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Umland Die Heinzelmännchen von Schloss Hermsdorf
Region Umland Die Heinzelmännchen von Schloss Hermsdorf
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07:30 29.06.2018
Schloss Hermsdorf Quelle: Anja Schneider
Ottendorf-Okrilla

Erst mal wird richtig gefrühstückt. Frisches Hack steht auf dem Tisch, dazu Semmeln und Kaffee. Frühstück auf Schloss Hermsdorf, immer jeden Montag und Freitag. Die zwei Da­men und vier Herren, die hier am gedeckten Tisch im kleinen Turmzimmer im Erdgeschoss Platz genommen haben, sind längst im Rentenalter – oder kurz davor. Es wird ge­schnat­tert, Klatsch und Tratsch machen die Runde.

Direkt vor den Toren Dresdens befindet sich das sehenswerte Barockschloss. Unsere Fotoserie bietet spannende Zusatzinformationen – und Einblicke in Bereiche, in die sonst normalerweise kein Besucher gelangt.

Das Frühstück hat Tradition. Bereits seit einigen Jahren treffen sich die rüstigen Herrschaften zweimal in der Woche in dem barocken Kleinod nahe der Dresdner Stadtgrenze. Allerdings nicht, um zu tratschen. Die vier Männer am Tisch tragen Ar­beitshosen, haben die Ärmel hochgekrempelt. Die gemeinsame Stärkung je­doch muss sein, bevor die rührigen Senioren gleich wieder voll zupacken. Sie gehören zum harten Kern der Interessengemeinschaft Schloss Hermsdorf (IG) – und mühen sich inzwischen seit 2013 trotz teils hohen Alters mit jeder Menge Tatkraft um den Erhalt und die Sanierung des Baus mit der großen Historie.

Gerade erst haben die engagierten Mitstreiter ihr bis­lang größtes Projekt ge­meistert. Im Westflügel haben sie kopfüber einen weiteren Teil der alten Pracht des Schlosses wiederhergestellt. An einer kleinen Figur im Stuck an der Gewölbedecke lässt sich gut sehen, wie viel Arbeit die Handwerker im Ehrenamt in den vergangenen Monaten geleistet haben. Ganze 28 Farbschichten haben die Männer in beinah end­loser Kleinstarbeit mit Spachteln und Pressluftwerkzeugen von den einst filigranen Verzierungen an der Gewölbedecke her­untergekratzt, den fast 400 Jahre alten Stuck so wieder freigelegt. Nur an der Figur blieben die Farbschichten zur An­schauung noch erhalten. Der Kontrast könnte größer kaum sein.

Fast 750 Arbeitsstunden haben die Mitglieder der IG in mehr als einem Jahr in den Westflügel gesteckt, erklärt Volker Dressler, der Chef des engagierten Trüppchens. „Wenn man schon etwas anfängt, muss man es auch richtig machen“, sagt der inzwischen 72-Jährige. Als sich die In­teressengemeinschaft vor fünf Jahren zu­sammenfand, hat sich der Ottonormalbürger ernsthaft gefragt, wo sich hier überhaupt anfangen lässt. Zu DDR-Zeiten und noch etliche Jahre nach dem Mauerfall diente das Schloss als Pflegeheim. Abgehangene Decken, willkürlich ein­gezo­gene Wände und andere Einbauten verdeckten fast überall im Schloss die einst barocke Pracht.

„Das mit der Decke war richtig schwere Arbeit. Nach zwei Stunden sind uns die Hände abgefallen“, sagt Volker Dressler. Unter den wachsamen Blicken des Denkmalschutzes restaurierten er und die anderen Mitstreiter – alle im Alter zwischen 60 und 80 Jahren – nicht nur die Stuckdecke. Das Rentnerkommando riss Wände und Zwischendecken heraus, er­neuerte Wandkonsolen und den kom­pletten Fußboden. Dank einer großzügigen Spende einer Dresdnerin über etwas mehr als 10 000 Euro konnten sie die dazu nötigen Sandsteinplatten kaufen, die sie dann Stück für Stück verlegten. Sogar eine neue Toilette baute die IG mit ein. Das Schloss wird auch öffentlich oder für private Veranstaltungen genutzt.

Das Vorgehen der Interessengemeinschaft ist gleich in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. In fünf Jahren hat die IG schon einiges geleistet. Im Ostflügel sa­nierten sie den Gartensaal, bauten im Erdgeschoss Heizungen ein, zogen eine vor Jahren eingestürzte Mauer auf der Rückseite des Schlosses wieder hoch, erledigen zudem immer wieder kleinere Reparaturen. Und dabei gehört ihnen das Schloss noch nicht einmal. Eigentümer ist die Großgemeinde Ottendorf-Okrilla. Doch weil das Geld im Ottendorfer Rathaus knapp ist, fielen Investitionen ins Schloss oft hinten runter. Eine Tatsache, der die IG nicht länger zusehen wollte.

