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Teure Versicherungen bringen Hebammen in Not

Immer mehr Freiberufler geben auf Teure Versicherungen bringen Hebammen in Not

Sachsen ist das geburtenstärkste Bundesland. Die Geburtenrate erhöhte sich zuletzt von 1,57 auf 1,59 Kinder je Frau im gebärfähigen Alter im Jahr. Mehr Geburten bedeuten im Umkehrschluss die Notwendigkeit von Hebammen. Doch in Sachsen schließen die Geburtsstationen – aufgrund fehlender Hebammen.

Sachsen ist das geburtenstärkste Bundesland. Doch in Sachsen schließen die Geburtsstationen – aufgrund fehlender Hebammen.

Quelle: dpa

Leipzig. „Wir brauchen einen langen Atem“, sagt Volkmar Zschocke, Fraktionsvorsitzender und sozialpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im sächsischen Landtag. Er meint damit die aktuelle Lage der Hebammen in Sachsen – denn die ist problematisch. Und das, obwohl Sachsen das geburtenstärkste Bundesland ist und sich die Geburtenrate zuletzt von 1,57 auf 1,59 Kinder je Frau im gebärfähigen Alter im Jahr erhöhte. Mehr Geburten bedeuten im Umkehrschluss die Notwendigkeit von Hebammen. Doch in Sachsen schließen die Geburtsstationen – aufgrund fehlender Hebammen.

Seit 2015 schlossen demnach mehrere Kreißsäle in Sachsen, darunter in Sebnitz (März 2015), Oschatz (Dezember 2015) und Stollberg (Januar 2016). In den Nachbarbundesländern sieht es nicht viel besser aus: In Sachsen-Anhalt ist der Kreißsaal auf der Geburtsstation der Asklepios Klinik in Weißenfels akut von einer Schließung bedroht, im August 2017 wurde ein Kreißsaal im Gesundheitszentrum Bitterfeld-Wolfen vorübergehend ge- schlossen. In Thüringen wurde bereits im Juni 2016 ein Kreißsaal auf der Entbindungsstation im Elisabeth Klinikum in Schmalkalden geschlossen. Als Grund wurden auch hier Hebammenmangel ebenso wie Haftpflichtversicherungsprämien und Dauerbereitschaftsdienste genannt.

Nur noch 70 freiberufliche Hebammen

Nach Angaben des Deutschen Hebammenverbands haben in den letzten fünf Jahren aufgrund des starken Anstiegs der Haftpflichtprämie ein Viertel der freiberuflichen Hebammen ihren Beruf aufgegeben. Derzeit seien nur noch etwa 70 freiberufliche Hebammen in der Geburtshilfe in Sachsen tätig. Grund dafür ist vor allem die finanzielle Last: Denn leistet eine freiberufliche Hebamme in Sachsen Geburtshilfe, liegen die jährlichen Kosten ihrer Haftpflichtversicherung bei aktuell 7639 Euro. Bis 2020 sollen die Kosten auf 9098 Euro steigen.

Die Folgen sind fatal. Viele Hebammen entscheiden sich aufgrund der Versicherungskosten gegen die Geburtshilfe und konzentrieren sich nur noch auf Vor- und Nachsorge – oder geben ihren Beruf gänzlich auf.

Grit Kretschmar-Zimmer ist Hebamme und zudem Vorsitzende des Sächsischen Hebammenverbandes. Sie weiß, wie frustrierend die Situation für ihre Kolleginnen ist. „Weil immer mehr Hebammen ihren Beruf aufgeben, leisten die verbliebenen Hebammen eine enorme Mehrarbeit an allen Fronten. Was nicht mehr zu schaffen ist, muss liegen bleiben.“ Das heißt im Klartext: Es bleiben immer mehr Frauen unversorgt. Und das mittlerweile nicht mehr nur bei der Geburtshilfe, sondern auch bei Schwangerschaftsbegleitung und Wochenbettbetreuung.

Vor allem im Bereich der Wochenbettbetreuung, also für die sechs bis acht Wochen nach der Geburt, in denen sich die Mutter von Schwangerschaft und Geburt erholt, fehlt es an Hebammen. Besonders rund um Leipzig, Dresden, Chemnitz und Zwickau. Dabei haben Frauen einen rechtlichen Anspruch auf eben jene Leistung, bei der die Hebamme mindestens einmal täglich nach dem Rechten schaut und Hilfestellung gibt.

Die Politik hat das Problem teilweise erkannt und ist nicht untätig. Der ins Leben gerufene Sicherstellungszuschlag der gesetzlichen Krankenkassen soll beispielsweise einen Großteil der Haftpflichtkosten in der Geburtshilfe übernehmen. Doch dieser Zuschlag umfasst nicht die gesamte Haftpflichtsumme, sondern nicht einmal 5000 Euro.

Ende letzten Jahres stellte die Grünen-Fraktion im Sächsischen Landtag einen Antrag in den Haushaltsverhandlungen, wonach 2017 und 2018 insgesamt 350 000 Euro für ein sogenanntes „Programm zur Sicherung der Hebammenversorgung“ bereitgestellt wurde. Es folgten Gespräche am Runden Tisch, die nächste Zusammenkunft ist für das kommende Jahr geplant.

Eine Koordinierungsstelle „Hebammen in Sachsen“ wurde in Dresden mittlerweile eingerichtet. Anke Uhlig ist Hebamme und engagiert sich dort. Im Dezember fällt der Startschuss für eine umfangreiche Studie, an der sich möglichst viele Hebammen, Mütter und Krankenkassen beteiligen sollen. „Nur so lässt sich eine solide Datenlage erfassen, um dann genaue Forderungen zu stellen, wie und wo der Hebammenmangel beseitigt werden muss“, erklärt Anke Uhlig.

Ausbildung wird vom Freistaat gefördert

Und auch in Sachen Nachwuchs hat sich etwas getan, indem Hebammen im praktischen Ausbildungsteil durch die Sächsische Aufbaubank finanziell gefördert werden. „Der Umfang der Förderung wurde pauschal auf 20 Euro pro Ausbildungstag und maximal 1200 Euro je Hebammenschülerin festgelegt. Derzeit gehen erste Anträge dazu ein“, erklärt eine Sprecherin des sächsischen Sozialministeriums. Das Problem der Berufshaftpflichtversicherung muss, so sagt sie, auf Bundesebene geklärt werden. Dem pflichtet auch der Grünen-Politiker Volkmar Zschocke bei: „Viele Probleme lassen sich nur auf Bundesebene lösen. Die Geburtshilfe und die Hebammenversorgung in Deutschland muss wieder auf eine sichere Basis gestellt werden.“ Seine Fraktion setzt sich auch dafür ein, dass das Ministerium die Förderrichtlinie zum Landesprogramm zügig erarbeitet und veröffentlicht. „Die Hebammen brauchen Klarheit darüber, was in Zukunft gefördert werden kann.“

Erste Schritte in Richtung Besserung – doch ausreichend ist das noch lange nicht. Der Deutsche Hebammenverband fordert eine nachhaltige politische Lösung durch einen Haftungsfonds, der ab einer bestimmten Schadenssumme greift, um die Haftpflichtbeiträge für Geburtshelfer zu deckeln. Alternativ wäre eine Absicherung des Haftungsrisikos ähnlich der gesetzlichen Unfallversicherung denkbar.

Von Stephanie Helm

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