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Mitteldeutschland „Viele Ostdeutsche haben nicht den Habitus der Oberschicht“
Region Mitteldeutschland „Viele Ostdeutsche haben nicht den Habitus der Oberschicht“
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18:02 07.02.2019
Aufschwung Ost? Auch knapp 30 Jahre nach der Wiedervereinigung besetzen Menschen mit Ost-Hintergrund kaum Führungspositionen in Deutschland. Quelle: Jens Wolf/dpa
Schwerin

Ganz oben steht natürlich Dauerkanzlerin Angela Merkel. Aber auch Hiltrud Dorothea Werner, Vorstandsmitglied der Volkswagen AG. Oder Thomas Krüger, Direktor der Bundeszentrale für politische Bildung. Auch Gerd Teschke, Rektor der Hochschule Neubrandenburg, gehören zu dem illustren Kreis: Sie alle sind Kinder der DDR, und sie alle sind im wiedervereinten Deutschland in Spitzenpositionen aufgestiegen. Das macht sie zu Exoten, denn laut einer Studie der Universität Leipzig aus dem Jahre 2016 besetzen Menschen mit Ost-Hintergrund lediglich 1,7 Prozent aller betrachteten Führungspositionen in Deutschland. Ihr Bevölkerungsanteil beträgt jedoch 17 Prozent.

Warum ist das drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung noch so und was bedeutet das? Darüber zerbrechen sich nicht nur Soziologen den Kopf. Werden sie systematisch benachteiligt? Oder sind sie selber Schuld? Haben sie immer noch nicht begriffen, wie Karriere geht? Oder wollen sie gar nicht nach ganz oben? Wenn ja, warum?

Forscher sieht kulturelle Benachteiligungen

Raj Kollmorgen, Soziologe an der Hochschule Zittau/Görlitz in Sachsen, schätzt ein, dass sich die verschwindend geringe Zahl Ostdeutscher an den Schaltstellen der Macht seit der Leipziger Studie kaum verändert hat. „Es ist es nach wie vor ein trauriges Bild“, sagt er. Die Gründe seien vielschichtig und auch noch nicht restlos erforscht.

Kollmorgen sieht bei Ostdeutschen, wie auch bei Menschen mit Migrationshintergrund, kulturelle Benachteiligungen beim Aufstieg. Teils würden diese von der westdeutschen Mehrheitsgesellschaft ausgeübt, teils seien sie hausgemacht. „Viele Ostdeutsche haben nicht den Habitus der Oberschicht, verfügen nicht über deren Geschmacksurteile und selbstbewusstes Auftreten.“ Dieses kulturelle Kapital, das einer einbringen könne, sei im Westen verbreiteter als im Osten. Und die Chefetagen großer Unternehmen und Verwaltungen, wo über Karrieren entschieden wird, seien in der Regel westdeutsch besetzt. Das gilt auch für Universitäten – kein Rektor bundesweit stammt derzeit aus Ostdeutschland.

Sicherheit statt Risikobereitschaft

Es gebe aber auch hausgemachte Ursachen, sagt Kollmorgen. „Wir finden bei den Ostdeutschen und in deren Familien häufiger eine Mentalität der Suche nach Sicherheit.“ Von risikoreichen Wegen werde abgeraten, was seine Ursache in Verlusterfahrungen nach der Wende habe. Familienmitglieder verloren ihren Job, erlebten Entwertung ihrer Lebensleistung und Bedeutungsschwund. Zu beobachten war der abgrundtiefe Sturz früherer Eliten. „Da bekommt der Nachwuchs bis heute oft die Empfehlung: Setz mal auf einen Beruf oder Studium, das dir Sicherheit gewährt. Wir als Eltern und Großeltern haben erlebt, wie schnell der Wind sich drehen kann. Wer hoch steigt, kann tief fallen.“ Dadurch, sagt Kollmorgen, treten weniger ostdeutsche Talente den Weg an die Spitze an - und weniger können dort ankommen.

