Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Google+
Bergsteigerbund möchte 60 Sicherungsringe in die Johanniswacht-Felsen bohren

Streit in der sächsischen Klettererzunft Bergsteigerbund möchte 60 Sicherungsringe in die Johanniswacht-Felsen bohren

Der Sächsische Bergsteigerbund möchte an den Felsen der Johanniswacht zusätzlich 60 Sicherungsringe in den Fels bohren. Das stößt bei Traditionalisten der sächsischen Kletterethik auf Kritik.

Klettern im Elbsandsteingebirge beruht auf einer eigenen Kletterethik: zur Sicherung dienen vorrangig Seilschlingen, die an der Felsstruktur angebracht werden.
 

Quelle: Mike Jäger

Bielatal.  „150 Jahre Tradition – war´s das schon?“ – diese Frage prangte auf einem großen Plakat an der Südwand des Falkensteins nahe Ostrau. Das war vor drei Jahren während des Jubiläums zur Geburtsstunde des Sächsischen Bergsteigens. Kletteraktivisten machten mit dem Banner ihre Befürchtung deutlich, dass sich das Klettern durch das Aufweichung der Sächsischen Kletterregeln in seiner Einzigartigkeit verändern könnte.

Der Konflikt zwischen Traditionalisten und denen, die das Felsklettern in der Sächsischen Schweiz moderner gestalten wollen, erfährt gerade einen neuerlichen Höhepunkt. Der Vorstand und die Geschäftsleitung des Sächsischen Bergsteigerbundes (SBB) möchten im Bielatal ein Projekt starten. An der Gipfelgruppe der Johanniswacht sollen die Felsen mit 60 zusätzlichen Sicherungsringen ausgestattet werden. Damit wolle man Wege, die kaum Beachtung finden, einer größeren Kletteröffentlichkeit anbieten. So heißt es in einer Mitteilung des SBB-Vorstandes.

Der Pirnaer Kletterer Manfred Vogel, Erschließer neuer Routen seit über 50 Jahren, fragt: „Mit welchem Recht darf der Verein so viele zusätzliche Ringe in die Gipfel bohren?“ Die Felsen gehörten doch nicht dem SBB. Nur der Erstbegeher eines Kletterweges sei berechtigt, Sicherungsringe in den Fels zu schlagen. „Die Kletterregeln geben vor, dass dies spärlich erfolgen soll“, verweist Vogel auf das Regelwerk.

Üblicherweise erfolgt die Sicherung im Elbsandsteingebirge mit Seilschlingen, die vom Kletterer an den Steinstrukturen angebracht werden. Nutzen sich solche Stellen ab und taugen daher nicht mehr zur Sicherung, kümmert sich laut Kletterregeln eine Arbeitsgruppe im SBB darum, nachträgliche Ringe anzubringen. Auch bei besonders gefährlichen Stellen erfolgt dies nach reiflicher Prüfung.

Alexander Nareike, Vorsitzender des Sächsische Bergsteigerbundes, informiert, welche Kletterwege wie mit nachträglichen Ringen ausgestattet werden, damit diese mit weniger Risiko bestiegen werden können: „Selten gekletterte Wege – insbesondere im mittleren Schwierigkeitsbereich mit ungenügenden Sicherungsmöglichkeiten – sollen nachträgliche Ringe an ungesicherten Stellen bekommen.“ Wege, die mit Schlingen gut abzusichern sind, seien ausdrücklich nicht zur Nachrüstung vorgeschlagen worden. Der Vorstand beteuert zwar, dass es kein systematisches Einbohren in anderen Gebieten geben werde. Aber die Kritiker haben Zweifel. Immerhin nannte sich das Vorhaben anfangs Pilotprojekt.

In der Begründung zur geplanten Maßnahme an der Gipfelgruppe Johanniswacht verweist der SBB-Vorstand auf das Ergebnis einer Umfrage zur Zukunft des sächsischen Kletterns von vor vier Jahren. „Besonders Kletterer von Routen mittlerer Schwierigkeit wünschen sich eine bessere Absicherung“, argumentiert der Vorstand.

