Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Umland Neue Ausstellung widmet sich dem Thema Wohnen und zeigt Auswahl an Puppenstuben
Region Umland Neue Ausstellung widmet sich dem Thema Wohnen und zeigt Auswahl an Puppenstuben
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:11 14.11.2018
Das gesellschaftliche Leben en miniature: Puppenstuben spiegeln zumeist den Alltag ihrer Entstehungszeit wieder. Quelle: Christian Ruf
Rabenau

Heute kriegen Mädchen von ih­ren Eltern ja den 3803-teiligen Todesstern von Lego oder einen Transformers-Roboter geschenkt, den sie sich so sehr zu Weihnachten gewünscht haben, aber früher wurden Mädchen dreisterweise mit Puppen und Puppenhäusern bedacht, um sie in Geschlechterrollen zu pressen, wo­rüber man als von Gender-Stürmen ge­beu­telter Erwachsener „natürlich“ nur em­pört den Kopf schütteln kann.

Wie auch immer: Puppenstuben zu­hauf sind nun in der Sonderausstellung „Wie Wir Wohnen – von der Puppenstube zur virtuellen Wohnwelt“ des Stuhlbau­mu­seums in Rabenau zu sehen. Ein be­trächtlicher Teil der Schau widmet sich der Darstellung des Wohnens in Form von Puppenstuben und Puppenmöbeln. Hier zeigen die Sammlerin Ulrike Knoll aus Marienberg, die sich auf erzgebirgische Puppenhäuser spezialisiert hat, und der Ra­benauer Erik Palitzsch ausgewählte Beispiele aus ihren Sammlungen.

Pa­litzsch sammelt explizit Spielzeug aus DDR-Produktion, er möchte die Zeitzeugnisse als Geschichtsgut für die Nachwelt erhalten, wie zu lesen ist. Dazu kommen Objekte aus der Sammlung des Deutschen Stuhlbaumuseums. Außerdem ist es dem Museumsverein gelungen, die Firma Rülke aus dem Erzgebirge, einen noch heute aktiven Hersteller von Holzspielwaren, für die Ausstellung zu gewinnen. Vervollständigt wird die Präsentation in einem weiteren Teil mit der Darstellung moderner Puppenstuben. Von Lego, Playmobil und Barbie-Haus führt sie bis zur virtuellen Puppenstube, die nicht nur für Kinder interessant ist. Eine digitale und eine analoge Mitmachstation gestatten allen Besuchern, sich mit dem Thema des Einrichtens und der Untersuchung des noch intimsten Lebensraumes – dem Zuhause, zu dem eben nicht alle Zutritt haben – auseinanderzusetzen.

Puppenhäuser dienten früher auch dazu, Mädchen auf ihre spätere Rolle als Mutter und Hausfrau vorzubereiten. Quelle: Christian Ruf

Um die Mädchen der Familien spielerisch auf ihre späteren Aufgaben als Mutter und Hausfrau vorzubereiten, wurden einst im Bürgertum Wohnungen für Besserverdiener detailgetreu – en miniature – nachgebildet. In diese Zeit fällt auch der Beginn der industriellen Produktion von Puppenstuben. Nun, in großer Zahl verfügbar, hielten sie als „Spielzeug“ Einzug in alle sozialen Schichten der Bevölkerung. Dank Palitzsch ist in dieser Schau insbesondere an Puppenstuben aus DDR-Zeiten kein Mangel. Wer damals Kind war, kann tief in Erinnerungen eintauchen, andere werden sich fragen, ob die lieben Kleinen womöglich ganz anders spielten als gedacht. Wurden die Puppeneltern abends womöglich vor den kleinen Puppenkindern ins Bett geschickt, die dann bis ultimo in die Glotze schauten, womöglich gar Westfernsehen, denn der überwiegende Teil der Republik war ja eher nicht ein Tal der Ahnungslosen?

