 gestorbene US-Amerikanerin Susannah Mushatt Jones ließ aufhorchen, als sie ihr Elixier verriet: „Sich nie zu alt fühlen für Spitzenunterwäsche“.

Hantelnstemmen zweimal die Woche

Exzentrik dieser Art treibt der Radebergerin Ilse Geißler, geborene Pinkert, ein feines Lächeln ins Gesicht, obwohl sie für Mode mindestens ebenso viel übrig hat wie zum Beispiel für gutes Essen. Doch sie macht um ihre 104 nicht so ein Gewese. Sie ist halt gern unterwegs, sitzt oft mit zwei freundlichen Herren von ihrer Etage im Alten- und Pflegeheim Radeberg draußen auf der Bank, plaudert mit ihnen über Gott und die Welt und trinkt gemeinsam mit ihnen Kaffee. Sie schläft viel, liest Bücher und täglich die Zeitung. Sie freut sich, wenn es ihr und denen, die ihr wichtig sind, gut geht. Und vielleicht besteht ihr Geheimnis einfach darin, zu können, was sie kann: schwelgen, genießen, Interesse am anderen und am Drumherum haben, sich den Tag so schön wie möglich einrichten.

Hanteln stemmt sie zweimal die Woche, immer montags und freitags – natürlich in der Light-Variante für Betagte. Nicht wegen der Muckis, aus dem Alter ist sie raus. Aber sie will, so lange es geht, möglichst viele Dinge selber tun können. Manchmal fragt sie sich: Was soll werden?“. Dann wünscht sie sich, dass es mal schnell geht: „Aufs Krankenlager würde ich nicht gerne kommen“.

Die Menschen in ihrem Alter kommen ihr meist alt vor. Aber was heißt schon „in ihrem Alter“: „Wenn andere jammern, was ihnen mit 80 oder 90 so wehtut, muss ich schon mal kichern“, sagt Ilse Geißler und schmückt fröhlich aus, wie schnell das Gespräch die Richtung ändert, wenn sie kundtut, wann sie geboren wurde.

Wandern war sie früher immer. Und lange. Was würde sie dafür geben, sofort ins angrenzende Hüttertal aufbrechen zu können! Wäre da nicht dieser Rollator. Die Laufhilfe hält Ilse Geißler zwar für eine prima Erfindung, denn mit ihr hat sie nach einem Sturz vor zwei Jahren das Gehen neu gelernt. Aber für Waldspaziergänge taugt sie leider so gar nicht.

Immerhin: Sie kann wieder gehen. Das war nach dem Sturz damals nicht ausgemacht. Sie saß im Rollstuhl und musste im Alter von 102 ihre Wohnung in der Juri-Gagarin-Straße aufgeben. Die hatte sie viele Jahre zuvor von ihrem Sohn Wolfgang übernommen und hätte gern dort weiter gewohnt. Doch erst im Pflegeheim hat sie sich wieder aufgerappelt und die Beine in Bewegung gebracht.

Haus für fünf Generationen

Ehe Wolfgang damals mit seiner Frau wegzog, kümmerte er sich 1995 noch um den Verkauf des familieneigenen Anwesens an der Pulsnitzer Straße 4. Das war zuvor über fünf Generationen hinweg der Lebensmittelpunkt der Familie Pinkert. Ilses Großvater hatte dort schon ein Fuhrunternehmen betrieben und zum Wohnhaus auch Lagerhäuser und Ställe gebaut. Noch Ilses Enkelin Ulla, inzwischen 58 Jahre alt, verbrachte dort sechs Jahre ihrer Kindheit. Heute steht davon nichts mehr.

Der Umzug ins Heim war für Ilse eine riesige Umstellung. Doch sie macht das beste draus. Wird ja auch einiges geboten: seniorengerechtes Muskeltraining, Kegeln, Tanzen. Und natürlich der Schwatz beim Stammtisch auf der Etage und draußen auf der Bank. Zu reden gibt es viel, wenn man 1913 als Untertanin des letzten deutschen Kaisers geboren wurde und danach als Staatsbürgerin ein weiteres Reich und mehrere Republiken erlebte. Auch wenn die vorletzte, die deutsche demokratische, nur so tat, als wäre sie eine.

