Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Mitteldeutschland Tierrettung am Rande der Belastbarkeit
Region Mitteldeutschland Tierrettung am Rande der Belastbarkeit
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:08 14.07.2017
Tierrettung am Rande der Belastbarkeit Quelle: dpa
Anzeige
Bad Elster

Die jährliche Bestandsaufnahme für 2017 verheißt nichts Gutes: Einige Brutvogelarten gehen in verschiedenen Regionen Sachsens stark zurück. „Die Brutkolonien der Mehlschwalben sanken bei uns in diesem Jahr um 80 Prozent, das Wintergoldhähnchen um 60 Prozent, der Mauersegler um 40 Prozent“, berichtet Michael Künzel vom Naturpark Erzgebirge-Vogtland in Muldenhammer. Über die Ursachen kann Künzel nur spekulieren: „Wir wissen nicht, wie es mit dem Vogelbestand weitergeht und wer Schuld ist.“ Sorgen macht ihm auch der Turmfalke: „Die Eierschalen sind brüchig und dünn geworden, setzt sich der Vogel zum Brüten drauf, zerbrechen sie.“

Ein ähnliches Bild zeichnet Corinna Heinrich von der Vogel- und Igelpflegestation in Bad Elster (Vogtland). Im Moment ist Jungvogelzeit. „Es ist dramatisch, viele Jungvögel sind in einem geschwächten Zustand. Die Altvögel scheinen Probleme zu haben, sie mit genügend Insekten zu versorgen“, meint die 43-Jährige. Wer einen verletzten Jungvogel findet und aus Westsachsen kommt, landet oft bei ihr.

Heinrichs Station lebt von Spenden. Zwischen Chemnitz und Oberfranken nimmt sie Igel, Eichhörnchen und Vögel auf, die in ihrer privat geführten Station wieder aufgepäppelt werden – fast 400 Tiere im Jahr. Ein weiteres Problem: Kinder holen junge Vögel aus Nistkästen, um mit ihnen zu spielen oder sie gar selbst aufzuziehen. Insgesamt 34 Nestlinge, darunter Kohlmeisen, kamen so in die Station.

„Eltern und Schulen müssten den Kindern mehr über einheimische Wildtiere beibringen und wie man sich zu verhalten hat. Oft wurden die Jungvögel mit Haferflocken oder Apfelmus gefüttert, was sie nicht vertragen“, berichtet Heinrich. Wenn sie in die Station kommen, ist es manchmal schon zu spät.

Laut Hellmut Naderer vom Vorstand des Naturschutzbundes (NABU) Sachsen ist die Untere Naturschutzbehörde des jeweiligen Landkreises verantwortlich, wenn verletzte oder geschwächte Wildvögel gefunden werden. Doch die ist nicht rund um die Uhr erreichbar – im Gegensatz zu den privaten Pflegestationen. „Was dort ehrenamtlich geleistet wird, ist unvorstellbar“, sagt Naderer.

Hauptberuflich ist Heinrich Buchhalterin. In dieser Jahreszeit kommen täglich neue Zugänge in ihre Pflegestation. Nachts ist alle zwei Stunden Fütterung. Sind die Tiere stark genug, werden sie sofort wieder ausgewildert. Eine Zwickauer Pflegestelle hat in diesem Jahr aufgegeben. Als Grund nennt Heinrich die enormen Kosten für Spezialfutter und Tierarzt: „Viele Menschen haben wenig Verständnis, versuchen die Tiere erst selbst aufzuziehen und richten viel Schaden an oder erwarten, dass wir die Tiere vor Ort noch abholen.“

Schon bald kommt die Zeit der Igelbabys. Rund 90 Igel, deren Mütter meistens überfahren wurden oder unterernährt sind, päppelt Heinrich jedes Jahr auf. „Was wird mit denen, wenn ich aufhöre?“, fragt sich die Tierschützerin. Die nächsten Aufnahmestellen befinden sich in Leipzig und Dresden.

Nach den Worten von Naderer sind heimische Tiere und Pflanzen seit Jahren auf dem Rückzug. Die intensive Landwirtschaft sieht er als Hauptgrund: Monokulturen und ein hoher Pestizid-Einsatz: „Der Prozess ist schleichend, aber enorm. Ändert sich die Agrarpolitik nicht, sehen wir irgendwann eine grüne Landschaft, aber kaum Insekten und Vögel.“ Heinrich ergänzt: „Viele denken, schwache Vögel am Weg sollte man der Natur überlassen. Aber der Mensch greift massiv in die Natur ein – jetzt braucht sie Hilfe.“

dpa

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Zeit des Redens ist vorbei – jetzt muss endlich gehandelt werden. Das fordert Bernd Merbitz (61), der Chef des sächsischen Operativen Abwehrzentrums und Leipziger Polizeipräsident, von der Leipziger Stadtverwaltung. Im Stadtteil Connewitz macht Merbitz bereits rechtsfreie Räume aus.

14.07.2017

Sie lieferten kleine Blechteile für VW – und sollen sich gegen den Autoriesen zu einem Kartell zusammengetan haben. Das Kartellamt hat das jetzt auffliegen lassen – und verhängt Millionenstrafen. Fast 10 Millionen Euro sollen die Firmen zahlen. Auch Werke in Sachsen-Anhalt waren offenbar beteiligt.

13.07.2017

Eine Tarifeinigung im Einzelhandel in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen rückt weiter in die Ferne. Die dritte Verhandlungsrunde sei auf den 2. August verschoben worden, sagte Verdi-Verhandlungsführer Jörg Lauenroth-Mago am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur.

13.07.2017
Anzeige