Erinnert wird auch an die „Fabrik feiner Holzspielwaren und Kinder-Militärartikel“ in Marienberg, wo zu Spitzenzeiten 200 Beschäftigte in Lohn und Brot standen. 1873 hatte der gelernte Buchbinder Ludwig Moritz Gottschalk, der 1840 in Po­­bershau geboren wurde, in einem alten Hammerwerk mit der Produktion von Puppenhäusern, Pferdeställen und Kaufmannsläden aus Pappe, vor allem aber auch Holz, begonnen. Ab den 1880er-Jahren expandierte er, baute alle Spielsachen ausschließlich aus Holz und avancierte zu einem der Weltmarktführer der Branche. Schon vor 1900 ex­portierte er bis nach Übersee und baute dort eine eigene Handelsvertretung auf. Weil die Puppenhäuser nicht in Musterkoffer passten, ließ er in einer Druckerei in Zöblitz Katalogblätter herstellen und reiste mit ihnen auch selbst um die Welt. Moritz Gottschalk starb 1905, das Familienunternehmen wurde in seinem Sinne weitergeführt, wobei der allgemeine technische Fortschritt sich alsbald auch in den Puppenstuben niederschlug. 1908 erstrahlte das erste Puppenhaus mit elektrischem Licht. Bad und Küche er­hielten fließend Wasser. Überhaupt spiegelten die Kleider der Puppen die Mode der Zeit wider.

Ab 1943 mussten die Firma in Marienberg kriegswichtige Waren produzieren, mit ein Grund, weshalb die Sowjetarmee im Mai 1945 die Fabrikantenvilla in Be­schlag nahm, Maschinen demontierte und abtransportierte. Ein Neubeginn wurde gewagt, aber 1981 fiel das Gebäude einem vorsätzlich gelegten Brand zum Opfer, da war die Fabrik längst verstaatlicht worden (zuletzt war man als Werk 4 den vereinigten Holzspielwaren Olbernhau zugeordnet). 1990 musste die Produktion stillgelegt werden.

Darüber hinaus wird Wissenswertes zum Thema Wohnen in Form von Zitaten und Fakten vermittelt. So wird aufgeschlüsselt, wie sich die Wohnsituation der Bevölkerung nach Altersgruppen darstellte. 77 Prozent der 20 bis 29-Jährigen wohnen zur Miete, 15 Prozent in einer WG (wohl auch eher zur Miete) drei Prozent in einer Eigentumswohnung, 21 Prozent im eigenen Haus. Auch manches Zi­tat findet sich. So liest man etwa: „Der deutsche Arbeiter ist nur leistungsfähig, wenn er eine vernünftige Wohnung und ein friedliches Heim besitzt. Dieses möge ei­ne wirkliche Heimstätte sein, daß heißt der Mensch soll sich darin wohl fühlen und er soll wissen, dass er in seiner Wohnung allein Herr ist.“ Der Satz könnte aus einer SED-Broschüre der frühen DDR stammen, de facto steht als Quellenvermerk: „A. Hitler, Verordnung vom 24. März 1934, Einblick – 100 Jahre Wohngeschichte...“, wie man verdutzt zur Kenntnis nimmt.

Von anderer Qualität ist wiederum das Zitat „... Jeder definiert sein ,Schöner Woh­nen’ anders. Immer wieder entstehen neue Trends, die Bandbreite reicht von mi­nimalistisch-modern bis hin zum kuschligen Landhaus-Look“. Dieses Zitat stammt aus dem Jahr 2017 und war im Magazin „elfpunktepost“ von Wendt & Kühn zu finden. Das Thema Wohnen ist eben ein weites Feld, reicht von Fragen wie „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ bis hin zu zur vielzitierten Losung „So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben.“

Bis 17. März 2019, Di. bis Do. jeweils 10 bis 16 Uhr, Fr. 10 bis 14 Uhr, So. 13 bis 17 Uhr

www.deutsches-stuhlbaumuseum.de

Von Christian Ruf

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der beliebte Schleichweg über die Pestalozzistraße von Radebeul-Mitte ins Zentrum von Ost bleibt noch mehrere Monate gekappt. Die Fertigstellung der Bauarbeiten im Abschnitt zwischen Schumannstraße und Schildenstraße verzögert sich.

13.11.2018

Seit über einem Jahr leistet der Ukrainer Dmytro Sharavara einen Freiwilligen Dienst in einer Radebeuler Kita. Danach möchte er gern als Kindergärtner in der Lößnitzstadt bleiben.

12.11.2018

In diesem Vortrag erfahren Interessierte Wissenswertes rund um das Thema „Feng Shui“.

12.11.2018