Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Umland Angst vor Lärm: Initiative will Züge nach Prag teilweise unter die Erde verbannen
Region Umland Angst vor Lärm: Initiative will Züge nach Prag teilweise unter die Erde verbannen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:24 25.10.2018
Mehr als einen Kilometer lang und bis zu 40 Meter hoch könnte die Brücke über das Seidewitztal werden. Die Anwohner befürchten zusätzlichen Lärm. Quelle: Screenshot/SMWA
Pirna/Dresden

Mit dem Zug in nur ei­ner Stunde von Dresden nach Prag – es ist ein milliardenschweres Verkehrsprojekt, das Deutschland und Tschechien in den nächsten Jahrzehnten stemmen wollen. Erste Ideen und Pläne für die Umsetzung liegen längst auf den Tisch, in einem Vi­deo werden Neugierige sogar schon mit auf eine virtuelle Bahnfahrt genommen. Es ist ein Film, der vor allem Begeisterung wecken soll. Doch nicht überall sind die Zuschauer begeistert von dem, was sie da sehen. Vor allem bei den Menschen, die rechts und links des Seidewitztals leben.

Dabei gibt es in dem Film und auf den Plänen des Freistaats, die die aktuelle Vorzugsvariante für das Projekt skizzieren, gar nicht so viel zu sehen – zumindest was die schöne Landschaft im Sandstein und Osterzgebirge betrifft. Denn die Strecke soll zwischen Heidenau und dem nordböhmischen Chlumec größtenteils durch ei­nen 26 Kilometer langen Tunnel verlaufen. Die Betonung liegt auf größtenteils. Denn bei Ze­hista, Goes und Dohma sieht die Va­riante einen sechs Kilometer langen Ab­schnitt un­ter freiem Himmel vor – inklusive ei­ner einen Kilometer langen und 40 Meter hohen Brücke über Zehista und das Seidewitztal sowie ei­nes Überholbahnhofs kurz vor dem Tunnel.

Bereits vor einigen Monaten hat sich deshalb in der Region die Bürgerinitiative „Basistunnel nach Prag“ formiert. Die be­grüßt den Bau der neuen Bahnstrecke aus­drücklich. Es sei richtig, die Menschen im Elbtal vom Bahnlärm zu entlasten. „Und wir sind uns auch be­wusst, dass die Strecke für die Wirtschaft wichtig ist“, sagt Steffen Spittler von der Initiative. Doch sollte die Variante, die jetzt auf dem Tisch liegt, tatsächlich umgesetzt werden, werde der Lärm nur in eine andere Gegend verlagert, warnt Steffen Spittler.

Stattdessen treten er und die anderen Mitstreiter der Initiative für „einen echten Basistunnel“ von Heidenau nach Tschechien ein – ohne jegliche offene Streckenführung. Denn vom Lärm der riesigen Brücke über die Seidewitz und von dem Überholbahnhof, auf dem langsame Gü­terzüge halten, damit die Passagierzüge vorbeirauschen können, wären aus ihrer Sicht viele Einwohner in der Re­gion betroffen. In Zehista, Goes und Dohma, aber auch die Menschen in Neundorf, Zu­schendorf, Nentmannsdorf oder Rottwerndorf, zählt Annette Nötzel von der Bürgerinitiative auf. Würden die Züge jedoch gleich direkt ab Heidenau im Tunnel bis nach Tschechien rauschen, ließe sich das einfach verhindern, so die Überzeugung.

Die Bürgerinitiative, auch das betonen die Vertreter, will aber keineswegs nur fordern. „Wir möchte einen Weg aufzeigen, wie man eine Strecke baut, bei der keine Menschen zusätzlich belastet werden“, erklärt Steffen Spittler. Ein ambitioniertes Vorhaben, für das sich die BI gut gerüstet sieht. „Wir sind eine gu­te Mi­schung, bei uns arbeiten Ingenieure mit, die Kompetenz besitzen.“ Ziel sei es, einen Vorschlag zu unterbreiten, der dann ernsthaft geprüft werden kann.