Dabei hätte Ilse die Wahl gehabt, damals im zweiten großen Krieg, denn sie war Mitte der 1930er Jahre mit ihrem Mann Erich von Radeberg nach Rheinhessen gezogen. Erich, Jahrgang 1908, groß und stattlich, war gelernter Kaufmann und spielte im Orchester vom Sportverein Geige. Als sich die beiden beim Tanzen im Gasthof Lotzdorf kennenlernten, war Ilse 20 und Erich auf Jobsuche. Als er nahe Stolpen Arbeit bekam und in die Verwaltung aufrückte, bot man den jungen Leuten an, nach Rheinhessen zu gehen. Der Umzug würde bezahlt, wenn sie vier Monate verheiratet sind. 1937 heirateten sie und zogen um.

Zeit heilt keine Wunden

In Offstein in der Nähe von Worms kam im März 1938 erst Sohn Wolfgang zur Welt, im Januar 1940 folgte Tochter Sigrid. Da war Erich schon an der Westfront. „1939 haben sie die Männer aus den Betten geholt und eingezogen“, erinnert sich Ilse Geißler. Erich blieb wenig erspart: Von der Westfront ging’s über Polen nach Russland, dann nach Frankreich, zuletzt in die Normandie. Seit der Schlacht um Cherbourg im Juni 1944 galt ihr Mann als vermisst. „In Sainte Mère Église ist er geblieben“, sagt die alte Dame bewegt. Und mal wieder scheint die Zeit als Wundenheiler zu versagen, denn von den mehr als 70 Jahren, die doch seither vergangen sind, ist plötzlich kaum noch eins da. Ganz nah ist der Verlust:„Dort war der Himmel schwarz vor Flugzeugen, die Erde umgeackert“ – das hat sie sich von Erichs Kameraden erzählen lassen, damals, als der Krieg sich anschickte, nach Deutschland zurückzukehren.

Asche über Radeberg

Auch Ilse, nun Witwe, kehrte zurück. Sie wollte wieder nach Sachsen. Im Herbst 1944 schmuggelte sie sich und ihre zwei Kinder in einen Zug voller Soldaten, der nach Dresden fuhr. „Als wir dort ankamen, war es so voll, dass ich zum Fenster raus musste. Die Kinder wurden mir nachgereicht“. Sie kam heim ins elterliche Haus nach Radeberg, wo Vater Ernst Emil Pinkert (Jahrgang 1877) und Mutter Alma (Jahrgang 1883) noch immer recht und schlecht ihr Fuhrunternehmen und den Kohlehandel betrieben. Im Haus der Familie bezog Ilse mit ihren Kindern die frei gewordenen oberen Räume. Doch sie hatte ihre Trauer nicht an einen vielversprechenden Ort gebracht. „Es gab oft Tieffliegerangriffe, wir haben die Bomben auf Dresden fallen sehen. Nach dem Feuersturm hat es über Radeberg Asche geregnet.“

Die Lebensmittel wurden knapp und knapper, die Fabriken waren alle geschlossen, viele Nachbarn hatten sich mit Sack und Pack davongemacht. „Um eine Flasche Milch zu bekommen, bin ich weit über Land gelaufen, musste vor den Häusern der Bauern warten, bis jemand aufschloss. Viele haben sich aber anständig verhalten“, erinnert sich Ilse Geißler.

Zurück ins alte Leben

Vater Emil hatte noch immer seine schweren Pferde, mit denen er nach Kriegsende allmählich wieder begann, die dringend benötigte Kohle breit zu fahren. Die kam am Güterbahnhof in Waggons an. „Über 100 Zentner mussten da binnen vier Stunden abgeladen werden“, begründet Ilse, warum oft die ganze Familie mit ran musste. So stolperte die junge Mutter und junge Witwe zwischen der deutschen Kapitulation und der deutschen Teilung in ihr altes Leben zurück.

