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Umland Deutsche und Tschechen zwischen 1918 und 1945 – zumindest religiös und kulinarisch einig
Region Umland Deutsche und Tschechen zwischen 1918 und 1945 – zumindest religiös und kulinarisch einig
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09:15 05.11.2018
Das Sudetenland ist eine vorwiegend nach 1918 gebrauchte Hilfsbezeichnung für ein heterogenes und nicht zusammenhängendes Gebiet entlang der Grenzen der damaligen Tschechoslowakei zu Deutschland sowie Österreich, in dem überwiegend Deutsche nach Sprache, Kultur und Eigenidentifikation lebten. Quelle: Repro: Via Regia Verlag
Weesenstein

Selbstbestimmungsrecht der Völker, das war eines der Leitbilder für den Weltfrieden, das US-Präsident Woodrow Wilson verkündet hatte. Umgesetzt wurde das nur bedingt. In Oberschlesien und Ostpreußen wurde wenigstens noch abgestimmt. Die Deutschen in Böhmen wurden gar nicht erst gefragt, ob sie in der Tschechoslowakei leben wollten. Sie mussten. Einen Minderheitenschutz gewährte ihnen die Verfassung der neuen Demokratie immerhin, allerdings mit der Aussicht auf eine „sehr rasche Entgermanisierung dieser Gebiete . . .“, wie Tomas Masaryk, erster Präsident des heute vor 100 Jahren gegründeten tschechoslowakischen Staates, formulierte.

„Böhmen ist mein Heimatland!“ ist nun der Titel einer neuen Ausstellung, die ab heute auf Schloss Weesenstein zu sehen ist, wo man sich in den vergangenen Jahren ja immer wieder mit sächsisch-tschechischer Geschichte beschäftigte. Gefördert wird die neue Sonderschau im Rahmen des mit 15 000 Euro geförderten Projekts „Böhmen ist mein Heimatland“ aus dem Kleinprojektefonds in der Euroregion Elbe/Labe 2014 – 2020. Als Wanderausstellung konzipiert, wird sie auch im Schloss Tetschen (Decin) und im Stadtmuseum von Aussig (Ústí) gezeigt.

Offene Ohren auf tschechischer Seite

Der Titel der Exposition nimmt Bezug auf eine Zeile in der tschechische Nationalhymne. Früher konnten viele Deutsche auf die in der Hymne gestellte Frage, wo denn das Vaterland sei, ganz selbstverständlich antworten: Böhmen. Die Schau vermittelt nämlich, dass in dem aus dem Trümmern der Habsburger-Monarchie neu entstanden Staat dreieinhalb Millionen Deutsche lebten, die damit fast ein Viertel der Bevölkerung stellten. Und die lebten seit Hunderten von Jahren an den Randgebieten Böhmens und kamen nicht erst 1938 im Zuge des Münchner Abkommens mit Hitler als Okkupanten, um dann wieder 1945 aus dem Land geschmissen zu werden.

Beleuchtet wird in dieser Schau konkret das nicht spannungsfreie, aber auch keinen Dauerkonflikt darstellende Verhältnis zwischen Deutschen und Tschechen in Nordböhmen zwischen 1918 und 1945. Initiiert und konzipiert wurde die Ausstellung von Matthias Donath und Lars-Arne Dannenberg, wobei Alfons Adam und Tomás Okurka am zweisprachigen Katalog mitschrieben. Man sei auf offene Ohren auf tschechischer Seite gestoßen, bereitwillig habe man viele bemerkenswerte Leihgaben bekommen, etwa aus dem Nordböhmischen Museum in Reichenberg, also Liberec“, versicherte Danneberg gegenüber den DNN. Wichtige Exponate kommen auch aus dem Isergebirgs-Museum in Neugablonz, wo mitten Allgäu das Erbe deutscher Kultur und Industrie in den Gefilden um Gablonz, Reichenberg und Friedland gepflegt wird. Das Kapitel Vertreibung bleibt außen vor, erstmal...

Deutlich wird, dass die Tschechoslowakei überhaupt nur deshalb eine slawische Mehrheit aufwiesn, weil die Slowaken mit im Staatsboot saßen, sich aber auch bald als Bürger zweiter Klasse empfanden, da die Tschechen alles zu dominieren versuchten, politisch, wirtschaftlich, kulturell. Es gab auch auf tschechischer Seite Akteure, die eine „Verschweizerung“ des neuen Staates anstreben, letztlich kam es nie dazu. Entsprechend unzufrieden waren die Minderheiten des Vielvölkerstaates, in dem auch Ungarn (5,6 Prozent), Ukrainer (3,4 Prozent), Polen, Russinen, Russen, Rumänen, Kroaten und Juden lebten. Deutlich wird, dass die Deutschen gar nicht so sehr das Gefühl hatten, eine Minderheit zu sein, lebten sie doch vorwiegend in Gebieten, wo sie selbst die Mehrheit waren.