Eine Mehrheit der Befragten ist für den Erhalt des traditionellen Sächsischen Kletterns sowie für ein nur behutsames Nachrüsten mit Ringen, so wie es bisher erfolgte. „Insgesamt gesehen wird durch die Ergebnisse der Umfrage keine strategische Neuorientierung des SBB angezeigt“, schreibt dazu Lutz Zybell, der die Umfrage leitete, in der Vereinszeitschrift.

„Das methodische Anbringen von 60 zusätzlichen Ringhaken an den Johanniswachtfelsen widerspricht den Sächsischen Kletterregeln“, meint dagegen Hans-Joachim Scholz. Kletterwege benutzerfreundlich zu gestalten, sei ein Irrweg. Der 87-Jährige aus Dresden hat über 300 neue Wege im Elbsandstein begangen. Er wehrt sich strikt dagegen, dass Ringe nachträglich in einer seiner Wege angebracht werden.

Die Traditionalisten sehen das Sächsische Bergsteigen als Gegenpol zur schnelllebigen Zeit und zur Gesellschaft, in der nur „Schneller, höher, weiter“ etwas zu gelten scheinen. Klettern im Elbsandstein bedeute: Lernen, mit den gegebenen und unterschiedlichen Herausforderungen umzugehen sowie Respekt vor den Routen der Erstbegeher zu haben. Viele auswärtige Kletterer kommen gerade wegen der besonderen Kletterethik ins Elbsandsteingebirge.

Helge Kramberger aus Darmstadt ist einer von ihnen und er findet deutliche Worte: „Die Felsen im Elbsandstein sind nicht beliebig haltbar und abnutzungsresistent. Sie stehen nicht unbegrenzt zu unserer Verfügung. Je mehr wir sie unseren persönlichen Wünschen anpassen, desto schneller haben wir sie verbraucht.“ Man sollte den Felsen ihre Widerspenstigkeit, ihre Unbequemlichkeit und ihre Unzugänglichkeit als Selbstschutz zumindest in dem Maße lassen, wie es die Erstbegeher ihnen ließen.

Der Geschäftsführer des SBB, Christian Walter, setzt sich stark für das Johanniswachtprojekt ein. Als Mitglied der Bergwacht bringt er das Argument Sicherheit an. Schlingen würden einen Absturz oft nicht verhindern. „Viele Unfälle beim Klettern passieren gerade im mittleren Schwierigkeitsbereich“, sagt er. Das Projekt sei ein möglicher Weg für die Verbesserung der Sicherheit beim Klettern.

Da ist Kramberger anderer Ansicht: „Jeder Ring mehr sorgt dafür, dass Kletterer in einen Weg einsteigen, in dem sie ohne nicht eingestiegen wären.“ Das sei nicht immer eine gute Idee. Die vermeintliche Sicherheit sei daher oft trügerisch. „Wer bei diesem Thema etwas bewirken will, muss an ganz anderen Stellen ansetzen, nämlich in der Ausbildung und nicht bei nachträglichen Ringen“, findet Kramberger.

Die SBB-Vereinsatzung beinhaltet klar den Erhalt und die Pflege der sächsischen Kletterethik. Der Vorstand führt jetzt eine Internetbefragung zum Johanniswachtprojekt durch. Mitglieder dürfen zwischen Zeitgeist oder Tradition abstimmen. Kletterer anderer Bergsteigervereine wie Helge Kramberger oder Leute wie Hans-Joachim Scholz, der schon seit längerer Zeit dem SBB kritisch gegenüberstand und vor Jahren aus dem Verein austrat, haben keine Stimme.

Von Mike Jäger

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Region News

Ob zur Entspannung, in der Mittagspause oder zum Spaß mit Freunden. Auf unserer Spieleseite können Sie wählen zwischen Denksport-, Geschicklichkeits-, Such- und Sportspiele. Jetzt gratis spielen im Spieleportal von DNN.de! mehr

20.08.2017 - 11:03 Uhr

Beim Gastspiel in Braunschweig hatten Anhänger von Erzgebirge Aue ein Banner mit der Aufschrift "Sportgerichtsbarkeit = Vereinsholocaust" gezeigt.

mehr