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Mitteldeutschland Todesfahrer von Münster: Polizei durchsuchte Wohnungen in Sachsen
Region Mitteldeutschland Todesfahrer von Münster: Polizei durchsuchte Wohnungen in Sachsen
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19:02 08.04.2018
Polizeibeamte stehen vor dem Dom in Münster. Dort soll am Sonntagabend ein Trauergottesdienst stattfinden. Am 7.4. war ein Mann mit einem Transporter in eine Menschenmenge gefahren. Quelle: dpa
Münster

Nach und nach können die Ermittler einzelne Angaben zum mutmaßlichen Todesfahrer von Münster machen. Der 48-jährige Jens R. hatte nicht nur Wohnungen in Münster, sondern auch in Sachsen. In der Nacht zu Sonntag durchsuchten Beamte zwei Standorte in Pirna und Dresden, so das Polizeipräsidium Münster gegenüber LVZ.de.

Zu den Ermittlungsergebnissen der Durchsuchungen hielten sich Beamten bedeckt, doch es gebe bisher keine Anhaltspunkte für ein politisches Motiv, so Polizei und Staatsanwaltschaft Münster am Sonntag in einer gemeinsamen Erklärung.

Nach E-Mail Polizei in Sachsen informiert

Bereits Ende März gab es wegen Jens R. Kontakt zur Polizei in Dresden und Pirna. Damals hatte sich der Täter per E-Mail unter anderem bei einem Nachbarn gemeldet. Die Nachricht habe „vage Hinweise auf suizidale Gedanken“ enthalten. Die Polizei traf den Mann nicht in seiner Münsteraner Wohnung an, informierte deshalb auch die Beamten in Sachsen. Doch auch dort suchten die Beamten vergebens die Wohnanschriften von Jens R. auf.

Die Mail habe allerdings „keinerlei Anhaltspunkte für die Gefährdung anderer Personen“ enthalten, so Polizei und Staatsanwaltschaft. Die Polizei will nun das Verhalten des Täters in den Vorwochen der Tat rekonstruieren, um dem Motiv für die schreckliche Tat auf die Spur zu kommen, sagte Münsters Polizeipräsident Hajo Kuhlisch. Es habe in dieser Zeit Kontakte zum Gesundheitsamt gegeben. Kuhlisch äußerte, es gebe Hinweise, dass die Ursache für die Tat in der Persönlichkeit des Täters begründet sei.

Der Berliner Tagesspiegel berichtet allerdings am Sonntag, dass das sächsische Landeskriminalamt prüfe, ob der Amokfahrer Kontakte zu einer nicht näher definierten „Kameradschaft“ hatte. Mutmaßliche Mitglieder sollen in dem Pirnaer Mietshaus gewohnt haben, in dem auch eine Wohnung des 48-Jährigen ist. Laut Tagesspiegel werde zudem geprüft, ob Jens R. Kontakt zur rechten Szene in Münster hatte.

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Gasflaschen sichergestellt

Die Durchsuchungen in Münster und die Auswertungen der Ergebnisse dauern an, so Polizei und Staatsanwaltschaft in Münster weiter. In der Münsteraner Wohnung fanden die Polizisten am Sonntag mehrere Gasflaschen und Kanister mit Bioethanol und Benzin. Zu welchem Zweck der Täter die Stoffe in seiner Wohnung aufbewahrte, werde noch ermittelt.

Verletzte ringen um ihr Leben

In Münster ist Jens R. am Sonnabend mit einem Campingbus um 15.27 Uhr in eine Menschenmenge gefahren. Zwei Menschen kamen dabei ums Leben: eine 51-jährige Frau aus dem Kreis Lüneburg und ein 65-jähriger Mann aus dem Kreis Borken.

Es gab mehr als 20 Verletzte. Einige von ihnen sind nach Angaben der Ermittler auch am Sonntag noch in Lebensgefahr. Der Vorfall ereignete sich in der Altstadt am „Kiepenkerl“, einem beliebten Treffpunkt in Münster.

ÜBERBLICK: WAS WIR WISSEN

HERKUNFT: Nach den bisherigen Erkenntnissen stammte der Mann aus dem Sauerland und war Deutscher. Er soll 48 Jahre alt gewesen sein und schon länger in Münster gewohnt haben. Der Mann hatte laut Polizei mehrere Wohnanschriften, nicht nur in Münster. Auch in Pirna und Dresden hatte der Mann je eine Wohnung.

HINTERGRUND: Schon am Samstag hieß es, dass die Tat nach ersten Erkenntnissen keinen terroristischen oder islamistischen Hintergrund habe. Ermittler und Politiker bekräftigten das am Sonntag.

POLIZEIBEKANNT: Der mutmaßliche Täter war der Polizei bereits wegen mehrerer kleiner Delikte bekannt. Es habe drei Verfahren in Münster gegeben und eines in Arnsberg aus den Jahren 2015 und 2016 - sie seien alle eingestellt worden, sagte die Leitende Oberstaatsanwältin von Münster, Elke Adomeit. Es ging damals um eine Bedrohung, Sachbeschädigung, eine Verkehrsunfallflucht und Betrug. Man müsse den Sachverhalt der Verfahren noch aufklären. „Aber auf den ersten Blick haben wir hier keine Anhaltspunkte auf eine stärkere kriminelle Intensität, die wir bei dem Täter feststellen konnten“, sagte Adomeit.

PSYCHE: Nach dpa-Informationen war der Täter womöglich psychisch labil. Die Ermittler gehen davon aus, „dass die Motive und Ursachen in dem Täter selber liegen“. Was genau sie damit meinen, sagten sie zunächst nicht.

WAFFEN: Der Fahrer des Autos hat sich nach Angaben der Ermittler nach der Tat noch in seinem Wagen selbst erschossen. In dem Campingbus fanden Polizisten später diese Waffe, eine Schreckschusswaffe und rund ein Dutzend Feuerwerkskörper. Bei der Durchsuchung der Wohnung des Amokfahrers fand die Polizei eine nicht brauchbare Maschinenpistole vom Typ AK47, wie es hieß.

WAS WIR NICHT WISSEN

MOTIV: Die wohl meistgestellte Frage ist auch am Sonntag noch: Was trieb den Täter an? Die Ermittler sagen zunächst nur, dass die Tat nach ersten Erkenntnissen keinen politischen Hintergrund hatte. „Wir haben seit gestern Nachmittag in der ganzen Nacht die Wohnungen des Täters durchsucht“, sagte Polizeipräsident von Münster, Hajo Kuhlisch. „Die erste, doch schon etwas intensivere Durchsicht hat keinerlei Hinweise auf einen politischen Hintergrund ergeben.“

Von Evelyn ter Vehn (mit dpa)