Katholisch mit Gulasch und Knödeln

Wie man erfährt, entstand der Begriff „Sudetendeutsche“ erst spät. Der Prager Geograf Franz Jesser prägte ihn 1902 für die deutschsprachige Bevölkerung Böhmens und Mährens. Vor 1918 war der Begriff kaum in Gebrauch, setzte sich nach der Gründung der Tschechoslowakei aber durch, weil die Behörden des jungen Staates die Verwendung der Begriffe „Deutschböhmen“ und „Deutschmährer“ untersagten. An sich gab es die Sudetendeutschen ohnehin nicht. Die deutsche Bevölkerung lebte in unterschiedlichen Landschaften, die kein zusammenhängendes Gebiet bildeten; sie sprachen verschiedene Dialekte und hatten schon aufgrund der Entfernung wenig miteinander zu tun. Deutsche, die im Böhmerwald an der Grenze Bayerns wohnten, verband eher wenig mit jenen, die in den Grenzgebieten gegenüber von Schlesien lebten.

So sehr vieles Tschechen und Deutsche trennte, es einte sie auch manches. Da war etwa der katholische Glauben, dem 95 Prozent der Bevölkerung anhingen. Auch in der Küche ist kaum ein Unterschied zu konstatieren, allenfalls der, das die Deutschen im Gegensatz zu den Tschechen dem Gulasch und den Knödeln auch noch Gemüse beigaben.

Wirtschaftlich ging es zunächst allen gut. Anders als im Deutschen Reich und Österreich kam es in der Tschechoslowakei nie zu einer Inflation und auch keiner Wirtschaftskrise, die Krone gehörte in der Zwischenkriegszeit zu den starken Währungen Europas. Aber dann kam die Weltwirtschaftskrise – und die traf vor allem die im deutschsprachigen Gebiet konzentrierte Textil- und Schmuckindustrie mit voller Wucht, wie Donath erklärte.

Sudetenland wird zum Mustergau

Die wachsende Unzufriedenheit machte sich eine Sammlungsbewegung zunutze, die am 1. Oktober 1933 unter Führung Konrad Henleins gegründet wurde. Wie vermittelt wird, wurde von der Sudetendeutschen Heimatfront, die zunächst mal keine Nazi-Partei war, wie Donath klarstellte, der tschechoslowakische Staat grundsätzlich anerkannt, aber dessen Umwandlung in einen Nationalitätenstaat und eine Autonomie für die Deutschen angestrebt. Bizarr: 1935 musste sich die Heimatfront auf Druck der Regierung in Sudetendeutsche Partei umbenennen. Rund 68 Prozent der Sudetendeutschen stimmten umgehend für sie. Und doch gab es auch in Böhmen nicht zu knapp deutsche Gegner des Nationalsozialismus, bei der SPD, der KPD, aber auch bei der Deutschen Christlich-Sozialen Volkspartei und der Deutschen Demokratischen Freiheitspartei.

Und im Reichsgau Sudetenland, der als „Mustergau“ organisiert wurde, in dem etwa das Vereinswesen umgehend gleichgeschaltet wurde, lebten (zunächst) 400 000 Tschechen, die keinerlei Minderheitsrechte genossen. Aber auch die anfängliche Euphorie vieler Sudetendeutschen wich bald Missstimmung. Die Einführung der reichsdeutschen Normen in Recht (was die NS-Diktatur davon so übrig gelassen hatte), Verwaltung und Wirtschaft beseitigte vieles, was zur deutschböhmischen Identität gehörte. Der Lebensstandard sank, beim Umtausch der Kronen in Reichsmark hatte die Reichsbank einen für die Sudetendeutschen ungünstigen Wechselkurs durchgesetzt. Die Sudetendeutsche Partei musste sich auflösen, eine automatische Übernahme der Mitglieder in die NSDAP erfolgte nicht, was viele „Volkstumskämpfer“ enttäuschte.

Begleitet wird die Ausstellung von Vorträgen im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Frühstück mit Geschichte“ (so etwa am 11. November, 10.30 Uhr, wo auf den Reichsgau Sudetenland eingegangen wird), Sonderführungen der Kuratoren und einer Busexkursion in die Grenzregion Tschechiens.

Die Ausstellung läuft bis 31. März 2019, ab November tgl. außer dienstags 10-16 Uhr geöffnet; www.schloss-weesenstein.de

Von Christian Ruf

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