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Testfahrt: Zum Frühstück schnell nach Prag – Auf durchgängiger Autobahn

Nur noch eine Stunde Fahrzeit Testfahrt: Zum Frühstück schnell nach Prag – Auf durchgängiger Autobahn

Zum Frühstück nach Prag – mit diesem Werbeslogan wurde seit einem Vierteljahrhundert an der Strecke zwischen Dresden und der tschechischen Hauptstadt gebaut. Nur noch eine runde Stunde soll die Fahrt mit dem Auto dauern. Mal sehen …

Nur noch eine runde Stunde soll es mit dem Auto zwischen Dresden und Prag dauern.

Quelle: dpa

Dresden. Gründe, mal wieder nach Prag zu fahren, fallen mir viele ein. Lange nicht mehr dagewesen, schicker Mix aus Tradition und Moderne. Die fette Burg auf dem Hradschin und die engen Gassen der Altstadt. Manch einem reichen schon Bier und Knödel in einer der urigen Kneipen beiderseits der Moldau als Lockmittel. Sechs Millionen Touristen allein in diesem Jahr können sich nicht alle irren. Seit diesem Wochenende kommt noch die durchgängige Autobahnverbindung dazu. Die letzte große Lücke der Dalnice D 8 in Mittelböhmen wurde endlich zugebaut. Schon am Sonnabendvormittag schnitt die Politprominenz das Band durch, unter den Gästen auch Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) und Verkehrsmisnister Martin Dulig. Zum Frühstück nach Prag – mit diesem Werbeslogan wurde seit einem Vierteljahrhundert an der Strecke gebaut. Nur noch eine runde Stunde soll es mit dem Auto zwischen Dresden und Prag dauern. Mal sehen …

Milos Zeman (Mitte) und Stanislaw Tilich geben das letzte Stück der Autobahn frei.

Milos Zeman (Mitte) und Stanislaw Tilich geben das letzte Stück der Autobahn frei.

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Vignette nicht vergessen!

Start ist um 9 Uhr an der Anschlussstelle Dresden-Lockwitz. Nicht ganz das Zentrum der Elbmetropole, aber südöstliche Stadtgrenze. Vom Dresdner Zwinger hätte ich rund eine halbe Stunde bis hierher gebraucht, vom Leipziger Augustusplatz rund 70 Minuten. Kein Streckenrekord, aber mehr als 150 Sachen will ich meinem brummigen Selbstzünder nicht zumuten.

Geschmeidig geht es also auf der seit über zehn Jahren fertigen Autobahn 17 bis zur sächsisch-tschechischen Grenze. Zehn Minuten später rolle ich bei Breitenau ohne Kontrolle über die Grenze ins Nachbarland. Wer hier noch keine tschechische Vignette an der Frontscheibe kleben hat, sollte einen Boxenstopp einlegen. An die 3000 Säumige ohne Sticker ziehen Zoll und Polizei jedes Jahr auf dieser Route aus dem Verkehr, mit fast200 Euro Strafe wird an Versäumtes erinnert. Ähnlich heftig zur Kasse gebeten werden ungeübte Böhmenbesucher selbst tagsüber mit nicht eingeschalteter oder defekter Beleuchtung.

Nach der Grenze wechseln die blauen Hinweistafeln gegen grüne. Die zeigen noch 106 Kilometer bis nach Prag. Die Autobahn heißt nun Dalnice 8 (D 8). Statt der deutschen Betonpiste geht es nun auf einem Band von schwarzem Asphalt weiter. Das Wetter in Nordböhmen ist genauso trübe wie in Sachsen, alles badet in einem Meer von milchigem Grau. Überwiegend zweispurig schlängelt sich die Autobahn durch Täler und über Berge.

Bis Trmice (Türmitz) rollt der Verkehr schon lange flüssig. Wo noch am Samstag nach Usti (Aussig) abgebogen und viel Lebenszeit im Stau an der Elbe verplempert werden musste, geht es seit Samstagnacht einfach geradeaus weiter Richtung Rehlovice (Groß Tschochau), wo der jüngste und letzte Autobahnabschnitt der D 8 beginnt. Zwei Tunnel und fünf neue Brücken wurden auf der zwölf Kilometer langen Strecke errichtet. Doch der heikelste Teil ist eine Böschung bei Prackovice (Praskowitz), wo vor dreieinhalb Jahren die fast fertige Autobahn unter einer halben Million Tonnen Schlamm verschwand. Auch jetzt, nachdem alles aufwendig wieder hergerichtet wurde, rumort es noch im Untergrund. Geologen kritisieren die Standfestigkeit vieler Fundamente.