Das hatte am 30. April 1913 in eben jenem Haus in der Pulsnitzer Straße 4 begonnen, in dem sie nun wieder wohnte. Vater Emil hatte hier das Fuhrgeschäft von seinem Vater übernommen und rettete es mitsamt dem Holz- und Kohlehandel durch die folgenden Kriege und Krisen. Immerhin: Er war Geschäftsmann, das Haus hatte Wasser und manchmal Strom, fürs Licht musste aber oft genug noch die Petroleumlampe sorgen.

Mutter Alma hielt was drauf, dass Ilse so wie ihre große Schwester Käthe und der kleine Bruder Heinz Klavier spielen lernte. „Ich hab gerne gespielt“, entsinnt sie sich, „auch vierhändig mit meiner Schwester. Nur später dann nicht mehr so oft. Da hat man dann ja Radio gehört.“ Das Klavier war auch zu Weihnachten unentbehrlich. „Wenn die Spieldose erklang – wir hatten dafür viele Platten – , durften wir Kinder raus zur Bescherung unterm Christbaum. Dann wurde ein Ständchen auf dem Klavier gespielt und dann durften wir die Geschenke auspacken“.

Familie Pinkert und der Leipziger Zoo

Ilse ging auf die Radeberger Mädchenschule. Nach den üblichen acht Klassen gab es im Keller der Schule noch drei Jahre Fortbildung obendrauf: Kochen und Hauswirtschaft. „Ich war gut bei Handarbeiten“, sagt Ilse, deshalb schickte die Mutter sie auch noch zu einem Weißnähkurs und dann – 1929 – für ein praktisches Jahr zur Großtante Emmi Fichtner nach Leipzig. Emmi war verwandt mit Ernst Pinkert, dem Begründer des Leipziger Zoos. Praktisch für Ilse, denn sie bekam eine Dauerkarte. Die nutzte sie weidlich. Für den Ausbau des Tierparks hat sie kein Lob übrig: „Früher hat mir der Zoo viel besser gefallen. Alles war übersichtlicher, die Tiere waren enger beisammen, die Löwen und Tiger hat man in ihren Käfigen immer gut gesehen. Heute muss man da ja Glück haben, weil sie sich verstecken können. Und oft sind die Tiere weit weg“.

Die Zeit in Leipzig fiel zusammen mit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise. Ilse ging nach Hause zurück, half beim Kohlehandel und nähte nebenbei. Die galoppierende Geldentwertung hat sie noch genau in Erinnerung: „Das ging ja bis in die Billionen. Wenn man mittags ein Brot kaufte, war das nachmittags schon teurer. Manchmal kamen Handelsleute aus dem Erzgebirge und haben gerufen ‚Kaufen Sie, das ist heute mehr wert als Gold’. Und wenn sie was an den Mann gebracht haben, sind sie rasch losgegangen, um im Laden was einzukaufen.“

Über ihre Zeit in Rheinhessen mit ihrem Mann Erich erzählt Ilse Geißler wenig – Not jedenfalls musste sie nicht leiden, selbst als der Krieg ausbrach und Erich eingezogen wurde, kam sie mit den Kindern noch gut hin. Doch als sie 1944 als Witwe nach Radeberg zurückkehrte, war mit dem Krieg auch der Mangel wieder da. Und der blieb, als der Krieg längst vorbei war. „Wir haben viel Roggenmehlsuppe gegessen. Da wurde ein bisschen Brot reingebrockt und, wenn man hatte, etwas Milch , manchmal sogar Butter. Damit musste man lange reichen“, beschreibt Ilse die oft frugalen Mahlzeiten jener Jahre.

Nähen und schippen

Da man noch lange Zeit nichts zu kaufen bekam, musste sie kreativ werden. „Aus alt mach neu“, war damals ihre Devise, als sie ihre Kinder einkleidete. Eine Nachbarin witterte prompt ein gutes Geschäft: „Du nähst so schön, ich bring Dir mal jemanden mit.“

So wurde Ilse Geißler Näherin. „Ich traute mich nicht, viel zu verlangen“, erzählt sie über die Jahre, in der sie unter der Hand nähte. Das tat sie oft nachts im Schein der Petroleumlampe, denn Strom gab es nicht durchweg. Tags musste sie helfen beim Kohleschippen, die Hände wurden rau – schlecht fürs Nähen. „Ich hab immerhin drei Brautkleider gemacht“, berichtet Ilse stolz.

