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Seidendamast und Akustikvorhang - Crimmitschaus Stofftradition lebt

Textilstadt Seidendamast und Akustikvorhang - Crimmitschaus Stofftradition lebt

Seit dem Mittelalter lebte Crimmitschau von der Stoffproduktion. Von der einstigen Textilhochburg zeugt heute nur noch ein Museum - und eine Handvoll kleiner Betriebe. Die behaupten sich erfolgreich in der Nische und bieten mitunter sogar königliche Stoffe.

Eine Mitarbeiterin der Seidenmanufaktur Eschke arbeitet am 05.12.2016 an einem Webstuhl mit einem Seidendamast in Crimmitschau (Sachsen).

Quelle: dpa

Crimmitschau. Die golden schimmernden Muster wirken so plastisch, dass man sie unwillkürlich berühren muss. Der edle Seidendamast zierte einst das Empfangszimmer von Königinnen. 140 Jahre später erstrahlen Wände und Vorhänge auf Burg Hohenzollern, dem Stammsitz des preußischen Königshauses, wieder in altem Glanz.

Dafür gesorgt hat ein Unternehmen aus der einstigen Textilhochburg Crimmitschau. Im Showroom der Seidenmanufaktur Eschke ist der königliche Damast der Hohenzollern nur eine seidene Wandbespannung unter vielen. Andere Beispiele auf der langen Referenzliste sind Schloss Nymphenburg, die Hofburg Innsbruck, das Dresdner Stadtschloss oder Sanssouci.

Mit der Rekonstruktion exklusiver Stoffe hat sich der Fünfmannbetrieb europaweit einen Namen gemacht und eine Nische besetzt. „Wir sind das Tüpfelchen auf dem i - wer zu uns kommt, will das Original und nicht nur etwas, das so aussieht“, erklärt die Firmeninhaberin Helga Eschke.

Die einstige Textilhochburg Crimmitschau behauptet sich

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Anhand alter Stoffproben werde im Vorfeld einer Rekonstruktion bis ins Detail analysiert, wie das Gewebe aufgebaut war, welchen besonderen Ausdruck der Weber erzielen wollte, wie viele Kettfäden pro Zentimeter der Weber damals verwendete, welche Feinheiten und Drehungen das Garn hatte, welche Bindungen das entsprechende Muster ergaben. „Zum Schluss hat das von uns rekonstruierte Gewebe die gleiche Anmutung wie damals - damit man wirklich sieht, wie zum Beispiel Friedrich II. gelebt hat“, sagt Wolfgang Eschke, der seine Ehefrau Helga auch mit 72 Jahren noch täglich unterstützt.

Längst gehören nicht mehr nur Schlösser und Museen zu den Kunden aus ganz Mitteleuropa. Auch immer mehr Privatleute suchen nach etwas absolut Einzigartigem - Preise spielten dabei eine untergeordnete Rolle, erzählt Eschke. Wer originalgetreue textile Rekonstruktionen suche, lande früher oder später in Crimmitschau. Einen Konkurrenten haben die Eschkes, die mit nur drei Webmaschinen einen Jahresumsatz zwischen 500 000 und 800 000 Euro erzielen, demnach nicht.

Das Unternehmen gibt es in jetziger Form seit 2003. Vorher produzierte das Ehepaar im Vogtland Gewebe für Damenoberbekleidung, die Rekonstruktionen liefen nebenher. Doch der 1868 vom Urgroßvater gegründete Betrieb ging pleite, weil sie nicht rechtzeitig auf die Verlagerung der Produktion nach Asien reagiert hätten, sagt Eschke.

Diesen Einschnitt überlebt hat hingegen die Firma Spengler & Fürst - als einziger von 100 Textilbetrieben, die es hier noch 1920 gab. Heute hat das 1837 gegründete Traditionsunternehmen 25 Mitarbeiter und behauptet sich ebenfalls in der Nische.

Textilstadt Crimmitschau: Nur eine Firma hat bis heute überlebt

Crimmitschau kann auf eine lange Tradition als Stadt der Stoffe zurückblicken. Bereits im 15. Jahrhundert entwickelte sich die Textilproduktion zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige. Grund dafür war unter anderem der Fluss Pleiße und damit das nötige Wasser zum Waschen und Färben der Wolle, Garne und Tuche.