Weil man sich offenbar noch immer nicht ganz sicher ist, ob alles steht, wie es sollte, wurde eine Brücke bei Praskowitz vorsichtshalber nur einspurig freigegeben, um sie zu entlasten. Das und das vorläufige Tempolimit von 100 Kilometer pro Stunde zwingt zur Mäßigung. Trotzdem sind es bis Lovosice (Lobositz) ganzeacht Minuten – gegenüber der Umleitung über Usti spart man also mindestens 25 Minuten ein. Damit sind die Straßenbauer ihren Plänen zwar ein paar Jahre hinterher – aber meinem Navigationsgerät immer noch ein Stück voraus: Das zeigt auf der neuen Strecke nämlich noch Offroad an …

Schnellste sind nicht immer Erste

Ab Lobositz, wo die Preußen den Österreichern im Siebenjährigen Krieg Beine machten, geht es mit Reisegetempo 130 weiter gen Süden. Nur wenige haben es wesentlich eiliger, was aber schnell nach hinten losgehen kann. Gerade wird vor mir wieder ein allzu flotter Geländewagen von einem zivil daherkommenden Auto mit flackernden Blaulichtern in der Heckscheibe auf den nächsten Rastplatz gelotst. Gut möglich, dass sich die Beamten zur Klärung des Sachverhalts reichlich Zeit nehmen.

Die „Käseglocke“, wie der 450 Meter hohe und markant aus der Landschaft aufragende Georgsberg bei Roudnice nad Labem (Raudnitz) im Volksmund heißt, versteckt sich heute überwiegend im Nebel. Die Kilometer fließen dahin. Bei der Moldauüberquerung in Nova Ves (Neudorf) weht schon ein Hauch von Hauptstadtluft herauf. Der mit 430 Kilometern längste tschechische Fluss, dem der Komponist Bedrich Smetana eindrucksvoll musikalisch huldigte und der ein Stückchen weiter östlich bei Melnik in die Elbe mündet, wird auch als Böhmisches Meer umschrieben. Doch im Gegensatz zur Moldau, die sich mit etlichen Kehren durch die Täler schlängelt, geht es mit dem Auto ziemliche geradewegs nach Prag. Nach langgestrecktem Schwenk nach Südwesten wird die Stadtgrenze in Brezineves erreicht, ein Stadtteil, der vor 42 Jahren in die tschechische Hauptstadt eingemeindet wurde. Es ist 9.56 Uhr: Weniger als eine Stunde seit Dresden. Und deutlich weniger als zwei seit Leipzig. Das nenne ich Fortschritt!

Pilsner Bier und Schifferklavier

Der Ehrlichkeit halber sei noch erwähnt, dass die Parkplatzsuche in der Millionenmetropole auch Zeit braucht. Am entspanntesten geht es auf einem der vielen bewachten Park+Ride-Plätze am Stadtrand, die oft Bus- oder Bahnanbindung haben, beispielsweise in Holesovice. Ich pirsche mich auf vier großen Winterrädern näher ans Zentrum ran und stelle schon hier fest, dass offensichtlich noch einige andere auf die Idee mit dem Frühstück in Prag gekommen sind. Dann ist irgendwo doch noch eine Lücke frei. Fix das Auto abgestellt, ein paar Kronen getauscht und rein ins Getümmel. Prag ist größer als die stolzen Großstädte Dresden und Leipzig zusammen. Das Fünffache der 1,3 Millionen Einwohner kommt übers Jahr noch an Touristen dazu. Ein großer Teil davon will offenbar zum Weihnachtsmarkt, auf den Plätzen der Altstadt geht kein Bratapfel mehr zur Erde. Gut beraten ist, wer seine Ziele über die reizvolleren Nebengassen ansteuert.

Auf halber Strecke zwischen Wenzelsplatz und Karlsbrücke kehre ich in die urige Schenke „Zu den zwei Katzen“ ein, wo ich mir so gegen elf ein scharfes Gulasch mit Knödeln nach Art des Hauses munden lasse, begleitet von Bier und Schifferklavier. Ist wohl schon eher ein Mittagsschmaus. Wer früher startet, schafft es aber locker zum Prager Frühstück mit Palatschinken oder Zimtkeksen. Und die Tschechen kommen nach Sachsen, zum Handeln, Wandeln oder einfach zum Freundschaftsbesuch.

Das alles war natürlich schon immer möglich – nur eben nicht so fix.

Von Winfried Mahr

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