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Umland Schloss Weesenstein als Kunstversteck
Region Umland Schloss Weesenstein als Kunstversteck
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16:07 19.03.2018
In dem einstigen Bahnunnel bei Dohma wurden während des Zweiten Weltkrieges zahlreiche Gemälde der Gemäldegalerie versteckt – so auch die Sixtinische Madonna.
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Weesenstein

Moosbewachsene Steine, überwucherter Fels und ein Damm weisen nach mehr als 70 Jahren den Weg zu einem prominenten historischen Schauplatz in der Sächsischen Schweiz. Er endet in einer Schlucht. Ein gemauerter Steinkranz zeugt noch vom einstigen Eisenbahntunnel, durch den sich einst Güterzüge im Lohmgrund schlängelten. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs war es das „sichere Versteck“ für eines der wertvollsten Kunstwerke der Dresdner Gemäldegalerie: die „Sixtinische Madonna“ von Raffael.

Die beide Kuratoren Birgit Finger und Alexander Hänel stehen vor dem Schloss Weesenstein. Quelle: Monika Skolimowska, dpa

Die Ausstellung „Bombensicher!“ auf Schloss Weesenstein im Müglitztal beleuchtet ab kommenden Sonnabend an erstmals umfassend dieses spannende Kapitel der Kunstgeschichte. Für ein halbes Jahr wird das einst königliche Domizil als eines der Orte erlebbar, in denen Sachsens Kunstschätze vor der nahenden Front in Sicherheit gebracht worden waren. „Es war eines der größten Auslagerungsdepots und voll mit Kunstwerken – vom Keller bis zum Dachboden“, sagt Kuratorin Birgit Finger.

„Mit den Auslagerungen wurde 1942/1943 begonnen“, berichtet sie weiter. Über Wochen reisten Experten damals durchs Land, auf der Suche nach geeigneten Orten, wo die Kunstwerke sicher vor Zerstörung sein würden. Weesenstein war neben der Festung Königstein und der Albrechtsburg Meißen eines der Hauptdepots. Allein für die Dresdner Kunstschätze gab es mehr als 40 solcher Domizile, sagt Thomas Rudert von der Forschungsabteilung der Staatlichen Kunstsammlungen (SKD). In die Schlosssäle wurden feuerfeste Fußböden eingezogen, Heizöfen installiert, Holz eingelagert, Zisternen und sogar eine Wasserleitung gebaut.

Wegen der vier Meter dicken Burgmauern aus dem 13. Jahrhundert galt das leicht zu bewachende Weesenstein als nahezu „bombensicher“, wie Mitkurator Alexander Hänel erklärt. In dem relativ stabilen Klima überstanden Gemälde wie Rembrandts „Saskia mit der roten Blume“, Poussins „Reich der Flora“ oder Tizians „Zinsgroschen“ unbeschadet das Kriegsende hinter dem weißen Stein, wie der Glimmerschiefer im Fundament genannt wird. Dazu kamen das gesamte Kupferstich-Kabinett, Meißner Porzellan, große Teile des Mathematisch-Physikalischen Salons und kostbare Handschriften der Landesbibliothek wie der Maya-Codex.

Auch private Sammler aus Dresden hatten Kunstschätze im Müglitztal eingelagert. „Die sind komplett verloren“, sagt SKD-Forscher Rudert. Dazu zählten Stücke aus der Sammlung von Will Grohmann oder laut Kuratorin Finger von Hildebrandt Gurlitt. Auch die über 900 Kisten des Museums für Vorgeschichte sowie die Schmetterlings-, Käfer-. Zikaden-, Vogel- und Säugetiersammlung des Naturalienkabinetts fielen den Trophäenbrigaden und -kommissionen der Sowjetarmee 1945 in die Hände. „Die Russen haben alles mitgenommen, das waren Profis“, sagt Rudert. Sie hätten nach Listen eingepackt.

Zeitzeugin Brigitte Mumme war gerade zehn Jahre alt, als sie kleinere Bücher zum Abtransport stapeln durfte. Quelle: Monika Skolimowska, dpa

Zeitzeugenberichte von Menschen, die damals als Kinder auf dem Schloss lebten, illustrieren das damalige Geschehen in der Schau. „Wo ist die Sixtina? Wo ist die Sixtina?“, habe der Offizier immer wieder gerufen, erinnert sich Brigitte Mumme. „Wir wussten nicht, was hier war.“ Sie war gerade zehn Jahre alt, als sie kleinere Bücher zum Abtransport stapeln durfte.

„Es hat höchstens zwei Wochen gedauert, bis alles weg war“, sagt die heute 82-Jährige, die auf dem Schloss geblieben ist. Auch das Versteck der „Sixtina“ fanden die Soldaten. Sie wurde wie die meisten 1945 gen Osten verbrachten Dresdner Kunstschätze zwischen 1955 bis 1958 von der Sowjetunion zurückgegeben.

Von der Auslagerung in Weesenstein gibt es kaum Fotos und Dokumente und auch keine vollständigen Listen. „Es war ja geheim, dass die Schätze hier sind“, erklärt Hänel. Einige Objekte kommen nun auf Zeit zurück. „Es ist eine Kistenausstellung“, sagt Finger. Die Holzkisten erinnerten an die ursprüngliche Verpackung der Kunstwerke für Transport und Lagerung. „Damit wird die Atmosphäre von damals wieder ins Schloss geholt und die Gefahr für die Kunst im Krieg erlebbar“, so Finger.

„Bombensicher!“ blendet dabei nicht aus, dass Deutschland zuvor Kunst geraubt hatte. So gehörten Werke des „Sonderauftrags Linz“ und die Registratur des geplanten „Führermuseums“ von Adolf Hitler zu den ausgelagerten Objekten. Dresdner Galeriedirektoren hatten als Sonderbeauftragte 1939 bis 1945 dafür tausende Kunstwerke erworben und auch jüdische Sammlungen beschlagnahmt. Rudert: „Dresden war zwar nur Zwischenstation für diese Kunst, aber ein wichtiges Zentrum der Dokumentation des Projekts.“

Von Simona Block, dpa

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