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Radebeul gehen die heimischen Arbeitskräfte aus

Wirtschaft Radebeul gehen die heimischen Arbeitskräfte aus

Radebeuls OB Bert Wendsche schlägt Alarm: In den nächsten 30 Jahren können durch altersbedingte Abgänge rund 6000 Arbeitsplätze in der Lößnitzstadt nicht durch jüngere Einwohner besetzt werden. Grund ist der Geburtenknick nach der politischen Wende 1990. Wenn für dieses Problem keine Lösung gefunden wird, droht eine neue Deindustrialisierung.

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Bert Wendsche

Quelle: Foto: Archiv

Radebeul. In Bezug auf den Arbeitsmarkt ist immer wieder vom Fachkräftemangel die Rede. Dieser Begriff trifft jedoch auf die Situation, vor der Radebeul, Sachsen und Ostdeutschland stehen, laut OB Bert Wendsche (parteilos) nicht zu. Das Wort Fachkräftemangel suggeriere, dass offene Stellen durch Qualifizierung und bessere Bezahlung wieder besetzt werden könnten. „Wir haben dagegen einen Arbeitskräftemangel. In den nächsten 31 Jahren werden Radebeul in der Altersgruppe der Beschäftigten, also im Alter von 25 bis 65 Jahren, fast 6000 Personen fehlen“, sagte Wendsche auf der jüngsten Stadtratssitzung. D.h., über 40 Prozent der jetzt in der Lößnitzstadt vorhandenen rund 13700 sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze können nicht durch Radebeuler besetzt werden.

Grund für diese Entwicklung ist der Geburtenknick nach der Wende. In den kommenden zwei Jahrzehnten gehen die Menschen, die in den 1950er und 1960er Jahren das Licht der Welt erblickten, in Rente. Auf den Arbeitsmarkt rücken die Jahrgänge der 1990er und 2000er Jahre nach. „Doch diese sind erheblich kleiner“, sagte Wendsche bereits in seiner Neujahrsansprache.

Ein Blick auf die Alterspyramide der Stadt, die das Stadtoberhaupt auf der Ratssitzung am Mittwochabend präsentierte, macht dies deutlich. 627 Radebeuler – 306 Frauen und 321 Männer – sind Jahrgang 1964. Sie kamen im bislang geburtenreichsten Jahr in der jüngeren Geschichte Deutschlands auf die Welt. Dagegen haben nur 142 Einwohner – 57 Frauen und 85 Männer – als Geburtsjahr 1993 in ihrem Ausweis stehen. In den Folgejahren steigen die Jahrgangszahlen zwar allmählich wieder und haben sich seit 2009 auf durchschnittlich 307 Geburten pro Jahr eingependelt. Noch sind laut Wendsche die Geburtenzahlen stabil. Durch den Nachwendeknick geht die Anzahl potenzieller Mütter (Frauen im Alter zwischen 18 und 40 Jahren) in der Zeit von 2009 bis 2025 jedoch um ein Viertel zurück, sie sinkt von 4162 auf 3200.

Der Geburtenknick Anfang der 1990er Jahre spiegelt sich in der Alterspyramide wie ein Kriegsereignis wider. Die Folgen bekommt die Gesellschaft in den nächsten Jahren zu spüren. Denn nicht nur in Radebeul, sondern im gesamten Freistaat können auf dem Arbeitsmarkt die Rentenabgänge nicht annähernd durch die nachwachsenden Jahrgänge ausgeglichen werden. Das Arbeitskräftepotenzial geht in den nächsten 30 Jahren um 30 Prozent zurück. Und es sind kaum Reserven auf dem Arbeitsmarkt vorhanden. „Selbst bei einem vollständigen Abbau der Arbeitslosigkeit könnte die Lücke nur zu rund 25 Prozent geschlossen werden“, so Wendsche. Im Gegensatz zu Westdeutschland besteht zudem auch kein Potenzial an Hausfrauen, die in das Berufsleben einsteigen könnten. „Die Berufstätigkeit von Frau und Mann ist bei uns seit langem die Regel“, so Wendsche. Des Weiteren fällt die Zuwanderung in den ostdeutschen Ländern weit geringer aus als im Westen.

Wendsche spricht daher nicht von einer Fachkräfte-, sondern von einer Arbeitskräftelücke. Wenn Industrie, Handwerk und Dienstleistung kein Personal finden, müssen Betriebe schließen. Es droht eine neue Deindustrialisierung. Lösungsvorschläge kann der OB gegenwärtig nicht anbieten. „Wir dürfen unsere Augen nicht verschließen, sondern müssen uns dieser Herausforderung stellen und nach einem Bündel an Lösungen suchen“, appelliert Wendsche an alle.

Von Silvio Kuhnert

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