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Von der Giftbrühe zum Badefluss: Das kleine Wunder an der Elbe

Luft nach oben ist vorhanden Von der Giftbrühe zum Badefluss: Das kleine Wunder an der Elbe

Vor 25 Jahren wäre niemand auf die Idee gekommen, in der Elbe zu baden. Von der Wasserqualität her ist das heute kein Ding - eine mehrere hundert Kilometer lange Schwimmstaffel ist ab Samstag der Beweis. Doch der Fluss hat neue Probleme.

Das Licht der untergehenden Sonne spiegelt sich in Dresden in der Elbe.

Quelle: dpa/Sebastian Kahnert

Berlin. Giftbrühe, toter Fluss, chemische Reinigung: Die Beinamen der Elbe waren vor dem Mauerfall alles andere als schmeichelhaft. Wie sehr sich dieses Bild gewandelt hat, zeigt sich ab diesem Samstag: eine mehr als 500 Kilometer lange Schwimmstaffel lenkt den Blick zur Elbe. In Etappen führt sie im Wissenschaftsjahr vom sächsischen Bad Schandau bis zur Staustufe in Geesthacht in Schleswig-Holstein. Doch es gibt nicht nur Erfolge. Trotz ihrer guten Wasserqualität hat die Elbe Stress - und ein Gedächtnis.

Zwei Tage nach dem Mauerfall zitierte der „Spiegel“ im November 1989 aus einer geheimen Studie des DDR-Umweltministeriums. Danach lag die Belastung der Elbe mit Schwermetallen um ein Vielfaches über den Höchstwerten der europäischen Trinkwasserrichtlinie. Es ging um Quecksilber, Cadmium, Chlorkohlenwasserstoffe und anderen Chemiemüll aus Kombinaten und Fabriken entlang der Elbe und ihren Nebenflüssen - eine Brühe, die vom deutsch-deutschen Grenzfluss in die Nordsee gespült wurde.

 Die Elbe bei Brambach (Sachsen-Anhalt)

Die Elbe bei Brambach (Sachsen-Anhalt)

Quelle: Peter Endig/dpa

Heute gleicht das Flusssystem Elbe an langen Abschnitten einem Naturparadies. „Ökologische Systeme haben ein hohes Regenerationsvermögen. Dass sich die Elbe aber so schnell erholt und auch viele Tiere wie der Elbebiber zurückkommen, das hat kaum jemand erwartet“, sagt Markus Weitere, Gewässerökologe am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Magdeburg.

Doch es bleibt ein großes Aber. Die Elbe sei durch Eutrophierung, also den Eintrag von Nährstoffen und dem daraus folgenden Algenwachstum, immer noch ein problematischer Fluss, berichtet Weitere mit Blick auf Nitrat und Phosphat aus der Landwirtschaft. Dazu komme die vom Menschen veränderte Form des Flusses mit Strömungen und Ufern. „Wenn wir den gesamten ökologischen Zustand des Systems Elbe anschauen, wird er immer noch nicht als gut bewertet, sondern in weiten Teilen als mäßig und unbefriedigend“, sagt Weitere.

Das sieht Christian Wolter vom Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei ganz genauso. „In den letzten Jahrzehnten hat man sich vor allem auf die chemische Wasserqualität gestürzt und hatte da auch große Erfolge“, sagt er. Seltene Flussfischarten wie Barbe, Hasel oder Aland kehrten zum Beispiel zurück. Auch der Lachs wird wieder angesiedelt. Seit Ende der 1990er Jahre aber seien Verbesserungen relativ marginal geblieben, ergänzt Wolter. Deshalb sei es Zeit für einen Paradigmenwechsel, ganz im Sinne der neuen Wasserrahmenrichtlinie: Nicht nur die chemische Wasserqualität zählt. Die ökologische Qualität ist gleichwertig.

Wichtig wäre eine Prioritätenliste

Susanne Heise, Ökotoxikologin an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg, hat vor allem die Ablagerungen der Elbe im Blick - ihre Sedimente. Sie sind wie das Gedächtnis eines Flusses. „Schwebstoffe und Schadstoffe in den Sedimenten sind heute die großen Probleme für die Elbe“, urteilt sie. Dazu zählen auch Altlasten wie Schwermetalle, die immer noch eingeschwemmt oder bei Hochwasser wieder aufgewirbelt und in großen Mengen weiterverteilt werden.

Kultur und Natur in sieben Bundesländern

Die Elbe gehört mit fast 1100 Kilometern Länge zu den großen Strömen Europas. Sie entspringt im tschechischen Riesengebirge und mündet hinter Hamburg bei Cuxhaven in die Nordsee. Zur Zeit der deutschen Teilung war die Elbe auf rund 100 Kilometern Grenzfluss. Heute durchfließt sie sieben Bundesländer: Sachsen, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg und Schleswig-Holstein.

Zu den großen Nebenflüssen der Elbe zählen neben Moldau und Eger in Tschechien auf deutscher Seite die Saale, Schwarze Elster, Mulde, Havel, Elde und Oste. Die Elbe gilt anders als der Rhein in langen Abschnitten als naturbelassener Fluss. Schadstoffe aus der Vergangenheit, Belastungen durch die Landwirtschaft und ihr Status als Bundeswasserstraße machen dem Fluss ökologisch trotz großer Verbesserungen bei der Wasserqualität aber weiter zu schaffen.

Zu Kultur- und Naturlandschaft der Elbe gehören in Deutschland die großen Städte Dresden, Magdeburg und Hamburg sowie der Nationalpark Sächsische Schweiz mit dem Elbsandsteingebirge und das Unesco Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe.

Zwar gebe es ein Sedimentmanagementkonzept mit Schwellenwerten für Konzentrationen, berichtet Heise. Es sei aber nicht verpflichtend und habe mit Blick auf Schadstoffquellen noch viele weiße Flecken. Wichtig wäre ihr deshalb eine Prioritätenliste: Wo ist es ökologisch sinnvoll, Altlasten vom Grund zu baggern? Solche Verfahren sind teuer. „Mit Verbesserungen bei den Sedimenten könnte die Elbe aber noch einmal einen Sprung nach vorn machen“, sagt die Forscherin.

Neben den Einträgen aus der Landwirtschaft gibt es andere, die man nicht sieht und von denen man nichts ahnt. „Dazu gehören Mikroschadstoffe und Antibiotika-Rückstände aus Krankenhäusern. Die lassen sich nicht so einfach aus dem Abwasser filtern und werden auch von Kläranlagen nicht vollständig zurückgehalten“, sagt Gewässerökologe Weitere. „Dazu kommt Mikroplastik, zum Beispiel aus dem Abrieb von Plastikflaschen oder Tüten. Das ist per se nicht giftig, aber es ist ein sehr widerstandsfähiges Material, das in die Nahrungskette gelangt.“

Und dann gibt es noch den Klimawandel, der im Verdacht steht, Extremwetterlagen mit Hoch- und Niedrigwasser zu begünstigen. „Hauptproblem ist also ein ganzes Set an Stressoren, die für sich allein wenig ausmachen, aber in ihrer Summe wirken“, resümiert Weitere. In vielen Bereichen sehen die Wissenschaftler deshalb Luft nach oben, um an der Elbe noch größere Wunder wahr werden zu lassen.

Von Ulrike von Leszczynski, dpa

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