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Umland Unter Druck: Edelstahlwerk Freital rüstet sich für die Folgen der US-Strafzölle
Region Umland Unter Druck: Edelstahlwerk Freital rüstet sich für die Folgen der US-Strafzölle
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12:33 05.08.2018
Geschäftsführer Sönke Winterhager rüstet sein Edelstahlwerk für den Ernstfall. Quelle: Dietrich Flechtner
Freital

Momentan ruhen die Maschinen im Freitaler BGH Edelstahlwerk. Der Betrieb pausiert, die Anlagen werden turnusmäßig gewartet. „Ab kommender Woche wird aber wieder geschmolzen“, erklärt BGH-Geschäftsführer Sönke Winterhager und führt durch das Hochregallager des Großbetriebs. Winterhager wirkt entspannt in Anbetracht der Lage. Schließlich bekommt sein Edelstahlwerk seit zwei Monaten die Folgen der Strafzölle zu spüren, die US-Präsident Donald Trump auf Stahl aus der Europäischen Union verhängt hat.

„Wir sind betroffen“

„Man braucht sich nichts vorzumachen: Wir sind von den Zöllen betroffen. Uns bleibt nichts anders übrig, als unseren amerikanischen Kunden die Strafgebühr in Rechnung zu stellen“, sagt Winterhager. Seit 1993 betreibt das Stahlunternehmen Boschgotthardshütte (BGH) in Freital seinen Produktionsstandort. Das Werksgelände erstreckt sich auf über 200 Hektar zwischen den Stadtteilen Deuben und Hainsberg. Rund 700 Mitarbeiter arbeiten im Werk. Sie kommen aus dem Freitaler Umfeld, aus dem Osterzgebirge oder aus Dresden.

Die Arbeiter schmelzen Stahlschrott ein, gießen und walzen das Material. Das Metall wird im Werk unter anderem zu Stahldraht und Stabstahl verarbeitet. Die Stahlerzeugnisse kommen etwa bei der Medizintechnik und bei der Herstellung von Bauteilen für die Öl- und Gasgewinnung zum Einsatz.

Zölle auf fast 100 Prozent der Produkte

Die Stähle aus Freital werden seit Jahren auch in die Vereinigten Staaten geliefert, einem der wichtigsten Handelspartner des BGH Edelstahlwerks. Immerhin verfügt die BGH Gruppe auch über eine amerikanische Vertriebsmannschaft und ein Lager im US-Bundesstaat Ohio. Die gesamte Firmengruppe hat im vergangenen Jahr rund 200 000 Tonnen Edelstahlprodukte hergestellt, davon sind rund 20 000 Tonnen auf dem amerikanischen Markt gelandet.

Nahezu 100 Prozent der in Freital gefertigten Stahlprodukte, die in die USA exportiert werden, sind nun mit Strafabgaben belegt. Der Einfuhrzoll beträgt satte 25 Prozent des Produktpreises. „Mit den Zöllen will Trump politischen Druck auf die EU ausüben und den Industriezweigen in seinem Land Vorteile verschaffen“, so Winterhager. „Doch der Plan, mit den Zöllen die eigene Wirtschaft zu stärken, geht nur bei einfachen Stahlgütern auf.“ Viele Produkte des Freitaler Edelstahlwerks sind nämlich derart komplex, dass es in den USA kaum Anlagen und Kapazitäten gibt, um sie selbst herzustellen. So werden die amerikanischen Kunden auch weiterhin auf Spezialstähle von europäischen Lieferanten angewiesen sein, so der Aufsichtsratschef.

Preisdruck durch indirekte Folgen

Winterhager erwartet nur eine geringe Abschwächung des Geschäfts durch die US-Zölle. Vielmehr bereiten dem 49-Jährigen die indirekten Folgen der Zölle Kopfzerbrechen. Denn einfachere Stähle aus Drittländern drücken nun auf den Europäischen Markt, statt in die USA exportiert zu werden. Laut einer Prognose der Amtlichen Außenhandelsstatistik vom Anfang des Jahres werden 2018 fast fünf Millionen Tonnen mehr Stahl in die EU importiert als noch 2017. Innerhalb der Europäischen Union, so Winterhager, sei daher ein deutlicher Preisdruck zu erwarten, der sich auf höherwertige Güten ausweiten werde. Die Firmen seien dann gezwungen, ihre Verkaufspreise zu senken, um weiterhin im Geschäft zu bleiben.

Deshalb wünscht Winterhager, dass die EU zeitnah Schutzmaßnahmen umgesetzt, um die massenhafte Einfuhr von Stahl in die EU zu unterbinden. „Denn freier und fairer Handel ist von sehr hoher Bedeutung für die betroffenen Unternehmen“, so der BGH-Geschäftsführer.

Doch bis es soweit ist, steht das Freitaler Stahlwerk weiter unter Druck. Auch die von der US-Regierung angedrohten Zölle auf deutsche Autos würden das BGH Edelstahlwerk in Freital teuer zu stehen kommen. Schließlich stellt das Freitaler Unternehmen Materialien für Einspritzdüsen, Turboladerwellen und Motorventile her. „Wir müssen jetzt mehr denn je das Ohr am Markt haben, die Produktströme und Ausweichprozesse verfolgen. Ebenso ist es unsere Aufgabe, nach alternativen Märkten zu suchen, um die Exportmengen auszubauen“, sagt Winterhager. Kanada und Mexiko stehen ganz oben auf seiner Liste, zumal Ware aus beiden Staaten schnell und zollfrei auf den US-Markt gelangen kann.

Erweitern statt abbauen

Angst um ihre Stelle müssen die Mitarbeiter des Edelstahlwerks trotz einer drohenden Stahlkrise nicht haben, versichert Winterhager. Er hat einen Plan: Statt Personal abzubauen, will der Unternehmer die Produktion weiter ankurbeln. „Zur Zeit sind etwa 3 000 Tonnen der US-Exporte unserer BGH Gruppe nicht von Strafzöllen betroffen. Wir wollen diese Zahl zunächst auf 10 000 Tonnen steigern, indem wir bestimmte, vom Zoll befreite Produkte forcieren. Künftig wollen wir auch auf effektivere Prozesse setzen und unsere Produktion erweitern“, sagt Winterhager. Der BGH-Chef will beispielsweise in modernere Schmelz- und Umformtechnologien sowie in neue Bearbeitungsmaschinen investieren. „Zudem müssen wir Antworten auf die Frage finden, wie wir unsere Stahlproduktion noch kostengünstiger gestalten können.“

Winterhager rüstet sein Werk für den Ernstfall. Doch der Firmenchef vermutet, dass der Spuk bald wieder vorbei sein könnte und der Markt sich beruhigt: „Bestimmt werden die Zölle mittelfristig wieder abgeschafft. Die Vergangenheit hat schließlich gezeigt, dass Strafzölle nur einen kurzfristigen Effekt haben, langfristig jedoch viel Schaden bei allen Beteiligten verursachen. Sollten die Strafzölle in zwei Jahren immer noch bestehen, werden wir uns durch entsprechende Marktausrichtung weitere Exportanteile zurückerobern“, erklärt Winterhager – und gibt sich zuversichtlich wie kämpferisch.

Von Junes Semmoudi

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