Werner, Krüger und Teschke wurden in den 1960er und 1970er Jahren in der DDR geboren und wuchsen mit Erich Honecker, der Aktuellen Kamera, mit Pionierorganisation und FDJ auf. Sie haben zum Teil seltsam klingende Berufe gelernt, wie Facharbeiterin für Textiltechnik oder Facharbeiter für Plast- und Elastverarbeitung. Dann kam die Wende. Wie haben sie es trotzdem geschafft?

Weniger Ost-West-Unterschiede bei jungen Leuten

Der gebürtige Pasewalker Teschke, Jahrgang 1972, hat nach seiner Kindheit in Vorpommern Mathematik und Betriebswirtschaftslehre an der Universität Potsdam studiert, 2001 an der Universität Bremen promoviert und 2006 dort habilitiert. Zwischendurch war er im Ausland. „Meine innere Maxime war immer: Schau, was dir Freude macht, denn wenn einem etwas Freude macht, kann man auch große Kraft entfalten“, sagt er. „An der Uni in Bremen wurde ich schon mal mit beäugendem Interesse betrachtet, nach dem Motto: Was ist das für eine Pflanze?“ Als Nachteil habe er das aber nicht wahrgenommen. „Ich hatte nie das Gefühl, das mir etwas im Weg gestanden hätte.“ Heute könne er bei seinen Studenten keinen grundsätzlichen Ost-West-Unterschied mehr ausmachen. Eher sei zu erkennen, ob die jungen Leute aus der Großstadt oder dem ländlichen Raum stammen oder welchen Hintergrund das Elternhaus hat. Ein bisschen zweifelt er jedoch: „Vielleicht habe ich auch eine eingeschränkte Wahrnehmung.“

Aber auch die Universitäten sind weiter westdeutsch geprägt. Keine der Führungskräfte an Universitäten wurde in Ostdeutschland geboren. Das ist das Ergebnis einer Studie, die das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) am Donnerstag in Gütersloh veröffentlicht hat. Hochschulen wie die in Neubrandenburg wurden dabei nicht ausgewertet.

Von Mecklenburg in den VW-Vorstand

Hiltrud Dorothea Werner, 1966 im mecklenburgischen Bad Doberan geboren, studierte sogar noch zu DDR-Zeit Ökonomie, machte ihr Diplom im Wendejahr 1989 in Halle. Mitte der 1990er Jahre ging sie zu BMW nach Bayern, nahm an einem konzerneigenen, internationalen Management-Traineeprogramm teil, wie es auf der Internetseite von Volkswagen heißt. Sie ging für den Autobauer nach Großbritannien, wechselte nach mehreren Karriereschritten später zu ZF Friedrichshafen. Zum 1. Januar 2016 übernahm sie schließlich die Leitung der Konzernrevision der Volkswagen AG, seit nunmehr zwei Jahren sitzt sie im Vorstand.

Werner hält die Debatte zur Befindlichkeit und Situation der Ostdeutschen im Jahr 30 nach dem Mauerfall noch für zeitgemäß. Prägende Erfahrungen seien sehr langlebig, und hier gehe es um die einer ganzen Generation, sagte sie. Dass da vieles auch nach 30 Jahren noch nicht selbstverständlich sei, zeigten etwa kürzlich die zahlreichen Sendungen rund um 100 Jahre Frauenwahlrecht. „Die Frau in der ehemaligen DDR und die dort schon immer gelebte Vereinbarkeit von Beruf und Familie wurden komplett unterschlagen – das war mal wieder die reine Westbrille.“ Sie selbst bekennt sich klar zu ihren Wurzeln. „Am Anfang meiner Karriere hat meine Herkunft sicher auch eine größere und nicht unbedingt eine positive Rolle gespielt. Das legte sich aber, vor allem nach mehrjähriger Tätigkeit im Ausland.“

Werner und Teschke haben mit ihrem Aufbruch in den Westen anscheinend das Richtige getan. „Man muss sein Milieu verlassen, lernen, sich in anderer Umgebung zu behaupten“, sagt Soziologe Kollmorgen. Das sei auch jungen Ostdeutschen heute nur zu empfehlen. „Verlasst die Kuschelecke, erwerbt anderes kulturelles Kapital, atmet andere Mentalitäten.“ Das könne weiterhelfen.