Anm geplanten Abzweig in Heidenau, von wo die Strecke über die Bundesstraße hindurch in einen ersten kurzen Tunnel führt, will die BI nicht rütteln. Doch statt das die Gleise dann buchstäblich im ho­hen Bogen über die Seidewitz und Ze­hista hinweg und dicht an Goes und Dohma vorbei führen, sollen sie im Erdreich bleiben. Mit Blick auf die geografischen Be­dingungen vor Ort würde der Tunnel dann aber etwas weiter westlich verlaufen, schätzt Steffen Spittler.

Mit ihrem Ansinnen hat sich die Initiative bereits an beteiligte Behörden und die Bahn ge­wandt. Mit unterschiedlichen Er­folg. „Das Landratsamt hat uns zunächst Ansprechpartner genannt “, sagt Steffen Spitt­ler. Auch die Bahn signalisierte Ge­sprächs­bereitschaft, noch im November soll es ein Zusammenkommen geben. Ent­täuscht ist die BI indes über die Reaktion des sächsischen Wirtschaftsministeriums. Mehr als drei Monate habe sich das Ministerium für eine Antwort Zeit gelassen, die nach Auffassung der Initiative recht lapidar ausfiel. „Wir haben das Gefühl, dass man uns gar nicht ernst nimmt“, ­klagt Steffen Spittler.

Im Ministerium versuchen die Verantwortlichen indes, die Wogen zu glätten. Dass sich eine Initiative mit in die Planung des Großprojektes mit einbringe „bewerten wir positiv“, erklärt Sprecher Jens Jungmann. „In den verschiedenen Planungs- und Genehmigungsstufen ist in den kommenden Jahren immer wieder die Frage nach Varianten und Alternativen zu beantworten, um letztlich die richtigen Abwägungen aller Belange und In­teressen treffen zu können.“

Die BI befürchtet allerdings, dass mit der Vorzugsvariante die Weichen längst ge­stellt sein könnten und nun dafür weiter Tatsachen geschaffen werden. Doch auch in diesem Punkt widerspricht das Mi­nisterium. „Eine Planung für die Strecke gibt es noch nicht“, sagt Jens Jungmann. Die be­kannten Darstellungen seien das Ergebnis ei­ner Vorplanungsstudie. Die hätten vor al­lem dazu gedient, das Projekt beim Bund so zu bewerben, dass es im Bundesverkehrswegeplan die entsprechende Priorität erhalte. Das habe Er­folg gehabt. „Dennoch trifft das Ergebnis noch keinerlei Aussage über die tatsächliche Trassenführung, die dann realisiert wird“, so der Sprecher. Dies sei Gegenstand der folgenden Planungen, die erst in den nächsten zehn Jahren er­folgen soll.

Bei der BI drängen die Mitstreiter in je­dem Fall darauf, dass die Variante mit der offenen Strecke wieder vom Tisch kommt. „Das wird mit uns auf keinen Fall zu ma­chen sein“, sagt Steffen Spittler. Schließlich, auch das gibt die BI zu denken, leiden die Menschen schon genug unter Verkehrslärm. Die Autobahn, der Zubringer und künftig auch noch die Pirnaer Südumfahrung. „Wenn dann auch noch die Gü­terzüge und ICEs dazukommen, ist die Be­lastungsgrenze überschritten.“

Das Video und weitere Infos zum Projekt: http://www.nbs.sachsen.de

Die BI im Internet: www.basistunnel-nach-prag.de

Von Sebastian Kositz

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

74 Wohnungen in Ein- und Mehrfamilienhäusern entstehen derzeit in Coswig-Kötitz auf einer einstigen Industriebrache. Dass dort mal eine wichtige Maschinenfabrik stand, darauf weist nun ein neuer Straßenname hin.

23.10.2018

Radebeul gibt das Doppelte für Kunst und Kultur aus wie der Durchschnitt von Städten vergleichbarer Größe. Das sagte Oberbürgermeister Bert Wendsche (parteilos) bei der Verleihung des Kunstpreises. Er hielt ein Plädoyer für Kleinteiligkeit und Charakter seiner Stadt.

22.10.2018

In Coswig fehlen Hallenzeiten und das so arg, dass die evangelische Oberschule keinen lehrplangerechten Unterricht anbieten kann. Um schnelle Abhilfe zu schaffen, haben Stadt und Landkreis Meißen sich zusammengetan.

22.10.2018