Das Treiben der betagten Schlossretter stieß anfangs in der Gemeinde durchaus auf Skepsis. Inzwischen laufe die Zusammenarbeit mit der Verwaltung aber gut, so Volker Dressler. Die Formel dahinter ist einfach: Die Mitglieder der IG sammeln Spenden und stellen ihre Arbeitskraft zur Verfügung, die Gemeinde karrt benötigtes Material heran.

Einige Projekte sind allerdings auch für die IG zu happig. Gerade wird das Dach im Mansardengeschoss saniert. Die Gemeinde beauftragte eine Spezialfirma, bis Mai 2019 sollen die Arbeiten beendet sein. Das Vorhaben kostet knapp 600 000 Euro. Geld, das weder die rührigen Helfer noch die Gemeinde aufbringen könnte. Stattdessen gab ein prominenter Politiker einen entscheidenden Tipp, wie Steffen Frenzel, mit 60 Jahren das Nesthäkchen in der Gruppe, erklärt. Der frühere Mi­nisterpräsident Stanislaw Tillich (CDU), in dessen Wahlkreis der Ottendorfer Ortsteils Hermsdorf liegt, war schon öfter zu Gast bei der Interessengemeinschaft und verriet dabei auch, wie sich Fördermittel anzapfen lassen. Die Gemeinde stellte die nötigen Anträge und sicherte sich Zu­schüsse in Höhe von rund 500 000 Euro.

Etwa zehn Mitstreiter zählt die IG, auch Monika Klink und Angelika Frenzel gehören dazu. Letztere steckt hinter der Betreibergesellschaft des Schlosses, organisiert dort Hochzeits- oder Firmenfeiern und andere Veranstaltungen – wie etwa die jetzt am Wochenende geplanten Gartentage. Monika Klink ist unterdessen die Ex­pertin für die Geschichte des Hauses, führt Besucher durchs Schloss. Und beide mühen sich auch um die Ausstattung der Räumlichkeiten, ha­ben einen Teil des Barockschlosses de­korativ eingerichtet.

Ihr Engagement erklären die Mitstreiter der IG einerseits mit ihrer großen Verbundenheit zum Schloss. „Als Rentner hat man ja Zeit“, sagt Volker Dressler mit viel Süffisanz. Vor allem reizt aber die Herausforderung. „Wo kann man denn an einem so bedeutenden Denkmal mitarbeiten?“, fragt Steffen Frenzel. Und ir­gendwie, so sagt Volker Dressler, gehe es doch auch da­rum, den nachfolgenden Generationen etwas zu hin­terlassen.

Acht Fakten zum Schloss Hermsdorf

Errichtet wurde das Schloss Hermsdorf zwi­schen 1553 und 1575 von Christoph von Carlowitz – zunächst im Renaissancestil.

Seine heutige barocke Gestalt erhielt das Schloss nach einem Brand 1729. Auch George Bähr war an der Planung beteiligt.

Der letzte Schlossherr Hermann von Schönburg-Waldenburg starb 1943.

Nach dem Krieg nutzte die Sowjetarmee Schloss Hermsdorf für einige Monate als Kommandantur. In den Wirren der Nachkriegszeit verschwand ein Großteil der Inneneinrichtung aus dem Schloss.

Zu DDR-Zeiten diente das Schloss als Feierabendheim – und blieb auch nach dem Mauerfall noch bis 1998 Altersheim.

Nach der Jahrtausendwende scheiterte der Versuch, das Gebäude in ein Kunstschloss zu verwandeln.

Die Gemeinde ließ 2008 den Barocksaal im ersten Obergeschoss restaurieren – seit 2009 werden dort Trauungen angeboten. Jährlich gibt es bis zu drei Dutzend Hochzeiten in Hermsdorf.

Seit etwas mehr als zehn Jahren organisiert die Betreibergesellschaft von Angelika Frenzel in Hermsdorf regelmäßig private und öffentliche Veranstaltungen.

Die Liste mit den Vorhaben ist allerdings noch lang. Einen neuen Kessel für die Heizung will die IG an­schaffen und einbauen und wenn erst die Handwerker im Mansardengeschoss fertig sind, müssen die aufgebrochenen Wä­nde und Decken der darunterliegenden Räume wieder verputzt und hergerichtet wer­den. „Wir stehen schon in den Startlöchern“, sagt Steffen Frenzel. Und spätestens nach dem Frühstück wird wieder hingelangt – denn zu tun gibt es auf Schloss Hermsdorf immer irgendwas.

An diesem Wochenende lädt das Barockschloss Hermsdorf zu den Gartentagen ein. Präsentiert werden aktuelle Garten- und Pflanzentrends, dazu gibt es Vorträge und Mitmachangebote und verschiedene kulinarische Spezialitäten. Öffnungszeiten: Fr. 13-18 Uhr, Sa./So. 10 bis 18 Uhr. Eintritt: fünf Euro, Kinder im Alter bis zwölf Jahre kostenlos; Familienkarte: neun Euro. Parkplätze sind im Schlossumfeld ausreichend vorhanden.

Von Sebastian Kositz

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