„Es gab nicht den DDR-Bürger“

Der Weg von Thomas Krüger, geboren 1959 im thüringischen Buttstädt und aufgewachsen am Ost-Berliner Stadtrand, verlief etwas anders. Er wurde als junger Mann über politisches Engagement in der Wendezeit der letzte Stadtrat für Inneres in Ost-Berlin vor der Wiedervereinigung. Heute ist er zwei Tage die Woche in Bonn und drei in Berlin und leitet die Bundeszentrale für politische Bildung. Die Behörde sei „durch und durch rheinisch“ gewesen, als er im Jahr 2000 dort anfing, erzählt er. Mit ihm habe sich damals die Zahl der Ostdeutschen verdoppelt. Heute sei es viel gemischter. „Ost-West spielt keine Rolle mehr.“

Krüger hält die Zuschreibung „Ostdeutscher“ für eine Konstruktion, die es so gar nicht gebe. „Es gab nicht den DDR-Bürger.“ Es habe viele verschiedene Lebensentwürfe vor und nach der Wende gegeben. Und was viele Menschen mit Ost-Biografie gut könnten, nämlich improvisieren, sich schnell auf Neues einstellen, das sei heute in der globalisierten Welt zunehmend gefragt. Seine Empfehlung lautet nicht, in München zu studieren, um in westdeutsche Netzwerke zu gelangen, sondern in Leipzig. „Der junge Mensch erfährt in München eher die Konstruktion, die ihm angedichtet wird“, meint Krüger. „Das wird ihm in Leipzig nicht passieren.“ Leipzig mit seinen Transformationserfahrungen sei heute eine relevante deutsche Großstadt, die wachse und in die investiert werde. „Leipzig kann durchaus als Folie gesehen werden. Es ist eine der attraktivsten Städte für junge Leute in Deutschland.“

Neue Generation von Nachwende-Politikern

Der aufstrebende CDU-Bundespolitiker Philipp Amthor, 1992 und damit drei Jahre nach dem Untergang der DDR im vorpommerschen Ueckermünde geboren, sieht sich in erster Linie als Gesamtdeutscher. „Meine Heimatregion und die ostdeutsche Vergangenheit meiner Familie haben mich aber gleichwohl so geprägt, dass ich natürlich auch eine Identität als (Nachwende-)Ostdeutscher habe“, sagt er. Seine Herkunft habe er jedoch nie als Nachteil empfunden. „Ich habe mich nie damit abgefunden, dass sich jemand wegen seiner westdeutschen Herkunft für etwas Besseres hält. Das ist mir natürlich auch schon begegnet.“

Die aus Stralsund stammende Grünen-Bundestagsabgeordnete Claudia Müller (Jahrgang 1981) berichtet anderes. Sie habe ihre Herkunft aus Ostdeutschland durchaus als Malus erlebt, als sie sich um einen Praktikumsplatz in einem großen süddeutschen Unternehmen bewarb. „Ich schickte die Bewerbung mit meiner Stralsunder Adresse und bekam eine Absage. Zwei Wochen später schickte ich dieselbe Bewerbung von der Adresse meines Vaters, der damals in Hamburg arbeitete, noch einmal und wurde zum Gespräch eingeladen.“

Was die Wirtschaft mit ihren westdeutsch dominierten Konzernzentralen mit Sitz im Westen angeht, sieht der 26-Jährige Amthor die demografische Entwicklung auf der Seite seiner Generation. „Das Durchschnittsalter von DAX-Vorständen ist Mitte 50“, sagt er. Diese Altersstruktur stimme ihn optimistisch, dass mittelfristig auch mehr Ostdeutsche in die Führungsetagen nachwachsen werden. Allerdings: „Das wird nicht durch falsche Zurückhaltung, sondern nur durch Mut gelingen können.“ Einen solchen Mut könnten viele Ostdeutsche ganz selbstverständlich haben. „Weil sie klug, fleißig und couragiert sind - ebenso wie ältere Ostdeutsche, denen diese Chancen in der Nachwendezeit verwehrt blieben.“

Von Iris Leithold