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Umland Altbergbausanierung: Der Kampf mit den Löchern
Region Umland Altbergbausanierung: Der Kampf mit den Löchern
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09:33 06.01.2019
Michael Kühn vom Oberbergamt sowie Prokurist Robert Lorenz und Projektingenieurin Diana Seespeck von der Bergsicherung Freital (v. l.) betreuen ein großangelegtes Sanierungsprojekt im Altbergbau. Von einer unscheinbaren Holzhütte an der Karl-Stein-Straße in Gittersee aus geht es in die Tiefe. Quelle: Stefan Schramm
Dresden

Unscheinbar sieht sie aus, die inmitten von Wohnhäusern gelegene Holzhütte an der Karl-Stein-Straße in Gittersee, nahe der Stadtgrenze zu Freital. Doch das Schild am Bauzaun neben der Bäckerei sagt: „Alter Bergbau! Lebensgefahr!“ Tatsächlich liegt im Inneren der Hütte ein senkrechter Schacht, den das Sächsische Oberbergamt seit November in die Tiefe gräbt. An genau dieser Stelle befand sich seit den 1830er Jahren ein später wieder verfülltes Bohrloch. „Ein alter, ungesicherter, nicht verwahrter Schacht, von dem eine latente Gefahr ausgeht“, berichtet Michael Kühn, zuständiger Sachbearbeiter des Oberbergamts.

Nur rund 15 Meter tief müsse man mithilfe der an einem langen Seil aufgehängten Baggerschaufel graben – bis zum Gitterseer Stolln. Der Grubenbau ist ein Relikt des Steinkohlenbergbaus, der über viele Jahrzehnte im Raum Freital betrieben wurde. Der Stolln verläuft hier relativ oberflächennah und ist von wenig tragfähigem Gestein überdeckt, weshalb Unheil droht. „Wenn wir nichts machen, haben wir hier vielleicht irgendwann ein großes Loch. Deshalb werden wir ihn inklusive aller Randgrubenbaue so dauerhaft und standsicher verwahren, dass davon kein Risiko mehr ausgeht“, umreißt Michael Kühn das Projekt, das rund 1,65 Millionen Euro kostet.

Mitte 2020 soll es abgeschlossen sein – das hoffen zumindest die Verantwortlichen. „Hier gilt das alte bergmännische Sprichwort: ‚Hinter der Hacke ist es dunkel.‘ Man weiß nie genau, was auf einen zukommt“, sagt Michael Kühn. Vor allem in diesem speziellen Fall gibt es ein Problem: Zu dem alten Bohrschacht existieren keine Unterlagen. Und er ist auch nur der Anfang. Zwar ist das weiter bergab gelegene Mundloch schon mit Beton verschlossen und nicht mehr sichtbar, doch der Stolln stellt auch Verbindungen zu zwei weiteren senkrechten Grubenbauen her: zum Moritzschacht an der Cornelius-Gurlitt-Straße und zum rund 130 Meter vom Bohrloch entfernten Emmaschacht, der weiter östlich an der Karl-Stein-Straße lag.

„Wenn wir nichts machen, haben wir hier vielleicht irgendwann ein großes Loch.“

Anfang der 1990er Jahre – rund 130 Jahre nach der notdürftigen Verfüllung – hatte die Bergsicherung beide Schächte noch mal aufgegraben und mit Betonplomben schnellverwahrt. „Eine ist wahrscheinlich dauerstandsicher, doch die am Emmaschacht nicht. Sie kippt vermutlich schon ab, weil sie nicht an der richtigen Stelle sitzt, sondern oberhalb der Stollnsohle“, erklärt Michael Kühn. Die Folge: Niederschlags- und Grundwasser spülen offenbar das Erdreich an der Plombe vorbei in tiefergelegene Hohlräume. Und an der Oberfläche – „über Tage“, wie der Bergmann sagt, – gibt der Boden nach.

„Anwohner berichten, dass am Emmaschacht in den letzten Jahren im Garten Erdmassen verschwunden sind“, sagt Robert Lorenz, Prokurist des mit der Sanierung beauftragten Unternehmens Bergsicherung Freital. Hin und wieder, so in den Jahren 1863, 1966, 2000 und 2008, sei es am Gitterseer Stolln auch zu Einsenkungen und Tagesbrüchen gekommen – also zu oberirdisch sichtbaren Bergschäden, die den Anwohnern, Kommunen und Ämtern das Leben schwer machen. Im Extremfall gleicht dies einem kraterähnlichen Einsturztrichter, worin sogar Autos und Häuser verschwinden könnten. Diesem Problem will Robert Lorenz nun Herr werden.

Im nahen Freital gebe es zwar eine bergschadenkundliche Analyse, aber auch weitere ungesicherte Schächte, die noch keiner so richtig auf dem Plan habe. Andere Schächte in dem Abbaugebiet dienten in der Zeit der DDR der Wismut zum Abbau uranhaltiger Kohle. Das nunmehr bundeseigene Unternehmen besteht bis heute und ist vorwiegend mit der Sanierung und Rekultivierung seiner Hinterlassenschaften beschäftigt. Beim Altbergbau aus dem 19. Jahrhundert ist aber kein Rechtsnachfolger mehr greifbar, so dass dort der Freistaat zur Gefahrenabwehr selbst als Geldgeber aktiv werden muss. Sachsen lässt sich die Maßnahme dabei zu rund 80 Prozent aus dem EU-Regionalfonds EFRE fördern.

Der Gitterseer Stolln trifft etwa 26 Meter unter der Erde auf den Emmaschacht. In dieser Tiefe soll dann die erneuerte Plombe entstehen. Allerdings geht es noch wesentlich weiter nach unten – insgesamt rund 200 Meter zu einem Kohleflöz. „Deswegen ist der Emmaschacht auch nicht ganz ohne“, schätzt Michael Kühn ein. Das nahe alte Bohrloch, an dem derzeit gearbeitet wird, soll bis 2020 erstmals eine solche Plombe erhalten. Sitzt der Betonpfropfen, kommt ein spezielles Verfüllmaterial obendrauf. Das stabilisiert den Schacht und die Anwohner haben dauerhaft Ruhe. Die Holzhütte, ein Schutz vor Baulärm und unbefugtem Zutritt, kann wieder weg und für Michael Kühn ist das Ziel erreicht: „Dann müssen wir hoffentlich nie wieder herkommen!“

Von Stefan Schramm

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