Mit der Gründung einer Manufaktur legte David Friedrich Oehler 1748 den Grundstein für den Aufstieg Crimmitschaus. Von seinen Reisen durch England brachte er die ersten Spinn- und Dampfmaschinen sowie Webstühle mit. „Das war der Anfang der Industrialisierung im westsächsischen Raum“, erklärt Klaus Eichhorn vom Förderverein Westsächsisches Textilmuseum Crimmitschau.

Durch den Bau der Eisenbahnstrecke Leipzig-Hof wuchs die Stadt weiter. Demnach verfünffachte sich die Einwohnerzahl innerhalb weniger Jahre von 2000 (1850) auf mehr als 10 000 (1861). Um die Jahrhundertwende waren rund 85 Prozent der Einwohner in der Textilindustrie beschäftigt. Zeitweise gab es bis zu 100 Betriebe.

Während der beiden Weltkriege wurde vornehmlich für das Militär produziert, viele Betriebe mussten schließen. Nach Kriegsende folgte die Enteignung. Die acht größten Firmen wurden 1962 zum VEB Volltuchwerke zusammengefasst. Ab 1972 wurden auch kleinere Betriebe eingegliedert. Später mussten zudem Textilproduzenten in den umliegenden Orten unter das Dach, so dass schließlich 5000 Menschen für Volltuch arbeiteten, sagt der ehemalige Betriebsdirektor des Werks.

Die Erzeugnisse aus Crimmitschau waren Eichhorn zufolge nicht nur in der DDR und der Sowjetunion gefragt, sondern auch in der Bundesrepublik. Demnach importierten bekannte Versandfirmen wie Neckermann, Quelle oder Otto Stoffe aus Crimmitschau. Mit der Wende brach die Textilproduktion fast völlig zusammen. Als einziges Traditionsunternehmen überlebte bis heute nur Spengler & Fürst.

Neben teuren Stoffen, die entweder in den Vertrieb oder die eigene Maßkonfektion gehen, setzt man auf die Gewebe der Zukunft. Sogenannte technische Textilien machen bereits 80 Prozent des Jahresumsatzes von rund 1,5 Millionen Euro aus, sagt Firmenchef Eckhard Bräuninger. „Da sehe ich ganz klar die Zukunft für unsere Branche.“

Das Angebot reicht demnach von Vorhängen, mit denen die Raumakustik verbessert wird, über antibakterielle Bekleidungsstoffe und Bettwäsche für Krankenhäuser bis zu Geweben für den Automobilbau. Neue Ideen entwickelt der Chef persönlich.

Bis 2012 sei das Verhältnis genau andersherum gewesen. Doch die Tuch-Fertigung sei angesichts der globalen Konkurrenz immer unrentabler geworden, sagt Bräuninger. „Wenn wir nicht reagiert hätten, wären wir heute nicht mehr da.“

Nach der Revolution in der DDR erlebte Crimmitschau den Niedergang eines ganzen Wirtschaftszweigs. Zu DDR-Zeiten arbeiteten bis zu 5000 Menschen bei den VEB Volltuchwerken, sagt Klaus Eichhorn, bis 1992 Betriebsdirektor bei Volltuch und heute beim Förderverein des Textilmuseums Crimmitschau aktiv. Inzwischen gäbe es nur noch eine Handvoll kleinerer Betriebe.

Bertram Höfer, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Nord-Ostdeutschen Textilindustrie, sagt, Crimmitschau stehe damit exemplarisch für viele andere Textilstandorte in den ostdeutschen Bundesländern. Nach dem schmerzhaften Aderlass in den 90er-Jahren habe man sich inzwischen zukunftsträchtige Marktsegmente erschlossen.

„Vor allem mit Zusatzfunktionen ausgestattete Textilien erobern immer mehr Einsatzgebiete in diversen Anwender-Branchen und ersetzen dort herkömmliche Materialien“, sagt Höfer. Demnach erwirtschaften die 350 ostdeutschen Textil- und Bekleidungsunternehmen mit technischen Textilien bereits mehr als die Hälfte des Jahresumsatzes von rund 1,8 Milliarden Euro.

Derweil lebt die jahrhundertealte Textilgeschichte Crimmitschaus zumindest im Museum weiter. Die ehemalige Tuchfabrik Gebr. Pfau, die derzeit nur am Wochenende offen steht, soll als Teil des Zweckverbands Sächsisches Industriemuseum zur Landesausstellung 2020 wiedererstrahlen.

Von Claudia Drescher

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