Doch es war ein hartes Brot. Wenn sie nachts nicht nähte, klebte sie mit den Kindern die Bezugsmarken auf. Hintergrund: Kohle wurde den DDR-Bürgern lange zugeteilt. Auf speziell ausgereichten Kohlenkarten war vermerkt, wieviele Mitglieder zur Familie gehörten und wieviel Brennstoff man zum Vorzugspreis kaufen konnte. Als Ilses Vater Emil 1953 gestorben war, führte Mutter Alma das Geschäft noch ein Jahr weiter. Mit 72 hörte sie auf. Auch Alma lebte lange – sie starb mit 92 Jahren.

Ilses Schwester Käthe hatte Radeberg nie verlassen. Sie wohnte in all der Zeit gleich über die Straße und hatte in ein Elektrogeschäft eingeheiratet. Heinz, der Bruder der Mädchen, war später aus französischer Gefangenschaft in den Westen entlassen worden und dort geblieben. Was der geschwisterlichen Nähe wenig Abbruch tat, wie Ilse verriet: „Wir waren immer eng“.

Ilses Nähkünste blieben in den Nachkriegsjahren gefragt, brachten aber wenig ein und setzten ihr neben dem Kohleschaufeln und Säckeschleppen ganz schön zu. Schließlich baute sich irgendwann ihr Sohn Wolfgang vor ihr auf und erklärte kategorisch: „Ich löse Dich nicht aus, wenn Du wegen Schwarzarbeit mal Strafe zahlen musst“. Unmittelbare Folge war ein Teilzeit-Job bei „Wäsche-Schneider“, der aber keine 500 Mark einspielte.

„Ich dachte, ich muss mehr verdienen“, begründet Ilse, warum sie schließlich 1959 beim VEB Robotron-Elektronik Radeberg (Rafena) anheuerte und dort bis fast zu ihrem 70. Geburtstag im Jahr 1983 in verschiedenen Abteilungen arbeitete. „Sehr viel mehr Geld hab ich da auch nicht bekommen, aber die Arbeit hat mir Spaß gemacht. Die Kollegen hatten mich Charlotte getauft, ich weiß gar nicht mehr genau, wie es dazu kam.“ Das Beste: „Noch heute kommen sie mich regelmäßig besuchen“, sagt Ilse Geißler froh und präsentiert eine Laudatio, die ihr die Kollegen zum 100. gereimt hatten. Auch zum 104. Geburtstag waren – 34 Jahre nach dem Renteneintritt – ein paar alte Weggefährten da und haben gratuliert. „Ist das nicht herrlich?“.

Zu guter Letzt

Keine Frage, das ist herrlich! Ilse Geißler, die zu Kaiser Wilhelms Zeiten geboren wurde, zwei Weltkriege überlebte und mit dem Euro das seitdem sechste offizielle Zahlungsmittel in den Händen hält, die trotz schwerer Arbeit nie viel besaß und bis auf ein paar Busreisen nach der Wende wenig von der Welt gesehen hat, die nie ein Flugzeug bestieg, nie ein Auto, aber immer ein Fahrrad hatte, die ihre freie Zeit füllte mit Wanderungen, Spaziergängen, Ausflügen ins Schwimmbad und ins Kino, die sich weder für Politik noch fürs Fernsehen sonderlich interessiert, die Kinder großgezogen, Enkel und Urenkel hat, die Freundschaften pflegt und gute Dinge zu schätzen weiß – diese kleine, feine Frau schaut auf ihre 104 Jahre Leben und sagt: „Ach ja, im Großen und Ganzen bin ich zufrieden“.

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Wie man 104 wird? Ganz einfach: Immer in Bewegung bleiben. Ilse Geißler aus Radeberg hat das in ihrem bislang 104-jährigen Leben getan.

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Von Barbara Stock

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