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Häuserheben im Flutgebiet – Brockwitzer Niederseite wird Forschungsprojekt

Hochwasserschutz Häuserheben im Flutgebiet – Brockwitzer Niederseite wird Forschungsprojekt

Für die Brockwitzer Niederseite gibt es neue Hoffnung. Sie wird unter dem Arbeitstitel „Brockwitz, ein Ort für gehobenes Wohnen“ Gegenstand eines breit angelegten Forschungsprogramms. Mit Hilfe der Wissenschaftler wollen die Coswiger beweisen, dass sich fehlender Hochwasserschutz ausgleichen lässt, indem man Häuser anhebt.

Der Blick von der Elbe ist idyllisch, täuscht aber über die hochwassergefährdete Lage hinweg. Werden die Häuser an der Niederseite tatsächlich gehoben, wird der Brockwitzer Kirchturm im Auge des Betrachters scheinbar schrumpfen.

Quelle: Uwe Hofmann

Coswig. Für die Brockwitzer Niederseite gibt es neue Hoffnung. Mit der vor reichlich einem Jahr beschlossenen Arbeit an einem Bebauungsplan, der die Hebung von 45 Häusern aus dem Überflutungsgebiet ermöglichen soll, sei man gegen unerwartet viele Einwände bei Behörden gestoßen, berichtet Oberbürgermeister Frank Neupold (parteilos). „Ich war am Anfang sehr pessimistisch, ob uns das gelingen wird“, sagt er. Für einen Stimmungswandel hat ein heiß erwartetes Schreiben vom Projektträger Jülich (PTJ) gesorgt, das am Mittwoch im Rathaus eingegangen ist. Es bestätigt die Aufnahme des Projekts – Arbeitstitel „Brockwitz, ein Ort für gehobenes Wohnen“ – in ein breit angelegtes Forschungsprogramm. Mit Hilfe wissenschaftlicher Analysen will man nun den Weg für eine Genehmigung des in dieser Form einmaligen Vorhabens erreichen.

Coswig hat dafür bereits in mühevoller Kleinstarbeit ein Netz zu mehreren Universitäten und Forschungsstellen geknüpft. Mit dem Bescheid vom PTJ ist nun klar, dass sich deren Mitwirkung an der unter akademischen Gesichtspunkten sehr interessanten Problemlösung auch finanzieren lässt. Ein Beispiel dafür kann das Zusammenspiel mit der Technischen Universität Dresden (TU) geben. Dort beschäftigen sich Wissenschaftler mit den Auswirkungen der Häuserhebung auf den Denkmalschutz. Und das nicht nur, weil acht der 45 betroffenen Häuser Denkmalschutz genießen, sondern vor allem wegen der Brockwitzer Kirche. Die ist zwar auf hohem Grund erbaut und wurde von den bisherigen Elbfluten kaum beeinträchtigt. Entsprechend denkt auch niemand daran, sie zu heben. „Denkmalschutz betrifft aber nicht nur das Gebäude selbst, sondern auch den umliegenden Bereich“, sagt Ordnungsamtsleiter Olaf Lier. An der TU wird also in erster Linie untersucht, was passiert, wenn alle Häuser rings um die Kirche plötzlich in die Höhe wachsen und der Kirchturm für den Betrachter um ein gehöriges Maß schrumpft.

Mit weiteren konkreten Fragestellungen sind andere Institute beschäftigt, etwa mit den zu erwartenden Folgen für Fauna und Flora, mit hydrologischen und strömungstechnischen Fragen. Denn nicht nur die Häuser sollen angehoben werden, rings herum soll auch neuer Boden angeschüttet werden. „Logisch, man muss ja auch irgendwie in die Häuser gelangen“, begründet Ordnungsamtsleiter Lier. Sollten alle wissenschaftlichen Gutachten die Machbarkeit des Vorhabens belegen, sieht er sich für die Konfrontation mit den sächsischen Genehmigungsbehörden gewappnet.

Das bedeutet allerdings, das noch viel Zeit vergehen wird. „Wir arbeiten parallel weiter am Bebauungsplan“, sagt Lier deshalb. Erkenntnisse aus der Forschung könne man ja sofort einfließen lassen. Die Bewohner der Niederseite, denen mancher nach der Juniflut 2013 schon die Umsiedlung empfohlen hat, müssen also weiter Geduld aufbringen. „Es darf nicht wieder 16 Jahre dauern“, sagt Dirk Landrock. Der „Angstpegel“ liege bei 6,30 Meter und damit viel zu niedrig. Ein kleiner Damm, der aber nicht mehr als die Aufstellfläche für den Coswiger Quickdamm oder eine Sandsackbarriere sein könne, gehöre deswegen mit zu den Überlegungen. „Der könnte einen Schutz bis um die sieben Meter bringen, so dass wir nicht bei jedem Tauwetter in Tschechien Angst haben müssen“, sagt Lier. Bittere Erfahrungen aus den Hochwassern 2002 und 2013 haben gezeigt, dass sich der tief gelegene Ortsteil allein mit einem mobilen Damm schwerlich gegen die Fluten verteidigen lässt.

Einen Damm, der bis zu einem statistisch alle 100 Jahre vorkommenden Hochwasser (HQ100) schützt, werde es zu seinen Lebzeiten wohl nicht mehr geben, hat OB Neupold vor Jahren beim Landesumweltamt in Erfahrung gebracht. Das war der Ausgangspunkt für die Überlegung, den Brockwitzern die Selbsthilfe zu ermöglichen. Denn für die Häuserhebung müssten die Eigentümer aufkommen, was für sie Kosten zwischen 120 000 und 150 000 Euro bedeuten würde. Eine Ungerechtigkeit, wie OB Neupold empfindet. An der Lockwitz bekomme man drei Millionen Euro vom Freistaat, um das Flüsschen hochwassersicher umzubauen. „Und an der Elbe werden wird alleine gelassen, da ist es plötzlich freiwillige Aufgabe“, wettert er. Voraussetzung für das Häuserheben ist aber der Bebauungsplan. Ohne darf im Überflutungsgebiet nicht einmal im Bestand gebaut werden.

Von Uwe Hofmann

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