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Bruch mit Routine und Genügsamkeit - Ein überraschend mutiges Programm der Landesbühnen Sachsen

Bruch mit Routine und Genügsamkeit - Ein überraschend mutiges Programm der Landesbühnen Sachsen

Fast zwei Jahre ist es her, dass Manuel Schöbel die Intendanz der Landesbühnen Sachsen in einer Not- und strukturellen Umbruchsituation übernommen hat. Jetzt, nach dem Abschluss des Übergangs in die gemeinnützige GmbH, zum Beginn der dritten Spielzeit, stellt er ein neu besetztes Leitungsteam vor.

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Der Portugiese Carlos Matos stellt sich als neuer Ballettdirektor u.a. mit seiner Choreographie "Romeos Julia" nach Shakespeare vor.

Quelle: Andreas Hartmann

Das Ensemble, mit dem er mindestens 26 Premieren stemmen will, hat weder er noch sich selbst ausgewechselt - ein Indiz für die Richtigkeit seiner Behauptung, es habe keine größeren Verwerfungen gegeben, ein anderes bietet die trotz ein paar Aufführungen weniger um 10 000 auf 170 000 gestiegene Besucherzahl, die Schöbel bescheiden als "Schwankung in die richtige Richtung" kommentiert.

Aber auch abgesehen von den strukturellen Änderungen, von denen die Zusammenarbeit mit einem eigenständigen Orchester die wichtigste ist, regiert keineswegs das Motto "Erfolgreich weiter wie bisher". Vielmehr gehe es darum, Gewohntes oder gar Erduldetes in Frage zu stellen, Experimente zu wagen, auch Risiken einzugehen, machte Schöbel deutlich. In der Spielplandramaturgie regiert das Aufrührerische. "Empört euch!", steht über einem Projekt in Sachen sozialer Gerechtigkeit.

Verantwortlich für einen schärferen zeitgenössischen Zugriff zeichnet insbesondere die neue Chefdramaturgin Gisela Kahl, die sich in der Zusammenarbeit mit Christoph Schroth und zuletzt Sewan Latchinian an der Neuen Bühne Senftenberg einen Namen gemacht hat. Sie wartet auch gleich mit einer Überraschung auf, indem sie einen noch gar nicht im Pressematerial erwähnten Abend mit Texten von Volker Braun ankündigt. Gegen die oft sprichwörtliche Behäbigkeit des Mehrspartentheaters kann sie auch auf die Oper bauen, die sich dem Aufbegehren starker Frauen verschrieben hat. Operndirektor Jan Michael Horstmann wagt sich in doppelter Leitung an Marc-Antoine Charpentiers "Médée", will zudem Richard Strauss' "Ariadne" dirigieren, die von Annette Jahns inszeniert, aber ganz aus dem eigenen Ensemble besetzt wird. Doch erst einmal leitet Horstmann Mozarts "Figaro", den er auf "sehr spannende, andere, erotische Art" ankündigt, wovon allerdings in der Kostprobe vor Beginn des Pressegesprächs - mit Miriam Sabba, Kazuhisa Kurumada in der Titelrolle und Horstmann am Flügel - noch nicht so viel zu ahnen war.

Kurumada aber hat seine erste aufsehenerregende Premiere sogar schon hinter sich, und zwar als Sänger und Tänzer beim Theater mit Live-Musik und Tanz unter dem Titel "Ossimisten - Wessimisten" zum Schlossfest in Torgau. Die Inszenierung ist Teil des auf knapp zwei Jahre angelegten, von der Bundeskulturstiftung geförderten Doppelpass-Projekts "eLBe Über(n)flussgesellschaft" mit dem freien Tanztheater bodytalk und zugleich exponierte Form spartenübergreifender Arbeit. Deren provokante und verunsichernde Seiten sollen auch nach innen wirken.

Hinzu kommen die Multitalente in der neuen Leitung, zumal Peter Kube als Oberspielleiter des Schauspiels und Carlos Matos als Ballettdirektor. Der Portugiese hat sich nicht nur als Choreograph einen Namen gemacht, sondern war zuletzt u.a. als Sänger in Köln engagiert, hat nicht nur im Portugiesischen Nationalballett getanzt, sondern auch in Choreographien von William Forsythe. In seiner ersten Choreographie für die Landesbühnen, "Romeos Julia" nach Shakespeare, wird er auch den Romeo tanzen, zur ersten Premiere auf der großen Bühne seine Tänzer zur Abgabe auch unerwarteter "Visitenkarten" anregen.

Peter Kube vorzustellen, scheint müßig, aber es überrascht doch der Mut, sein eigener wie jener, mit dem er in die völlig ungewohnte Aufgabe gerufen wurde, die er nun nicht mit der provokanten Forsche angehen kann und will, die ihn als Zwingertrio-Leader auszeichnet. Als Regisseur bringt er mittlerweile zehnjährige Erfahrung in Privattheater und freier Szene mit, besonders geschätzt wird er zudem mit seiner musikalischen Ader, als Entertainer, Schauspieler - kein Wunder, dass man ihn auch als Haushofmeister in der "Ariadne" erleben wird. Nein, den "Lear" wird er nicht selbst inszenieren, sondern Marcel Diaz, aber wenn er die großen Shakespeare-Stücke als unerlässlich für das Programm kommender Jahre hält, sollte er sich wohl auch einmal daran wagen. Kaum weniger vorgenommen hat er sich ja mit Storms "Schimmelreiter", für den, wie er betont, erst einmal eine Textfassung erarbeitet sein will, die der Poesie der Sprache gerecht wird.

Dies übersehend, ließe sich schlankweg behaupten, die Landesbühnen setzten vorzugsweise auf die Gattung Musical. Tatsächlich gibt Kube seinen Einstand mit "Black Rider" von Waits/Wilson/Burroughs, aber der ist sperrig genug und stellt höchste Ansprüche an die Besetzung (zumal ohne Gäste) wie auch das tänzerisch betonte "Fame", das er kommenden Sommer auf die Felsenbühne Rathen bringen will. Aber selbst wenn der Intendant auch noch "Annie get your gun!" inszeniert, gibt es daneben genug anspruchsvolle, zeitnahe, bissige Dramatik wie das von Dario Fo angesichts der Eurokrise neu überarbeitete "Bezahlt wird nicht" (Regie Stefan Wolfram) und Max Frischs "Frank V" in einer Inszenierung von Arne Retzlaff. Da zeichnen sich Kreuze fast von selbst in den Kalender, und dem Theater und seinem Publikum ist nur zu wünschen, dass gegenseitige Enttäuschungen ausbleiben. Tomas Petzold

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.08.2013

Tomas Petzold

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